GMTH

Reger-Perspektiven

Musikwissenschaftliches Symposium im Rahmen des Reger-Festivals 2016

Hochschule für Musik und Theater München

4.–5. November 2016

Tagungsprogramm


Stefan Fuchs


Im Mai 2016 jährte sich der Todestag Max Regers zum hundertsten Mal – Anlass genug, Leben und Werk dieses »letzten Riesen in der Musik«, wie ihn Paul Hindemith nannte, neu zu beleuchten. So fand am 4. und 5. November 2016 an der Hochschule für Musik und Theater München das Symposium »Reger-Perspektiven« statt. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Institut für Musikwissenschaft und der Abteilung Musiktheorie in Kooperation mit dem Institut für Musikwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität.

Den Anlass bildete der direkte Bezug Regers zu München und der Münchner Musikhochschule: 1905 hatte Felix Mottl, der damalige Präsident der Akademie der Tonkunst Reger als Dozenten gewinnen können. Dieser allerdings legte sein Amt nach nur einem Jahr wieder nieder. Zu groß waren die Differenzen mit dem überwiegend konservativen Kollegium.

Reger, obgleich Exponent der musikalischen Moderne, nahm mit seinem eigensinnigen Individualstil schon damals einen Platz zwischen Traditionalisten und Avantgardisten ein. Orientiert an seinem großen Vorbild Johann Sebastian Bach hielt er zwar zeitlebens an der Tonalität unbeirrbar fest, gelangte aber durch die zunehmende Verdichtung seiner Harmonik und Motivik zu einer hochkomplexen Tonsprache, die bereits bei den Zeitgenossen teils auf begeisterten Zuspruch, teils auf vehemente Ablehnung stieß. Noch heute spaltet Regers Musik das Publikum.

Dass Reger als Komponist wie als Person auch in konfessioneller Hinsicht nicht leicht zu verorten ist, legte Claus Bockmaier (München) in seinem Referat über das kirchenmusikalische Schaffen des Komponisten dar. Reger, selbst bekennender Katholik (»Ich bin katholisch bis in die Fingerspitzen«), war aufgrund seiner Heirat mit der Protestantin Elsa von Bercken 1902 exkommuniziert worden. Und obgleich er sich weiterhin der katholischen Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlte, gestaltete Reger durch seine Affinität zu Bach, Brahms sowie zum protestantischen Choral die Erneuerung der evangelischen Kirchenmusik um die Jahrhundertwende maßgeblich mit. Auch Ariane Jeßulat (Berlin) wandte sich der Kirchenmusik zu. In ihrem Referat über »Regers Rezeption des Bach-Chorals« betrachtete sie satztechnische Konstellationen in Regers Motetten und stellte dabei direkte Bezüge zu den 1906 erschienenen Beiträgen zur Modulationslehre her, Regers einzigem musiktheoretischen Lehrwerk. Anhand prägnanter Beispiele belegte Jeßulat den Einfluss der Choräle Bachs auf Regers Tonsatz, wies aber auch Anleihen aus Werken Palestrinas und Mendelssohns nach. Jeßulat zeichnete ein Bild des Komponisten Reger, der sich als Teil einer Jahrhunderte alten Tradition verstand. Reminiszenzen seien nicht als Epigonentum, sondern vielmehr als ein Zeichen des Respekts gegenüber seinen Vorgängern zu verstehen.

Michael Polth (Mannheim) näherte sich in seinem Vortrag dem Klarinettenquintett A-Dur op. 146, Regers letzter vollendeter Komposition. Seine Untersuchung ausgewählter Passagen des ersten Satzes zeigte harmonische Zusammenhänge in vordergründig beziehungslosen Kontexten auf. Polth interpretierte den Stil des Klarinettenquintetts als potenziellen Beginn einer neuen, schlichteren Schreibweise Regers, die jedoch aufgrund des frühen Todes des Komponisten keine weitere Ausdifferenzierung erfuhr. Dem umfangreichen Liedschaffen Regers, einem bis heute weitgehend vernachlässigten Bereich seines Werkes, widmete Kilian Sprau (München, Augsburg, Essen) in seinem Referat besondere Aufmerksamkeit. Als Gegenstand seiner Analyse wählte er das frühe Lied »Mein Traum« op. 31/5, das er – visuell äußerst klar nachvollziehbar – in verschiedene Formteile gliederte. Besonderes Augenmerk legte Sprau auf den letzten Abschnitt der Komposition, der sich aufgrund seiner Fülle an ungewohnten mikroharmonischen Fortschreitungen abhebt und dadurch mit der Textvorlage korreliert.

Dorothea Hofmann (München) stellte in ihrem Vortrag »Reger und Busoni – Bezugspunkt Bach« die stets respektvolle, teils aber auch ambivalente persönliche Beziehung dieser beiden bedeutenden Bearbeiter Bachs in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Im zweiten Teil ihrer Präsentation verglich sie exemplarisch Klavierarrangements Regers mit denen Busonis und zeigte Unterschiede im Hinblick auf die Erzeugung von Klangfülle und die spieltechnischen Anforderungen. Auch Bernhard Haas (München) gestaltete seine Untersuchung von Regers Symphonischer Phantasie und Fuge op. 57 als eindrucksvollen Wechsel zwischen Klavierspiel und analytischem Kommentar. Dabei wies er nach, wie der harmonisch und motivisch äußerst komplexe Vordergrund des Werkes von einem archaisch-schlichten, kirchentonal beeinflussten Mittelgrund getragen wird.

Die folgenden beiden Vorträge befassten sich mit dem Einfluss, den Reger auf seine zeitgenössischen Musikerkollegen ausübte. Markus Böggemann (Kassel) umriss anhand beeindruckender Quellenbelege, dass die Mitglieder der Wiener Schule in Reger eine Art musikalischen Paten sahen und etliche seiner Werke einer Analyse unterzogen. Schönberg verstand Reger gleichsam als Vermittler zwischen Brahms und seinem eigenen Schaffen. Wolfgang Rathert (München) dagegen folgte den Spuren einiger Reger-Schüler bis weit ins 20. Jahrhundert: Dem Geiger Adolf Busch, dessen Bruder, dem Dirigenten Fritz Busch, sowie dem Pianisten Rudolf Serkin, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die USA emigrierten und Regers Werk dort bekannt machten.

Stefan Rohringer (München) ließ in seinem Vortrag schließlich Carl Dahlhaus zu Wort kommen. »Warum ist Regers Musik so schwer verständlich?« lautet der Titel eines 1973 erschienenen Aufsatzes, in dem Dahlhaus die These aufstellt, Reger ziele »bei Hörern, die wenig oder nichts begriffen haben« auf »das ebenso deutliche wie unangenehme Gefühl, daß sie nichts begriffen haben«. Rohringer setzte sich anhand einer Analyse des Liedes »Dein Bild« op. 70/12 mit Dahlhaus’ These kritisch auseinander.

Die folgende gemeinsame Schlussdiskussion aller beteiligten Vortragenden bot die Gelegenheit zu Resümee und Ausblick. Abschließend wies Stefan Rohringer mit Blick auf den interdisziplinären Charakter des Symposiums auf die interessante Tatsache hin, dass sich das Reger-Bild sowohl in der Musikwissenschaft als auch in der Musiktheorie momentan im Wandel befindet, wenn auch die Anlässe und Ansätze verschieden seien (so hatten sich etwa Polth, Haas und Rohringer in ihren Beiträgen der »Tonfeld-Theorie« von Albert Simon bedient, die erst in den letzten Jahren innerhalb des musiktheoretischen Diskurses auf den Plan getreten ist). Den Veranstaltern wurde für die gelungene inhaltliche Zusammenstellung der Vorträge, die gute Organisation sowie für die hervorragende Pausenverpflegung, die einige Studierende übernommen hatten, gedankt. Eine Publikation der Beiträge ist in Vorbereitung.

Das Symposium war eingebunden in das einwöchige Reger Festival 2016 – Eine Hommage, das vom 31. Oktober bis zum 5. November 2016 in der Musikhochschule stattfand. Studierende wie Dozierende würdigten den Komponisten mit einer breiten Auswahl an Werken unterschiedlichster Besetzung, die in insgesamt sechs abendfüllenden Konzerten aufgeführt wurden. Dabei reichte die Palette von Solowerken für Orgel, Klavier oder Bratsche – insbesondere erwähnt sei hier das beeindruckende Konzert vom 2. November mit Bernhard Haas, Diyang Mei und Markus Bellheim – über Kammer- und Chormusik, dargeboten vom Madrigalchor der Hochschule unter der Leitung von Martin Steidler und Max Frey, bis hin zu Orchesterwerken Regers wie den »Mozart-Variationen« op. 132, die im vorletzten Konzert des Festivals am 4. November zur Aufführung kamen, gespielt vom Hochschulsinfonieorchester unter Leitung von Martin Wettges.