Unschärfen, Leerstellen, blinde Flecken: 25. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie
Musikhochschule Lübeck
17.–19.10.2025
Tagungsprogramm: Tagungsprogramm
Daniel Grote, Johanna Kulke, Hye Min Lee, Sebina Weich
Der 25. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH) fand im Oktober 2025 an der Musikhochschule Lübeck statt und stand unter dem Thema »Unschärfen, Leerstellen, blinde Flecken«. Die Kongressleitung hatten Prof. Dr. Oliver Korte, Prof. Sascha Lino Lemke und Luis Ramos inne. Das Tagungsthema eröffnete die Möglichkeit, epistemische und methodische Grenzbereiche musiktheoretischer Forschung auszuloten, indem selten beleuchtete Themenfelder identifiziert, reflektiert und erweitert wurden. Zugleich wurden kanonisierte Inhalte und Traditionen aus kritisch-reflektierter Perspektive in ein diskursives Spannungsfeld überführt, um eine vertiefte Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Disziplinen und Teilbereichen der Musiktheorie anzuregen.
Bereits im Vorfeld (03.–04. Oktober 2025) fanden Workshops unter der Leitung des Dirigenten und Organisten Ton Koopman statt. Diese waren Teil des 14. Künstlerischen Wettbewerbs der GMTH 2025 und richteten sich sowohl an Wettbewerbsteilnehmende als auch an weitere Interessierte (passive Teilnahme). Inhaltlicher Schwerpunkt des Wettbewerbs und der begleitenden Workshops war die Rekonstruktion von Kompositionsfragmenten Dieterich Buxtehudes. Als Preisträger des Wettbewerbs wurden ausgezeichnet: Valentin Richter (1. Preis für die Kantate Dies ist der Tag), Frederik Kranemann (2. Preis für das Praeludium ex B) und Ugo Bindini (3. Preis für die Kantate Opachi boschetti). Eine lobende Anerkennung erhielt Tilman Clasen für die Rekonstruktion der Triosonate BuxWV 270. Die prämierten Beiträge wurden im Rahmen des Kongresskonzerts am 17. Oktober 2025 in der St. Jakobi-Kirche Lübeck in Kooperation mit dem Ensemble für Alte Musik der Lübecker Musikhochschule uraufgeführt.
Zwei Tage vor dem offiziellen Kongressbeginn wurde am 15. und 16. Oktober 2025 die dritte Runde der Autumn School unter Leitung von Prof. David Chappuis und Prof. Dr. David Mesquita durchgeführt. Im Zentrum stand das Hören als analytische und erkenntnisleitende Praxis: Die Dozierenden widmeten sich dabei insbesondere den Unschärfen zwischen musica in scripto, musica in voce und musica in mente sowie deren Wechselwirkungen, die durch einen (vokal-)praktischen Zugang in der Tradition oraler Musikpraxis erfahrbar gemacht und reflektiert wurden.
Das offizielle Kongressprogramm begann am Freitagmorgen (17. Oktober 2025) im Großen Saal der Musikhochschule Lübeck (MHL) und wurde mit Grußworten des Präsidenten der MHL, Prof. Dr. Bernd Redmann, sowie des Präsidenten der GMTH, Prof. Dr. Hans Aerts, eröffnet. Dabei wurde unter anderem auf die hohe Resonanz auf den Call for Papers 2025 und auf das vielseitige Tagungsprogramm verwiesen, das sich in fünf Sektionen gliederte (»Orale Traditionen«, »Zeitgenössische Musik«, »Musiktheorie zwischen Kunst und Wissenschaft«, »Das (un-)scharfe Gehör«, »Freie Themen«). Im Anschluss an die Begrüßung und die Preisverleihung des 15. Aufsatzwettbewerbes der GMTH https://gmth.de/wettbewerbe/ an die Preisträger*innen David Müller, Nura Natour und Leon Sundermeyer folgte die erste Keynote von Cornelius Borck (Lübeck), Wissenschaftshistoriker und Medizinphilosoph. Darin diskutierte er Leerstellen in wissenschaftlichen Forschungsfeldern unter dem Begriff »weiße Flecken auf der Landkarte«, zunächst aus medizinischer sowie kultur- und geisteswissenschaftlicher Perspektive und stellte deren Analogiebildungen zur Musiktheorie und historischen Musikwissenschaft im Kontext eines europäischen Kulturkanons heraus.
Zu jeder Sektion erfolgen ausgewählte zusammengefasste Berichte des offiziellen Tagungsprogramms. Weitere Beiträge können dem Tagungsprogramm im Archiv https://www.conftool.com/gmth2025/sessions.php entnommen werden.
Sektion I »Orale Traditionen«
Die erste Sektion umfasste Beiträge, die das Spannungsfeld zwischen Musiktheorie als primär auf Notation und Schriftlichkeit ausgerichteter Disziplin und nicht-schriftlich tradierten Musikformen sowie Lehrmethoden thematisierten. In diesem Zusammenhang wurden auch diverse Phänomene der Kunstmusik in den Blick genommen, die sich jenseits strenger Fixierung bewegen, darunter improvisatorische Praktiken bis hin zu explizit aleatorischen Gestaltungsspielräumen.
Im Zentrum des Vortrags von Anne Schinz (Berlin) stand die partimento-Ausführung auf Streichinstrumenten. Ausgehend von den Partimenti diminuiti von Francesco Durante erörterte sie neben Fragen der improvisatorischen Realisation insbesondere systematische Verfahren zur Herstellung motivischer Kohärenz im Spiel sowie die damit verbundenen satztechnischen und didaktischen Voraussetzungen innerhalb der historischen Partimento-Lehrtradition.
Philipp Teriete (Freiburg/Luzern) erläuterte den Zusammenhang zwischen dem klassischen Musiktheorieunterricht Duke Ellingtons und dessen kompositorischem Schaffen, indem er analytische Erkenntnisse mit biographischen Aspekten in Beziehung setzte. Auf Grundlage historischer Dokumente wurde aufgezeigt, inwiefern Ellingtons frühe Werke durch klassische Musik und musiktheoretische Studien geprägt waren. Zugleich reflektierte der Vortrag jene bis heute wirkmächtigen Narrative, die ihn trotz seiner umfassenden Ausbildung als ›autodidaktisches Naturtalent‹ stilisierten und damit stereotype Vorstellungen einer angeborenen Musikalität schwarzer Musiker/*innen reproduzierten.
Ausgehend von einer praxiserprobten und detaillierten Analyse des tango nuevo von Astor Piazzolla präsentierte Katja Steinhäuser (Berlin) zentrale stilistische Merkmale dieses Genres. Der Vortrag richtete den Fokus auf die bislang nur wenig erforschten interpretatorischen und editionsphilologischen Herausforderungen im Umgang mit Piazzollas Werk. Im Zentrum standen dabei die eingeschränkte Quellenlage sowie die Fragen, inwiefern sich die stilistischen und performativen Aspekte seiner Musik durch traditionelle Notation und musiktheoretische Methodik adäquat erfassen lassen und welche Bedeutung mündlich tradierte Interpretationspraktiken für eine stilistisch angemessene Aufführung zwischen Tango, Jazz und Kunstmusik besitzen.
Im Vortragspanel »Zur Vermittlung improvisatorischer Fertigkeiten in der Klavierpädagogik Friedrich Wiecks« näherten sich Stephan Zirwes (Bern), Georg Thoma (München/Freiburg/Stuttgart) und Giovanni Michelini (München/Berlin) der Improvisationspraxis Clara Wiecks aus historisch-pädagogischer Perspektive. Ausgangspunkt bildete die Diskrepanz zwischen der in zeitgenössischen Quellen vielfach hervorgehobenen pianistischen und improvisatorischen Begabung Clara Wiecks und dem Fehlen direkter musikalischer Überlieferungen, was eine quellenbasierte Rekonstruktion erschwert. Der Zugang erfolgte über eine Analyse der Unterrichtsmethodik Friedrich Wiecks auf Grundlage bislang wenig erforschter Klavierschulen seiner Kinder Alwin Wieck und Marie Wieck, in denen sich zentrale Elemente seiner Lehrpraxis niederschlagen. Ergänzt wurde diese Perspektive durch Mitschriften von Franz Anton Morgenroth und Carl Borromäus Miltitz zum Theorieunterricht bei Theodor Weinlig, an dem auch Clara Wieck teilnahm, wodurch sich weiterführende Einsichten in ihre künstlerische Ausbildung sowie in ihre improvisationsbezogene Praxis gewinnen lassen.
Sektion II »Zeitgenössische Musik«
Die Sektion widmete sich aktuellen künstlerischen Praktiken, die durch digitale bzw. multimediale Verfahren sowie durch eine zunehmende Ausdifferenzierung klanglicher Materialien neue analytische Anforderungen stellen. Vor diesem Hintergrund nahm diese Sektion – entsprechend zum musiktheoretischen Forschungsprofil der Musikhochschule Lübeck – innerhalb des Kongresses einen bemerkenswert breiten Raum ein.
Dem Komponisten Bernd Alois Zimmermann waren zwei Vorträge gewidmet, die sich inhaltlich ergänzten. Daniel Hikaru Grote (Berlin/Leipzig) zeigte auf, inwiefern der Komponist von musiktheoretischen Systemen beeinflusst wurde und wie sein kompositorisches Schaffen wiederum das Interesse etlicher Musiktheoretiker*innen weckte. Andreas Dorfner (Detmold) stellte sein (inzwischen veröffentlichtes) Buch »Die Soldaten« von Bernd Alois Zimmermann: Ein Monolith in zwei Teilen vor, das auf umfangreichem Quellenmaterial und bislang unveröffentlichten Erkenntnissen rund um die Oper Die Soldaten basiert.
Daniel Serrano (Wien/Leipzig) stellte auf Grundlage einer werkanalytischen Untersuchung Spieltechniken und semantische Verbindungen in Salvatore Sciarrinos Musiktheater Da gelo a gelo vor: Einen zentralen Aspekt bildeten die klanglichen Dimensione ecologica des Werks sowie die Verbindung von naturbezogenen Klanggesten, Mikrogestik und Stile, die nicht als illustrative Elemente, sondern als strukturierende kompositorische Ebenen fungieren.
Im Vortrag von Giovanni Michelini (München/Berlin) wurde Helmut Lachenmanns frühes Werk Echo Andante (1962), das der Komponist selbst als sein Opus 1 bezeichnete, anhand von Skizzen aus der Paul Sacher Stiftung als Ausgangspunkt seines Schaffens analysiert. Dabei wurde deutlich herausgestellt, dass das Stück von seriellen Verfahren geprägt ist und eine intensive Auseinandersetzung mit der Nachkriegsavantgarde, beispielsweise der Darmstädter Schule – insbesondere mit Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen – erkennen lässt, während in ihm zugleich bereits die Entwicklung hin zu seiner späteren musique concrète instrumentale erahnbar wird.
Für die Analyse von Enno Poppes Komposition Schweiß entwickelte Georg Thoma (München/Freiburg/Stuttgart) die pitch-class¬-Theorie für die Mikrotonalität weiter und konnte dadurch neue harmonische und formale Erkenntnisse zur Komposition gewinnen. Dabei wurde gezeigt, dass mikrotonale Strukturen häufig nicht zur Auflösung diatonischer Hörgewohnheiten führen, sondern deren kontextabhängige Reaktivierung begünstigen. Zugleich wurde diskutiert, unter welchen Bedingungen eine Etablierung einer tatsächlich neutralen 24-stufigen Tonauffassung jenseits diatonischer Referenzrahmen möglich wäre.
Eine Art ›Vogelperspektive‹ der gesamten Sektion konnte Pascal Decroupet (Côte d’Azur) mit seiner Keynote »Eine kritische Apologie des Atonalen, und weshalb diese Musik weiterhin ›so schwer verständlich‹ ist…« bieten. Auf Grundlage einiger der bedeutendsten Analysemethoden für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts stellte er sich die Frage nach einem »übergreifenden Ansatz«, ohne jedoch die einzelnen Aspekte einer jeden Theorie außer acht zu lassen.
Das Ergebnis einer intensiven und zugleich kritischen Auseinandersetzung mit Charles Seegers posthum veröffentlichtem Traktat Tradition and Experiment in (the New) Music präsentierte Friedemann Brennecke (Würzburg). Der Vortrag stellte die Kompositionslehre als im deutschsprachigen Raum bislang wenig rezipierte, zugleich jedoch zentrale Quelle für die Entwicklung der amerikanischen Avantgarde der 1930er Jahre vor, wobei auch die maßgebliche Mitwirkung von Ruth Crawford Seeger an der Entstehung des Manuskripts hervorgehoben wurde. Anhand analytischer Einblicke wurde insbesondere der Einfluss des Traktats auf ihre Werke beleuchtet und zugleich die Frage diskutiert, inwiefern sich daraus Impulse für eine historisch informierte Kompositionslehre der Neuen Musik ableiten lassen.
Auch das kompositorische Schaffen von Georg Friedrich Haas stand im Zentrum zweier Vorträge, die unterschiedliche Perspektiven auf sein kompositorisches Verfahren der Klangorganisation eröffneten: Ausgehend von einem außergewöhnlichen Klangaufbau untersuchte der Vortrag von Pierluca Lanzilotta (Bozen) die Spektrenbehandlung in »11.000 Saiten« von Georg Friedrich Haas. Im Zentrum stand das mikrotonal gestimmte System aus 50 im Raum verteilten Klavieren, das durch minimale Abweichungen ein dichtes, rauschähnliches Klangfeld erzeugt. Die Analyse zeigte, wie Haas durch Klangspaltung, spektrale Verschiebungen und räumliche Rotation ein komplexes, ständig changierendes Klanggefüge schafft. Mithilfe transformationsanalytischer Ansätze wurde nachvollzogen, wie dieses vielschichtige Material strukturiert und kompositorisch organisiert ist. Im Mittelpunkt des Vortrags von David Florian Müller (Stuttgart) standen die mikrotonalen Kompositionstechniken in den Streichquartetten von Georg Friedrich Haas. Anhand ausgewählter Werke wurde aufgezeigt, wie durch Skordatur, Flageoletts und Glissandi differenzierte Tonsysteme jenseits traditioneller Stimmung entstehen.
Als Abschluss für den gesamten Komplex der zeitgenössischen Musik erklang die faszinierende dystopische Video-Oper An Index of Metals von Fausto Romitelli. Die äußerst aufwendige Realisierung fand unter der Leitung von Peter Veale mit Ensemblemitgliedern aus der Musikhochschule Lübeck sowie dem Studio Musikfabrik Köln statt. Passend dazu wurde das Buch Klangrausch und Dystopie: Der Komponist Fausto Romitelli vorgestellt, welches unter der Herausgabe von Oliver Korte sechzehn Essays einschließlich des ersten Werkverzeichnisses sowie gesammelte Schriften des Komponisten enthält.
Sektion III »Musiktheorie zwischen Kunst und Wissenschaft«
Die Beiträge dieser Sektion gingen der Frage nach, welche Potenziale musiktheoretische Forschung im Übergangsbereich zwischen Theorie, künstlerischer Praxis und wissenschaftlicher Reflexion entfalten kann.
Johannes Menke (Schola Cantorum Basiliensis/Basel) unternahm in seinem Vortrag den Versuch, Rameaus Theorie – heute oft von künstlerischer Praxis und Erfahrung entfremdet – wieder ihrem ursprünglichen Zweck zuzuführen: als ein Ansatz, der ›expérience‹ und ›raison‹ verbindet und damit sowohl einen praktischen Zugang zur Musik (etwa über den Generalbass) eröffnet als auch Anschluss an wissenschaftliches Denken ermöglicht. Ausgehend von dem rund fünfzehn Jahre älteren Couperin arbeitete er satztechnische und harmonische Merkmale heraus, die Rameaus Ideen vorwegnehmen oder deren Rezeption bereits erkennen lassen.
Die Rolle des Heptachordum Danicum (1646) beleuchtete Birger Petersen (Mainz) im Kontext der musikgeschichtlichen Entwicklung und der Kompositionslehre im Königreich Dänemark zur Zeit König Christians IV.: Im Zentrum stand die Frage nach Spuren der Rezeption dieses Lehrwerks im frühen kompositorischen Schaffen Dieterich Buxtehudes während dessen Zeit in Helsingør. Dabei untersuchte Petersen insbesondere das im Heptachordum dargestellte Konzept der sortisatio anhand ausgewählter Werke Buxtehudes, darunter Missa brevis BuxWV 114 und Aperite mihi portas justitiae BuxWV 7, und diskutierte dessen Bedeutung sowohl im Hinblick auf satztechnische Verfahren als auch auf Bezüge zur dänischen Kirchenmusiktradition.
Am Beispiel des Präludiums in g BuxWV 149 zeigte Joonyoung Park (Berlin) exemplarisch, wie souverän Buxtehude mit kontrapunktischen Techniken experimentiert und dabei improvisatorische Freiheit mit formaler Strenge zu verbinden wusste. Im Mittelpunkt standen unter anderem der fließende Übergang zwischen frei gestalteten, rezitativisch anmutenden Passagen und streng gebundenen Abschnitten, die Anlage mehrerer Fugenteile sowie der kreative und variantenreiche Umgang mit dem thematischen Material.
Jan Thürmer (Freiburg) widmete sich der Rolle der Blasinstrumente im sinfonischen Schaffen von Antonín Dvořák. Er zeigte, dass diese weit über eine begleitende Funktion hinausgehen und eine zentrale Rolle in der klanglichen und thematischen Gestaltung einnehmen. Anhand ausgewählter Beispiele arbeitete er heraus, wie Dvořák nicht etwa nur die ersten solistischen, sondern besonders auch die zweiten Stimmen der doppelt besetzten Holz- und Blechblasinstrumente bedeutende Einsätze spielen lässt, etwa für lyrische Linien, rhythmische Akzentuierung oder signalartige Effekte. Thürmer argumentierte, dass die spezifische Behandlung der Blasinstrumente wesentlich zur unverwechselbaren Tonsprache Dvořáks beiträgt und neue analytische Perspektiven auf seine Sinfonik eröffnet.
Das Œuvre Johann Sebastian Bachs stellt die Forschung insofern vor erhebliche Herausforderungen, als bei einigen Werken Fragen nach Echtheit und zeitlicher Einordnung offenbleiben und häufig mithilfe der umstrittenen, nicht selten subjektiven Stilkritik verhandelt werden. Als Alternative präsentierte Andreas Weil (Ulm) eine auf zeitgenössischer Musiktheorie – etwa bei Andreas Werckmeister, Johann Gottfried Walther und Johann Mattheson – basierende Methode, die anhand von Befunden zu Tonsystemen, Kadenzlehre und Gattungsgeschichte eine historisch fundierte Analyse ermöglicht.
Im Vortrag von Maximilian Nickel (Wiesbaden/Würzburg/Frankfurt am Main) wurde die Harmonik des 19. Jahrhunderts mithilfe der ursprünglichen Methoden von Hugo Riemann aus einer neuen Perspektive betrachtet, ausgehend von der Eröffnungsfloskel aus Tristan und Isolde und vergleichbaren Passagen bei Richard Wagner, Hugo Wolf und Giacomo Puccini. Dabei zeigte er auf, dass sich durch das riemannsche Konzept der ›Spiegelung‹ neue Zusammenhänge zwischen Akkordverbindungen und Auflösungsmöglichkeiten – insbesondere des halbverminderten Septakkords – erfassen lassen, die auch ein Erweitern von Systematiken der Neo-Riemannian Theory nahelegen.
Sektion IV »Das (un-)scharfe Gehör«
Die vierte Sektion widmete sich der Gehörbildung als pädagogischer Disziplin, in der eine Wechselwirkung besteht zwischen systematischer auditiver Überforderung und notwendiger didaktischer Reduktion musikalischer Komplexität. Zur Diskussion standen methodische und erkenntnistheoretische Fragestellungen zum Verhältnis von Hörbarkeit und Verschriftlichung musikalischer Phänomene.
Unter dem Titel »Ich höre was, was du nicht siehst. Bestandsaufnahme und Weiterdenken einer phänomenologischen Analysemethodik« stellte Sophia Susanne Westenfelder (Rostock) die bislang randständig behandelte phänomenologische Analyse in der Musiktheorie in den Mittelpunkt ihres Vortrags. Ausgehend von der Beobachtung einer Diskrepanz zwischen Notentext und Hörerlebnis plädierte sie für eine methodische Neubewertung eines Ansatzes, der subjektive Höreindrücke nicht als Störfaktor, sondern als erkenntnisleitend begreift. In Auseinandersetzung mit verschiedenen Sichtweisen entwickelte Westenfelder eine integrative Methodik, die unterschiedliche phänomenologische Ansätze bündelt. Diese basiert auf einem zweistufigen Verfahren, bei dem zunächst Höreindrücke in offenen Hörsitzungen systematisch erfasst und anschließend als Ausgangspunkt einer partiturbezogenen Analyse genutzt werden. Auf diese Weise lassen sich sowohl Übereinstimmungen als auch Divergenzen zwischen Notation und Wahrnehmung sichtbar machen, insbesondere auch solche klanglichen Phänomene, die beim Hören prägnant, in der Partitur jedoch wenig evident sind. Der Vortrag argumentierte für eine stärkere Berücksichtigung phänomenologischer Perspektiven im methodischen Spektrum der Musiktheorie und zeigte, wie die Verbindung von analytischer Schärfe und subjektivem Hören zu einem vertieften Werkverständnis beitragen kann.
Dres Schiltknecht (Mannheim) widmete sich in seinem Vortrag einer höranalytischen Neubetrachtung von Claude Debussys Prélude Des pas sur la neige und setzte dabei kritisch bei Dmitry Tymoczkos skalenbasierter Analyse aus A Geometry of Music (2011) an. Im Zentrum stand die Frage, inwiefern eine primär strukturorientierte Scale-Theory den tatsächlich erfahrbaren Klangverlauf adäquat abzubilden vermag. Schiltknecht argumentierte, dass eine solche Perspektive wesentliche Dimensionen des Hörens ausblendet, und schlug daher eine Verbindung mit der Tonfeld-Theorie vor, die das Hören selbst zum Ausgangspunkt der Analyse macht. Methodisch erfolgte dies in zwei Schritten: Zunächst wurden Skalen und Tonfelder hinsichtlich ihres spezifischen Klangcharakters untersucht, bevor ausgewählte Passagen des Stücks gezielt auf ihre hörbare Ausprägung hin analysiert wurden. Eine zentrale Rolle spielten dabei »inszenierte« Hörbeispiele, durch die bestimmte Zusammenhänge mittels Variation und Montage von Werkausschnitten erfahrbar gemacht wurden. Die so gewonnenen Ergebnisse wichen nicht nur inhaltlich von Tymoczkos Deutung ab, sondern verdeutlichten auch grundlegende Unterschiede im analytischen Zugriff sichtbar. Insbesondere wurde eine für den Gesamtverlauf prägende Skala herausgearbeitet, die in der ursprünglichen Analyse unberücksichtigt bleibt. Der Beitrag unterstrich damit das Potenzial einer konsequent hörorientierten Analyseperspektive für ein differenzierteres Verständnis von Debussys Komposition.
In ihrem neu erschienenen Buch Gehörbildung. Ein Arbeitsbuch nach historischen Quellen entwerfen David Mesquita und Florian Vogt, ausgehend von der Musik des 18. Jahrhunderts, ein Konzept der Gehörbildung im Sinne eines ganzheitlichen Prozesses. Der Erwerb eines harmonischen und kontrapunktischen Vokabulars erfolgt dabei über vielfältige Methoden – etwa Blattlesen, Hörerwartung, »zuhörendes Musizieren«, aktives Musizieren, Improvisation und Gedächtnistraining – und zielt auf eine historisch fundierte, zugleich praxisnahe Ausbildung, die sich auch auf andere Epochen übertragen lässt.
Sektion V »Freie Sektion«
Frederik Stark (Dortmund) verband musiktheoretische Analyse mit Skizzenforschung am Beispiel von Richard Wagner. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Wagners Kompositionsprozess von intensiver Überarbeitung und Selbstkritik geprägt war. Durch die Untersuchung von Skizzen und Entwürfen zeigte Stark, wie musikalische Ideen entstanden und sich im Laufe des Arbeitsprozesses veränderten. Dabei wurde deutlich, dass viele scheinbar abgeschlossene Strukturen das Ergebnis komplexer Entwicklungsprozesse waren. Er hob hervor, dass Skizzenforschung nicht nur biografische Einblicke liefert, sondern auch analytischen Mehrwert besitzt. Sie ermöglicht ein vertieftes Verständnis von Formbildung, Leitmotivtechnik und Harmonik. Wagners Selbstzweifel im Hinblick auf seine sinfonischen Werke wurden dabei als produktiver Bestandteil seines kreativen Schaffens interpretiert.
Helmut Schmidinger (Graz) diskutierte Kompositionspädagogik als eigenständige Disziplin im Spannungsfeld von Kunst und Wissenschaft. Er zeigte, dass die Vermittlung von Komposition besondere Herausforderungen mit sich bringt, da kreative Prozesse nicht vollständig regelgeleitet lehrbar sind. Ein zentrales Spannungsfeld sah er im Verhältnis von künstlerischer Freiheit und struktureller Vermittlung. Während Studierende individuelle Ausdrucksformen entwickeln sollen, benötigen sie zugleich fundierte theoretische und handwerkliche Kenntnisse. Schmidinger plädierte dafür, diese beiden Aspekte als komplementär zu verstehen. Zudem betonte er die Rolle der Lehrenden als künstlerische Mentoren, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern kreative Prozesse begleiten. Ziel sei eine reflektierte Pädagogik, die analytische Kompetenz und künstlerische Eigenständigkeit gleichermaßen fördere.
Philipp Zocha (Mainz/Freiburg) widmete sich in seinem Beitrag »Schrecklich modern?! Rezniceks Satztechnik im Dienst von Expressivität und Verständlichkeit« den stilistischen Wandlungsfähigkeiten im Œuvre von Emil Nikolaus von Reznicek. Im Zentrum der Analyse standen dessen satztechnische Strategien, insbesondere der Umgang mit konventionalisierten Klangfortschreitungen, die im Sinne von Erweiterung, Kontrastbildung und Rekombination zu kompositorischen Innovationsprozessen und zur Ausprägung einer individuellen Tonsprache weiterentwickelt werden. Darüber hinaus wurden ästhetische Positionierungen sowie werkimmanente stilistische Strategien in die Betrachtung einbezogen.
Ausgehend vom kontrapunktischen Denken in der Musik Anton Weberns entwickelte Almut Gatz (Würzburg) den Vorschlag, die aus der Bildkunst bekannten Kategorien von »Schärfe« und »Unschärfe« auf musikalische Strukturen und Wahrnehmungsweisen zu übertragen, um unterschiedliche Qualitäten des Kontrapunkts differenziert zu fassen. Zugleich plädierte sie dafür, die Vorherrschaft strukturanalytischer Ansätze behutsam zu hinterfragen und den Blick verstärkt auf klangliche, sinnliche und assoziative Dimensionen von Musik zu lenken.
Das Klavierquartett d-Moll op. 25 von Dora Pejačević bildete den Ausgangspunkt der Überlegungen von Paula Kaiser (Würzburg) und wurde als Beispiel für eine eigenständige Tonsprache herangezogen, die spätromantische Ausdruckskraft mit struktureller Klarheit verbindet und sowohl traditionsgebundene als auch innovative Elemente erkennen lässt. Dabei wurde vorsichtig aufgezeigt, wie Pejačević Einflüsse etwa von Johannes Brahms und Max Reger aufgreift, zugleich jedoch eine charakteristische Handschrift entwickelt, die sich in die musikalische Moderne Mitteleuropas einordnen lässt und Ansatzpunkte für eine mögliche Erweiterung des bisher bestehenden Kanons eröffnet.
Die Frage nach der Legitimation der Konsonanz des Molldreiklangs im Spannungsfeld zwischen Moritz Hauptmann, Arthur von Oettingen und Hugo Riemann bildete einen zentralen Ausgangspunkt der Überlegungen von Jan Meßtorff (Rostock). Vor dem Hintergrund, dass klangliche Untersuchungen keine Untertonreihe bestätigten und die Obertonverhältnisse den Mollakkord eher als dissonant erscheinen ließen, wurde Riemanns Abkehr vom physikalischen Erklärungsmodell hin zu einer stärker psychologisch-ästhetisch ausgerichteten Perspektive nachvollzogen.
Lucas Hofmann (Würzburg) widmete sich in seinem Beitrag dem musikalischen Metrum als einer üblicherweise stabilen strukturellen Größe, zeigte jedoch, dass Phänomene wie metrische Wechsel und Polymetrik etablierte Erklärungsmodelle herausfordern und eine differenziertere Systematisierung nahelegen. Hierfür wurde ein mengentheoretischer Ansatz entwickelt, der auf den Dimensionen pulse duration und hierarchical depth aufbaut und diese um den Begriff der metric stability erweitert; veranschaulicht wurde dies anhand von Vokalwerken von Hugo Distler aus seiner Lübecker Zeit.
Im Vortragspanel »Symphonische Dichtung – Komposition, Analyse und Interpretation« beleuchteten die Doktorand*innen Hye Min Lee, Yin-Shao Liu und Henrik Schuld sowie ihre Betreuer*innen Immanuel Ott, Stefanie Acquavella-Rauch und Birger Petersen im Rahmen des Minigraduiertenkollegs IKOPS der Hochschule für Musik Mainz die analytisch-interpretatorischen Herausforderungen der Gattung Symphonische Dichtung aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Fokus standen dabei sowohl Rezeptions- und Aufführungspraxis als auch zeitgenössische und gegenwärtige Analysemethoden sowie Fragen der Gattungsentwicklung im 19. Jahrhundert. Ziel des Graduiertenkollegs ist die Rekonstruktion der Wirkungsgeschichte dieser Gattung sowohl im Konzertleben des 19. Jahrhunderts sowie die Untersuchung innovativer Aspekte in Form, Struktur und Harmonik an der Schnittstelle von Programmmusik und absoluter Musik. Anhand ausgewählter Symphonischer Dichtungen Franz Liszts wurden zeitgenössische Analyseansätze kontextualisiert und aus moderner Perspektive kritisch eingeordnet, wobei zugleich Gattungszuschreibungen im Licht zeitgenössischer Transformationsprozesse des Repertoires (u. a. Umarbeitungen der Werke) hinterfragt wurden. Darüber hinaus wurde die Rezeptionsgeschichte im Umfeld von Liszts Schaffen einbezogen, um die Symphonische Dichtung als dynamisches Feld musikalischer Praxis und kultureller Aushandlung zu profilieren.
Angesichts rückläufiger Bewerbungszahlen und nachlassender musiktheoretischer Vorkenntnisse wurde 2025 an der Hochschule für Musik Würzburg ein dreimonatiges Vorbereitungstutorium für Studieninteressierte entwickelt, das den Zugang zu den Eignungsprüfungen erleichtern und zugleich eine fundierte Grundlage musikalischer Kompetenzen schaffen soll. Die von Julius Hutzler (Würzburg) und Paula Kaiser (Würzburg) vorgestellte Auswertung deutet darauf hin, dass dieses niedrigschwellige, dialogorientierte Format den Prüfungserfolg fördern kann und sich darüber hinaus als Modell für eine stärker unterstützende und nachhaltige Hochschulpraxis anbietet.
Kann ein neu komponiertes Werk als »Original« der Wiener Klassik durchgehen? Dieser Frage ging der Vortrag von Jan-Christian Wagner (Lübeck) anhand einer empirischen Studie nach. In einem Konzert- und Befragungsformat wurden echte Quartette von Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart mit stilistischen Nachahmungen konfrontiert und vom Publikum sowie von Expertinnen und Experten bewertet.
Die Ergebnisse zeigen, welche Parameter eine überzeugende Stilkopie ausmachen und wie unterschiedlich Authentizität eingeschätzt wird, und verweisen zugleich auf das Potenzial solcher Ansätze für Forschung und Lehre.
Der Vortrag »Persische Musik zwischen oraler Tradition und Schriftlichkeit: Herausforderungen der Analyse« von Kanaz Difrakhsh (Weimar) widmete sich den grundlegenden Spannungsfeldern zwischen mündlich geprägten Musiktraditionen und schriftlich orientierten Analysemethoden. Im Zentrum stand die persische Kunstmusik, deren modal organisierte Struktur sowie starke Verankerung in improvisatorischer Praxis die etablierten Kategorien europäischer Musiktheorie vor erhebliche Herausforderungen stellen.
Ausgehend von einem bislang unscharf verwendeten Begriff widmete sich der Vortrag von Annette Grooß (Hannover) der ›durchbrochenen Arbeit‹ als Analysekriterium. In kritischer Auseinandersetzung mit Guido Adler, Hugo Riemann und Carl Dahlhaus wurde eine methodische Präzisierung entwickelt. Anhand eines Streichquartetts von Joseph Haydn zeigte sie, dass durchbrochene Arbeit nicht nur klangliche Effekte erzeugt, sondern auch formale Instabilitäten begünstigen kann.
Zu den Autor*innen
DANIEL HIKARU GROTE studierte an der Hochschule für Musik Würzburg sowie an der Universität der Künste Berlin Musiktheorie. Seitdem unterrichtet er Musiktheorie an der UdK Berlin, an der HMT Leipzig, an der Musikschule Berlin-Neukölln sowie an der Musikakademie Rheinsberg. Zusätzlich ist er als Sänger, Korrepetitor und Kontrabassist in verschiedenen Ensembles tätig. Aktuell promoviert er an der Musikhochschule Lübeck.
JOHANNA KULKE studierte Violine, Klavier, Komposition, Musiktheorie und Dirigieren. Sie ist Konzertmeisterin des Stadtorchesters Langenthal sowie verschiedener Operettenorchester und des Orchesters Santa Maria Luzern. Zudem unterrichtet sie Violine und Klavier an den Musikschulen Langenthal und Herzogenbuchsee und lehrt Musiktheorie an der Musikhochschule Luzern. Ab 2026 übernimmt sie die musikalische Leitung des Orchestervereins Burgdorf. In ihrer Forschung widmet sie sich insbesondere dem sinfonischen Schaffen Emilie Mayers.
HYE MIN LEE studierte Lehramt Mathematik und Musik, Elementare Musikpädagogik und Musiktheorie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sowie Instrumentalpädagogik Violine am Peter-Cornelius-Konservatorium Mainz. Seit 2024 promoviert sie an der Hochschule für Musik Mainz bei Prof. Dr. phil. habil. Birger Petersen mit dem Forschungsschwerpunkt »Lehrtradition und Kompositionsästhetik des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Symphonischen Dichtung in Frankreich«. Zudem unterrichtet sie seit 2023 Musiktheorie und Gehörbildung an den Musikhochschulen Mainz und Freiburg.
SEBINA WEICH studierte den Bachelor für Musiktheorie an der HfM Würzburg sowie anschließend als Vertiefung den spezialisierten Master Theorie der alten Musik an der Schola Cantorum in Basel. Nach einigen Lehrstationen und Vertretungen ist sie derzeit als Senior Lecturer für Musiktheorie und Gehörbildung mit Klavierpraxisschwerpunkt an der Universität Mozarteum Salzburg angestellt.