Call for Papers

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Tonsysteme und Stimmungen

21. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)

Musik-Akademie Basel / Hochschule für Musik (FHNW)

01.-03. Oktober 2021

Musik wird intoniert, Instrumente werden gestimmt. Auf der Grundlage von Ton- und Stimmungssystemen bauen Notationen auf, finden Musiktheorie und Musikpraxis statt. Das Konzipieren von und Nachdenken über Tonsysteme lässt sich in allen Kulturen verfolgen und ist historischen Prozessen unterworfen. Trotz dieser fundamentalen Bedeutung wird über die Grundlagen des jeweils zugrundeliegenden Tonsystems oftmals kaum reflektiert, etwa über die Tonnamen, die Folge von Ganz- und Halbtönen, die Schlüssel etc.

Die altgriechische Tetrachordlehre, die Musik des Mittelalters, die vieltönige Chromatik und Enharmonik des 16. und 17. Jahrhunderts, die mitteltönige Musik der Barockzeit, aber auch Ansätze zu Stimmungen von reinen Quinten und reinen Terzen des 19. Jahrhunderts und die mikrotonalen Konzepte des 20. und 21. Jahrhunderts lassen sich ebenso wenig auf dem gleichstufig-zwölftönig gestimmten Klavier darstellen wie die Musik vieler weiterer Kulturen der Welt.

Die Möglichkeit eines musikalischen Gedankens hängt vom Tonsystem ab. Nicht immer fügt sich alles ohne Spannungen. Und auch das Verhältnis von musikalischem Gedanken und zugrundeliegender Stimmung kann im guten Sinn widersprüchlich sein, wenn die Musik mehr und anderes ausdrückt, als es die Systematik und Nomenklatur des Tonsystems vorgeben. Stimmungen sind zudem unmittelbar mit den physikalischen Grundlagen der Musik – also der Akustik und den Bedingungen der Tonerzeugung – verbunden und gehören auf vielfältige Weise zur Theorie der Musik. Das reicht bis in die Aufführungs- praxis und den Instrumentenbau.

Der 21. Jahreskongress der GMTH in Basel möchte dazu einladen, über solche Fragen in diesem so zentralen, ja basalen Gebiet von Musiktheorie neu nachzudenken. Je breiter das Spektrum der Themen und Bereiche sein wird, desto besser. Die Keynotes sind nicht direkt den Sektionen des Kongresses zu- geordnet und sollen aus verschiedenen Perspektiven das Thema des Kongresses beleuchten. Als Keynote-Speaker sind eingeladen: die Komponistin Catherine Lamb, der Musiktheoretiker Alexander Rehding und der Spezialist für arabische und türkische Musiktheorie Michalis Cholevas. Der Campus der Musik-Akademie Basel mit der Hochschule für Musik (FHNW) und ihren Instituten Klassik, Schola Cantorum Basiliensis und Jazz bietet vielfältige Möglichkeiten: Spezialinstrumente, auf denen sich fast alle Fragestellungen der Thematik akustisch darstellen lassen, allen voran ein Nachbau von Nicola Vicentinos Arciorgano, stehen zur Verfügung. Zudem befassen sich die Forschungsabteilungen und Dozierenden auch institutsübergreifend schon länger mit dem Thema.


Die Sektionen des Kongresses

Die Sektionen sind inhaltlich bewusst nicht scharf voneinander getrennt. Ausdrücklich möglich und er- wünscht sind Beiträge, die Brücken zwischen den Sektionen bilden.

Systematisieren Tonsysteme ordnen Töne in jeglicher Art. Stimmungssysteme definieren eine Konfiguration der Tonhöhen, üblicherweise ausgehend von stimmbaren Instrumenten. Hinter beiden Begriffen stehen oft Systematiken, die Intervallkategorien nach mathematischen Prinzipien erklären und die gleichzeitig in den Kontext der Aufführungs- und Notationspraxis einer bestimmten Epoche oder eines bestimmten Kulturraums eingebunden sind. Wie ist das Verhältnis von etabliertem Tonsystem, seiner Stimmungsregel und praktizierter Musik? Welche musikalischen Ideen lassen sich in welchen Systemen artikulieren, und welche Widersprüche zwischen Idee und System sind verträglich? Wie ist das Verhältnis von melodischem Denken und Harmonik? Wie reagiert eine musikalische Idee oder Gestalt in unterschiedlichen Systemen? Welche utopischen Tonsysteme oder Stimmungsregeln würden neue Perspektiven eröffnen?

Lehren Tonsysteme und Stimmungen wollen verstanden und gehört werden. Welche Werkzeuge können in der Lehre Verwendung finden? Welche Visualisierungen unterstützen das Verstehen? Inwiefern sind Darstellungen von Tonsystemen (wie etwa das Gamut, die Hexachordlehre und die guidonische Hand) Verräumlichungen von Hörbarem, und welche Potentiale, aber auch Probleme gehen damit einher? Welchen Einfluss haben die erlernten räumlichen Strukturen von Tonsystemen auf das Produzieren von Musik? Wie können Stimmungsphänomene in der Lehre zu Gehör gebracht werden, digital aber auch real physikalisch klingend? Welche Medien und Datenbanken können eine Lehre unterstützen, die die Fragen der Stimmungen im Detail anschaulich vermitteln möchte?

Aufführen Mit der Aufführung von Musik realisieren sich Tonsysteme und Stimmungen. Mit welchen Fragestellungen beschäftigen sich die Ausführenden? Von welchem Tonsystem gehen sie aus? Unter welchen Kriterien sehen sie Notationen und Aufführungspraxis? Warum wird oft eine im Detail unterschiedliche Intonation gewählt? Welche Verbesserungen der Instrumente könnten bei der Aufführung helfen? Wie können Vokalensembles z.B. die Enharmonik von Vicentino und seinen Nachfolgern oder mikrotonale zeitgenössische Musik einstudieren? Wie stellt sich in der Aufführung das Verhältnis von gleichstufig gestimmten Tonstufen und rein gestimmten Intervallen dar?

Wahrnehmen Mit dem Gehör ist das direkteste Tor zur Wahrnehmung angesprochen, direkter als jede intellektuelle Auseinandersetzung. Es sind ganzheitliche Eindrücke, die bei uns Empfindungen auslösen. Was nehmen wir wahr? Offensichtlich überlagern sich im Hören gestimmter Klänge die Parameter; so sind z.B. im Schwebungsklang neben der Tonhöhe genauso die Klangfarbe wie auch der Rhythmus relevant. Wie können solche Konstellationen beschrieben werden? Welche Bedeutung haben sie für die Musik? Welche Theorien und Analysemethoden zielen auf eine solche Ganzheitlichkeit ab?

Veranschaulichen Die komplexe Positionierung der Ton- und Stimmungssysteme zwischen mathematischer Definition, historischer Herleitung und allen Fragen der Umsetzung in die Praxis führt zum Teil zu sehr komplizierten Beschreibungen. Visualisierungen können hier Abhilfe schaffen. Es gibt dafür zahlreiche historische und moderne Beispiele: Physikalisch reale Instrumente (wie etwa das Monochord) sowie digitale Medien können sowohl zur Veranschaulichung als auch zur Simulation der Klänge dienen. Die Sektion widmet sich der Frage, wie wir solche Konzepte nutzen können und welche Alternativen es in der Darstellung gäbe. Welche Tastaturen und welche Software können zur Simulation verwendet wer- den? Wo wäre hier ein Bedarf für Neuentwicklungen?

Freie Sektion


Formate

  • Einzelvorträge: 20 Min. Vortrag + 5 Min. Diskussion.
  • Panels: 90 Min., konzipiert als Folge von Vorträgen variabler Länge mit oder ohne Diskussion.
  • Buchpräsentationen: 20 Min. inkl. Diskussion – nach Absprache; Vorschläge bitte direkt an die Kongressleitung.
  • Workshops nach Absprache; Vorschläge bitte direkt an die Kongressleitung.

Einreichung und Organisation

Die Einreichungsfrist war verlängert bis zum 30.Mai 2021.

Einzelvorträge:

  • Abstracts (max. 2.000 Zeichen inkl. Leerzeichen).
  • Biographische Angaben (max. 1.000 Zeichen inkl. Leerzeichen).

Panels:

  • Kurze Darstellung des Konzepts und der Einzelbeiträge (insgesamt max. 4.000 Zeichen inkl. Leerzeichen).
  • Biographische Angaben aller Beteiligten (jeweils max. 1.000 Zeichen inkl. Leerzeichen).

Konferenzsprachen und Sprachen der Abstracts sind Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch.

Die Auswahl der Beiträge erfolgt mittels eines anonymisierten Verfahrens (double-blind peer review). Eine Verständigung erfolgt bis spätestens 15. Juli 2021.