GMTH

»Musik verstehen?«: 20. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie

Hochschule für Musik Detmold

Online via Zoom

1.–3.10.2020

Tagungswebseite: Whova
Tagungsprogramm

Wendelin Bitzan


Während europaweit etliche musiktheoretische und musikwissenschaftliche Fachgesellschaften sich durch die im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie verhängten Maßnahmen veranlasst sahen, ihre für den Herbst 2020 geplanten Konferenzen abzusagen oder zu verschieben, hat das Organisationsteam der Hochschule für Musik Detmold bereits im Mai angekündigt, den diesjährigen GMTH-Kongress dennoch stattfinden zu lassen – wenn auch nicht vor Ort, sondern als Online-Kongress. Damit kam es im Jubiläumsjahr zu einem organisatorischen und technologischen Novum in der 20jährigen Geschichte der Gesellschaft. Zugleich wurde mit der digitalen Durchführung ein Präzedenzfall geschaffen, der unweigerlich auch die Planung der nächsten Jahreskongresse beeinflussen wird: sei es einerseits, weil die anhaltende Pandemiesituation auch zukünftig derartige Lösungen erfordern könnte, oder andererseits weil die gewonnenen Erfahrungen auch die Abhaltung einer Präsenzveranstaltung in nicht zu unterschätzendem Maße beeinflussen dürften.

Um einen Teil des Fazits vorweg zu nehmen: Der Online-Kongress war ein voller Erfolg, sowohl aus inhaltlicher als auch aus organisatorischer Sicht. Das Programm erstreckte sich auf vier parallel betriebene virtuelle Konferenzräume, in denen eineinhalb- bis zweistündige Sessions mit jeweils drei oder vier aufeinander folgenden Präsentationen stattfanden. Jede Session wurde durch eine Chairperson, die ihre diesbezüglichen Aufgaben bereits im Vorfeld der Veranstaltung in einem Coaching mit dem Organisationsteam erproben konnte, als Host betreut und moderiert. Durch die jederzeit gegebene Möglichkeit, den Konferenzraum zu wechseln, wurde den insgesamt 55 Referent*innen ein durchschnittlich zahlreicheres, wenn auch etwas mehr fluktuierendes Publikum zuteil als bei einer Präsenzveranstaltung. Neben den inhaltlich differenzierten Hauptsträngen gab es ein Rahmenprogramm mit Plenarsitzungen, deren zeitliche Abfolge eng am Verlauf der letzten Jahreskongresse orientiert war. Organisierte Kaffeepausen mit thematischem Fokus, in einem Fall sogar nach Art eines Speed-Datings aus zufällig ausgewählten Personen zusammengestellt, ergänzten das Programm und leisteten einen wichtigen Beitrag zur gelungenen Atmosphäre: Derjenige Aspekt eines Kongresses in Realpräsenz, welcher in einer virtuellen Veranstaltung zwangsläufig auf der Strecke bleiben muss, nämlich die persönliche Begegnung und die ungezwungene Plauderei auf dem Korridor oder am Buffet, wurde auf diese Weise zwar nicht gleichrangig verwirklicht, aber auf die bestmögliche Weise kompensiert.

Die gesamte Zeitplanung des Kongresses lief über die wahlweise auf einem Mobilgerät oder im Browser zu betreibende App Whova – diese Plattform war schon vor Ausbruch der Pandemie für die Organisation der Veranstaltung eingeplant worden. Sie verschaffte bereits vor Kongressbeginn einen Überblick über das Programm, bot Zugang zu den Biographien und Abstracts der Referent*innen und ermöglichte die Zusammenstellung einer persönlichen Agenda. Während der Veranstaltung entwickelte sich die App zu einem Kommunikationsmedium zur Klärung technischer Fragen an das Organisationsteam, zur Interaktion zwischen den Teilnehmer*innen und zur Diskussion über einzelne Beiträge. Außerdem gestattet die App, zumindest nachträglich, einen nichtlinearen Konferenzverlauf: Derzeit werden für die Teilnehmer*innen Videomitschnitte der meisten Beiträge bereitgestellt, wodurch sie in die Lage versetzt werden, das Programm nahezu in seiner Gesamtheit wahrnehmen zu können – eine Möglichkeit, die bei den bisherigen Präsenzveranstaltungen nicht gegeben war.

In den beiden Keynotes von Matthias Vogel (Gießen) und Isabel Mundry (München/Zürich) wurden einleitend eine theoretisch-philosophische und eine praktisch-kompositorische Perspektive auf das Kongressthema »Musik verstehen?« gegenübergestellt. Diese beiden Zugänge waren auch für das übrige Programm kennzeichnend, das in seiner Gesamtheit ein ebenso multiperspektivisches, zwischen verschiedenen Ansätzen und Betrachtungsweisen oszillierendes Panoptikum bildete, wie es auch dem beruflichen Alltag von Musiktheoretiker*innen zu eigen ist: In der Lehre, in der Forschung sowie in der eigenen künstlerischen und publizistischen Tätigkeit haben es die meisten von uns mit einer Koexistenz und wechselseitigen Durchdringung von Theorie und Praxis, mit einer stetigen Vermittlung zwischen dem intellektuellem und emotionalen Erleben und Beschreiben von Musik, zu tun – und ebendiese Versatilität haftet auch dem Begriff des »Musikverstehens« an, der, so bestätigt die Erfahrung des ersten Oktoberwochenendes, überhaupt nur multiperspektivisch zu ergründen ist. Man möge mir nachsehen, wenn ich an dieser Stelle nicht im Detail auf weitere Beiträge eingehe, sondern die vielfältigen Betätigungsfelder der präsentierenden Mitglieder auf diese knappe Formel herunterbreche, um mich im Folgenden wieder den zuvor ungekannten Rahmenbedingungen und Durchführungsmodalitäten des Kongresses zu widmen.

Das Potential von Videokonferenzen als Format des wissenschaftlichen Austauschs wurden auf vielfältige Weise genutzt: Vorträge mit geteilten Bildschirmen für visuelle Präsentationen und Audio-Inhalte, Workshops mit Lehrdemonstrationen, Buchvorstellungen, Preisverleihungen sowie Sitzungen der Arbeitsgemeinschaften und der Hochschulvertreter*innen wurden sämtlich über Zoom durchgeführt. Der Chat-Funktion und dem virtuellen Interagieren mittels Handheben, Zustimmungsbekundung oder Applaus kamen dabei weitere kommunikationstragende Rollen zu; für Wahlen oder Abstimmungen wurden Live-Umfragen eingesetzt und deren Ergebnisse sofort im Anschluss visualisiert. Die Plenumsvorträge, die Mitgliederversammlung samt Vorstandswahlen und die abschließende Podiumsdiskussion wurden vom Organisationsteam in Gestalt von Zoom-Webinaren organisiert, in denen auf eine Möglichkeit zur visuellen Interaktion seitens des Publikums verzichtet wurde – dies führte zu einer vorrangig in eine Richtung verlaufenden Informationsübermittlung, bei der die Mitglieder, so sie sich nicht aktiv zu Wort meldeten, die Rolle einer weitgehend unsichtbaren Zuhörerschaft zugewiesen bekamen. Hier hätte man möglicherweise ebenfalls mit dem Konferenzformat, das sich in den Vorträgen und Workshops bewährt hatte, und ggf. mit einer gezielten Vergabe von Rederechten bzw. Co-Host-Funktionen arbeiten können – und vielleicht können zukünftig sogar hybride Mitgliederversammlungen, an denen man wahlweise persönlich oder per Videokonferenz teilnehmen kann, erwogen werden, um noch mehr Mitgliedern die Teilhabe an den demokratischen Prozessen innerhalb der Gesellschaft zu ermöglichen. Letztlich kann die Gelegenheit, niederschwellig und ohne Reise- oder Übernachtungskosten an einem Jahreskongress partizipieren zu können, jedoch als größter Vorzug dieser Veranstaltungsform wahrgenommen werden – und dementsprechend hoch fiel mit rund 300 Personen auch die Gesamtzahl der Teilnehmer*innen aus. Ein großer Teil von diesen wurde Zeuge des vom Erich-Thienhaus-Institut live aus dem Detmolder Konzerthaus gestreamten Abschlusskonzerts, in dem vier Marimbaphonistinnen der Hochschule ein höchst beeindruckendes Arrangement von Beethovens F-Dur-Quartett op. 18/1 zu Gehör brachten.

Von einzelnen marginalen, durch die fehlende Routine im Umgang mit dem Online-Format bedingten Anwendungsfehlern abgesehen, die auch dem Verfasser dieser Zeilen beim multi-intentionalen Rotieren der Aufmerksamkeit zwischen Zoom, Whova, PDF-Reader und Präsentationssoftware gelegentlich unterliefen, genossen die Teilnehmer*innen einen so gut wie störungsfreien, in Bezug auf die zu erlebenden Inhalte und Kommunikationsweisen höchst ergiebigen Jahreskongress. Das größte Kompliment für diesen Erfolg gebührt dem Organisationsteam, das für eine in vielerlei Hinsicht vorbildhafte Planung und Durchführung verantwortlich zeichnete: Hiermit sei Andreas Dorfner, Julian Habryka, Susan Lempert, Ulrike Rost, André Stärk und Jens Uhlenhoff nochmals aufs Herzlichste gedankt!