Cooperative Ensembles 1770–1890

Hochschule der Künste Bern in Zusammenarbeit mit der Université de Genève und der Haute école de musique de Genève

12.–13.9.2025

Tagungswebseite/Ankündigung

Iseult Andreani, Martin Danneck, Hannah Eßler, Annette Kappeler


Einleitung: Das Forschungsprojekt »Cooperative Ensemble Practices in the 19th Century« (2024–2028) an der Hochschule der Künste Bern, das Institut für Musikwissenschaft der Université de Genève und die HEM Genève (= Haute école de musique de Genève) veranstalteten am 12. und 13. September 2025 einen zweitägigen Workshop zu kooperativ organisierten Musik- und Theaterensembles im Europa des 19. Jahrhunderts. Unter dem Titel »Cooperative Ensembles 1770–1890« versammelten sich 15 internationale Teilnehmende im Bâtiment des Philosophes der Université de Genève. Der Workshop zielte darauf hin, verschiedene Expertisen zu historischen Formen der Zusammenarbeit in den Künsten (Theater und Musik) zusammenzuführen und hinsichtlich ihrer künstlerischen und organisatorischen Aspekte Vergleiche zu ermöglichen. Insbesondere Fragen nach Prinzipien der Entscheidungsfindung, Verwaltung, Finanzen, Ein- und Ausschlussverfahren von Mitgliedern, sozialer Positionierung, Proben- und Aufführungspraktiken und künstlerischer Leitung standen dabei im Fokus. Die eingeladenen Teilnehmenden waren deshalb gebeten, zusätzlich zu einem Abstract ausgewählte Primärquellen (und ggf. Übersetzungen / Transkripte) zu ihren jeweiligen Fallbeispielen einzusenden. Diese wurden in Form eines Readers vorab zur Verfügung gestellt.

Am Freitagmorgen begrüßten Annette Kappeler (Projektleitung »Cooperative Ensemble Practices«, HKB), Christoph Riedo (Professur Musikwissenschaft, Université de Genève) und Rémy Campos (Forschungskoordination HEM Genève) stellvertretend für das Organisator*innenteam die Teilnehmenden und wiesen einführend auf die bestehende Forschungslücke im Bereich von historischen Arten gemeinschaftlicher Zusammenarbeit in den Künsten (im Kontrast beispielsweise zu den vergleichsweise gut erforschten landwirtschaftlichen Kooperativen) und auf eine zunehmende Hierarchisierung in bestehenden Ensembles hin, weshalb es sich bei der Erforschung und Erprobung von Alternativen um ein aktuelles Desiderat handelt. Kappeler stellte das Forschungsprojekt »Cooperative Ensemble Practices« vor, welches durch Kooperationen mit dem Zürcher Barockorchester und dem Ensemble Grenzklang den Wissenstransfer in die Praxis und den Dialog mit heutigen Akteur*innen auf diesem Feld ermöglicht.

Der Vortrag von Delphine Blanc (Paris) eröffnete den ersten Tag und warf die Frage nach aktuellen und historischen Unterschieden und Parallelen zwischen festen und für bestimmte Projekte zusammenkommenden Ensembles auf. Sie verwies darauf, dass es hierbei einerseits um Fragen der Finanzierung gehe, jedoch auf lokaler Ebene auch die Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs, persönliches Engagement von Musiker*innen, soziale Anerkennung und berufliche Sicherheit eine wesentliche Rolle spielten.

Nach einer Mittagspause folgte das erste Panel zu Vergleichen von Regeln und Reglementen. Bénédicte Hertz (Versailles) stellte verschiedene Quellen zu den Académies de musique gegenüber, die im 18. Jahrhundert in den französischen Provinzen verbreitet waren, von denen aber – insbesondere aus dem Zeitraum vor Etablierung der Presse um die Jahrhundertmitte – nur wenig Quellen erhalten sind. Beim Vergleich dreier verschiedener Reglemente aus einem Zeitraum von 50 Jahren hob sie überregionale strukturelle und organisatorische Parallelen hervor. Die spezifischen Regeln zu Soziabilität und Beitrittsbedingungen nahm Hertz als Anregung, um Kontinuitäten zwischen den Académies und den Musikgesellschaften des 19. Jahrhunderts zu reflektieren.

Christoph Riedo (Genève) verlegte den Schauplatz in die Schweiz und ging der Gründung der Musikalischen Gesellschaft zu Bern nach, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus einem Zusammenschluss mehrerer Gesellschaften hervorging. Auszüge aus den Statuten der Vorgängergesellschaften im Vergleich mit der Musikalischen Gesellschaft zu Bern erlauben Rückschlüsse auf Kontinuitäten in der Organisationsform dieser Ensembles, auf terminologische Fragen und auf die Entwicklung der Mitgliedschaft. Riedo ging zudem auf den soziografischen Kontext des Gründungszeitpunktes und auf die weite Verbreitung des Musizierens als gesellschaftlicher Praxis in Bern ein und verwies auf die Herausbildung von Aufführungs- und Publikumskonventionen.

Annette Kappeler (Bern) und Hannah Eßler (Zürich) beleuchteten das Thema des Workshops anhand eines Fallbeispiels aus dem Theater. Die preussische Theatergesellschaft Urania wurde Ende des 18. Jahrhunderts auf der Basis von demokratischen und egalitären Prinzipien gegründet und bestand knapp 150 Jahre. Anhand eines Vergleichs der Gründungsstatuten mit einer 30 Jahre späteren, revidierten und erweiterten Version arbeiteten die Referent*innen Kontinuitäten und Brüche beispielsweise in Bezug auf Form und Rechte der Mitgliederversammlungen und Aufnahmekriterien heraus und skizzieren ein Spannungsfeld zwischen Reglementierung und Sanktionen, demokratischen Prinzipien und der Freiheit des bürgerlichen Subjekts.

Das zweite Panel fragte nach Prozessen der Entscheidungsfindung, Regeln und Praktiken. Gilles Demonet (Paris) stellte die politische Funktionsweise einer der bekanntesten Musikgesellschaften des 19. Jahrhunderts anhand ihrer Reglemente vor – der Société des concerts du Conservatoire in Paris, die eine enge Verbindung zu den wichtigsten Ausbildungsstätten im Europa des 19. Jahrhunderts – dem Conservatoire – hatte. Die Gesellschaft funktionierte demokratisch; politische Verantwortung und finanzielle Mittel wurden auf alle Mitglieder verteilt.

Im letzten Beitrag des Tages ging Iseult Andreani (Bern) im Anschluss an Demonet näher auf die praktische Anwendung der Reglemente der Société des concerts du Conservatoire ein und stellte anhand von mehreren Beispielen (u. a. aus Protokollen von Mitgliederversammlungen) dar, wie Regeln und Regelanwendungen voneinander abweichen konnten bzw. wie die Praxis der Société in ihre Regelwerke einfließen konnte. Dabei spielte u. a. die Verhandlung von Machtverhältnissen innerhalb der Gesellschaft eine große Rolle.

Den zweiten Konferenztag eröffnete ein Panel zu Funktionen der Mitglieder und des Publikums sowie zu Prinzipien der In- und Exklusion. Martin Danneck (Bern) führte ein Fallbeispiel aus England ein und widmete sich der Aufnahme von Mitgliedern und der Einteilung in Mitgliederklassen in der Londoner Philharmonic Society, neben der Société des Concerts du Conservatoire im 19. Jahrhundert vermutlich das bekannteste Orchester Europas. Aufnahmekriterien (wie z. B. Geschlechtszugehörigkeit kamen ebenso zur Sprache wie Rechte und Pflichten einzelner Mitgliedsklassen und Ämter. Dabei geriet der Anspruch auf Selbstbestimmung in puncto Professionalität, Repertoire und Finanzierungsmodell immer wieder in Konflikt mit Konkurrenzdruck und öffentlichem Renommee.

Etienne Jardin (Venedig) untersuchte die Société Philharmonique du Calvados in Caen, die zwischen 1827 und 1869 über 200 Konzerte organisierte und sowohl die musikalische Forschung als auch die Aufführungspraxis förderte. Jardin hob die Spannung zwischen egalitären Idealen und elitären Praktiken innerhalb der Gesellschaft hervor und zeigte, wie die postulierte Gleichheit zwischen Amateur*innen und Professionellen in der Praxis durch gesellschaftliche Hierarchien begrenzt blieb.

In einen globalen und kolonialgeschichtlichen Kontext stellte der Beitrag von Swati Guha (Kolkata) das Workshopthema. Auf Grundlage von Archivmaterialien aus dem späten 18. und 19. Jahrhundert rekonstruierte sie die frühe Geschichte des bengalischen Theaters im kolonialen Kalkutta in drei Phasen. Ihr Beitrag zeigte, wie philanthropische und bildungspolitische Kooperationen zwischen indischen und britischen Eliten und immigrierten Abenteurern zu Hierarchien unterwandernden kooperativen Theaterpraktiken führten. Die Theatergruppen arbeiteten auf kollektiver und gemeinnütziger Basis und ermöglichten die Beteiligung von Angehörigen niedriger Kasten und von Frauen.

Simon Wills (London) sprach über das gemeinschaftlich verwaltete Londoner Musikensemble Quadrille Cooperative, von dem kaum Quellen existieren. Das Unternehmen wurde von Musikern der Royal Opera und der Philharmonic Society im Jahr 1839 ins Leben gerufen und bot populäre musikalische Abendunterhaltung für die stark angewachsene untere Mittelklasse. Das Erfolgsmodell resultierte in einem Boom von ähnlichen Unternehmungen, und die Quadrille Cooperative löste sich unter hohem Konkurrenzdruck nach kurzer Zeit wieder auf. Trotz des Scheiterns des Unternehmens stellt es nach Wills aus heutiger Sicht ein frühes Experiment musikalischer Selbstverwaltung dar.

Das letzte Panel des Workshops befragte Spuren der Zusammenarbeit in Partituren. Anhand eines Vergleichs verschiedener annotierter Orchesterstimmen aus dem 19. Jahrhundert gab Nir Cohen-Shalit (New York City / Tel Aviv) Einblicke in eine flexible und dezentralisierte Aufführungskultur. Musiker*innen korrigierten häufig vermutete Fehler und trafen interpretatorische Entscheidungen unabhängig von der Leitung, was das Bild des/der Dirigent*in als alleinige Autorität in Frage stellt. Anhand von Beispielen aus Julius Rietz’ Symphonie Nr. 1 und Johannes Brahms’ Klavierkonzert Nr. 1 demonstrierte Cohen-Shalit, dass die romantische Orchesterpraxis wesentlich von individueller künstlerischer Mitgestaltung geprägt war.

Auf die entscheidende Mitwirkung von in Geschichtsschreibung und Forschung meist weniger bedachten Personen ging auch Martin Skamletz (Bern) ein. Er untersuchte italienische Adaptionen der Opéra Comique anhand von Werken von André-Ernest-Modeste Grétry, die zwischen 1787 und 1795 am Teatro Arciducale in Monza aufgeführt wurden. Auf der Basis von Handschriften und gedruckten Quellen zeigte Skamletz, dass Übersetzung des Librettos, musikalische Bearbeitung und Kopistentätigkeit eine komplexe Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Beteiligten erkennen liessen und wesentlichen Einfluss auf die Ausführung der Bühnenproduktionen nahmen.

Zum Abschluss des Workshops lud Rémy Campos (Genf) die Teilnehmenden zu einer Exkursion in die Räumlichkeiten der HEM, wo er umfangreiches Original-Quellenmaterial zur Société de Musique de Genève vorstellte. Campos zeichnete ein detailliertes Bild der Entstehung und Entwicklung der Musikgesellschaft, gab einen eindrucksvollen Überblick über die Quellen, die in der Bibliothek der Hochschule für Musik zu finden sind, und ging auch auf Fragen der Konservierung und Überlieferung ein, die die heutige Auswahl von Quellen und den Umgang mit ihnen bedingen.

Der Workshop wurde mit Dank an alle beteiligten Organisator*innen (Iseult Andreani, Rémy Campos, Martin Danneck, Annette Kappeler, Christoph Riedo, Martin Skamletz) und Mitarbeiter*innen (Simone Aeberhard, Daniel Allenbach, Raphael Eccel) und mit dem Ausblick auf eine gemeinsame Publikation im kommenden Jahr geschlossen.


Zu den Autor*innen

ISEULT ANDREANI hat französische Literatur und Musikwissenschaft in Paris studiert und viele Jahre Geigenunterricht genommen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Konzertpraktiken und -institutionen in Frankreich. In ihrer Dissertation im Rahmen des Projekts »Cooperative Ensemble Practices in the 19th Century« (dir. Annette Kappeler) arbeitet sie zur Société des concerts du Conservatoire (Paris).

MARTIN DANNECK hat Literaturwissenschaften, Germanistik, Schulmusik und Klavier studiert. In seiner Dissertation hat er die Praxis und Theorie der deutschsprachigen Literaturperformance um 1800 untersucht. Er forscht im Rahmen des SNF-Forschungsprojekts »Cooperative Ensemble Practices in the 19th Century« als Postdoktorand an der Hochschule der Künste Bern.

HANNAH EßLER hat Literatur- und Theaterwissenschaft, Deaf Studies und Transdisziplinarität studiert. Thematisch beschäftigt sie sich mit der Geschichte populärer Theaterformen (insbesondere Zirkus), den Arbeitsbedingungen von Theaterschaffenden (19. Jahrhundert), (Material-)Wissensgeschichten des Theaters und Praktiken des Sammelns. Aktuell arbeitet sie im Masterstudiengang Cultural Critique – Curatorial Studies an der Zürcher Hochschule der Künste.

ANNETTE KAPPELER hat Französische und Deutsche Philologie und Violine/Viola (Lehr- und Konzertdiplom) studiert. Ihre Dissertation behandelt Aufführungsformen der französischen Oper des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie ist seit 2020 für den Forschungsschwerpunkt ‚Aufführung und Interpretation‘ an der Hochschule der Künste Bern verantwortlich und forscht dort zu Arbeitsformen in Musik und Theater. Sie spielt Viola in Ensembles für Alte Musik.