Aerts, Hans (2006), »Thoroughbass in Practice, Theory, and Improvisation - International Orpheus Academy for Music & Theory 2006 Orpheus-Institut, Gent, 5. bis 8. April 2006«, Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie 3/3, 359–361. https://doi.org/10.31751/242
veröffentlicht (Onlineausgabe) / first published (online edition): 01/07/2006
zuletzt geändert / last updated: 01/12/2008

Thoroughbass in Practice, Theory, and Improvisation - International Orpheus Academy for Music & Theory 2006
Orpheus-Institut, Gent, 5. bis 8. April 2006

Hans Aerts

Das erklärte Ziel des Orpheus-Instituts in Gent (Flandern) ist es, Kunst und Wissenschaft miteinander ins Gespräch zu bringen. So organisiert das Institut seit 1997 postgraduale Studien für Musiker, darunter das Promotionsprogramm DocARTES, das an einigen niederländischen Universitäten die Promotion in künstlerischen Fächern ermöglicht. Darüber hinaus machen lecture-performances, Meisterkurse, Seminare, Konzerte und Workshops das Orpheus-Institut zu einer international ausgerichteten Begegnungsstätte für Musiker, Musikwissenschaftler, Musiktheoretiker und Musikpädagogen. Insbesondere die International Orpheus Academy for Music & Theory wurde innerhalb kurzer Zeit zu einem wichtigen Aushängeschild des Instituts. Im April 2006 fand sie zum vierten Mal statt und bestätigte erneut ihren Ruf als attraktiver Treffpunkt von Theorie und Praxis, von unterschiedlichen Nationen und Generationen.

Die vorangegangenen Themen waren ›Musik nach 1950‹, ›Musiktheorie zwischen 1650 und 1750 in Italien, Frankreich und Deutschland‹ sowie ›Das Zeitalter Beethovens und Schuberts‹. Jetzt widmete sich die Akademie dem ›Generalbaß in Praxis, Theorie und Improvisation‹. Entscheidende Impulse hierzu waren von Ludwig Holtmeier (Hochschule für Musik Freiburg) ausgegangen, der als ›Kurator‹ für die inhaltliche Vorbereitung der Akademie verantwortlich zeichnete. Fünf Gastprofessoren und 29 Teilnehmer aus neun Ländern nutzten die Gelegenheit zum fachlichen und persönlichen Austausch. Das Team von Gastprofessoren bestand neben Ludwig Holtmeier aus Thomas Christensen (University of Chicago), Robert O. Gjerdingen (Northwestern University), Rudolf Lutz (Schola Cantorum Basiliensis) und Giorgio Sanguinetti (Università Tor Vergata Rom). John Butt (University of Glasgow) hatte leider kurzfristig absagen müssen; seine beiden Vorträge wurden dennoch verlesen und diskutiert.

In seinem einleitenden Referat betonte Thomas Christensen die grundlegende Bedeutung des Generalbasses für das Komponieren im 17. und 18. Jahrhundert. Dabei spannte er anhand einer Fülle zeitgenössischer Traktate einen weiten entwicklungsgeschichtlichen Bogen von der vokalen und tenorbezogenen Klangschrittlehre des 15. und 16. Jahrhunderts hin zur primär instrumentalen und baßbezogenen Akkordschrittlehre des ›Generalbaßzeitalters‹. Der Gebrauch von Signaturen als einer Art von Akkordschrift begünstigte diese Entwicklung (im Gegensatz zur Griffschrift der im norddeutschen Raum länger gebräuchlichen Tabulatur). Zu Beginn des 18. Jahrhunderts schließlich wurde der Generalbaß in deutschsprachigen Traktaten als das »vollkommenste Fundament der Music« gepriesen[1] und begann, den Kontrapunkt als kompositorische Grundlagendisziplin abzulösen. Gegen die Umwertung des Generalbasses von einem Mittel der Aufführungspraxis zur Basis der Kompositionslehre polemisierte vor allem Johann Mattheson, der im Sinne der deutschen Kantoren-Tradition an einem melodiezentrierten kontrapunktischen Paradigma festhielt: Seine zwei Lehrwerke zum Generalbaß widmen sich der »Exercitio« des »manierlichen« Spiels und bilden so das Gegenmodell zu Heinichens Generalbaß in der Composition.[2]

Auseinandersetzungen mit verschiedenen Teilaspekten des Themas bestimmten den weiteren Verlauf der Akademie: Wie zeigt sich die Beziehung zwischen Generalbaß und Komposition im 17. und 18. Jahrhundert in den musikalischen Werken und worin liegt sie begründet? Inwiefern ist die Sichtweise Hugo Riemanns, der der Generalbaßlehre jeglichen Theoriecharakter absprach, heute noch haltbar? Vor welche Fragen sieht sich die heutige Aufführungspraxis gestellt und welche Bedeutung kann dem Generalbaß im heutigen Musiktheorie- und Improvisationsunterricht zukommen? Thematische Podiumsgespräche am Ende eines jeden Tages boten Gastprofessoren und Teilnehmern Gelegenheit, vorläufig Resümee zu ziehen.

Als von zentraler Bedeutung für das Verständnis der italienischen und italienisch geprägten Musik des 18. Jahrhunderts erwies sich die aus der Welt der neapolitanischen Konservatorien stammende Partimento-Tradition. Wie Robert Gjerdingen sehr anschaulich darlegte, wurden die Zöglinge dieser Einrichtungen zu routinierten Komponisten ausgebildet, indem sie anhand eines rigiden Curriculums die Realisierung unbezifferter Bässe am Tasteninstrument trainierten: Bestimmte melodische Gänge des Basses implizierten jeweils ein Repertoire an mehrstimmigen Strukturen, das vom Schüler beim Lesen der Baßstimme unmittelbar vergegenwärtigt und kontextuell umgesetzt werden sollte.[3] In der mit einer solchen Unterrichtstradition korrespondierenden Art des Komponierens wirkte der Gebrauch von satztechnischen loci communes stilbildend, wie Gjerdingen an Werkausschnitten unter anderem von Leonardo Leo, Domenico Cimarosa, Niccolò Piccinni und Wolfgang Amadeus Mozart demonstrierte. Giorgio Sanguinetti, heute einer der größten Experten auf dem Gebiet der Partimento-Literatur, spielte und kommentierte in einer lecture-performance Partimenti von Leonardo Leo und Francesco Durante und vermittelte seine praktischen Erfahrungen in zwei Workshops mit verschiedenen Teilnehmern am Cembalo. Rudolf Lutz machte die Bedeutung von Generalbaßmodellen für das Improvisieren eindrucksvoll hörbar und bot anregende Einblicke in seine Methodik des Improvisationsunterrichts.

John Butt ging unter anderem auf offene Fragen bezüglich der Interpretation von Generalbaßziffern bei Johann Sebastian Bach ein. In der anschließenden Diskussion konnten die Anwesenden von der Erfahrung und den besonderen Kenntnissen einiger Continuospieler unter den Teilnehmern profitieren, etwa hinsichtlich der Darstellung unterschiedlicher nationaler Stilistiken.

Auf die Stärken und Schwächen der Theorie Jean-Philippe Rameaus konzentrierte sich Thomas Christensens zweiter Vortrag. Er zeigte, wie Rameaus Versuch, die règle de l’octave in sein System zu integrieren, auch nach mehreren Anläufen scheiterte, was seine von Descartes und Newton beeinflußte, naturwissenschaftlich orientierte Theorie von der musikalischen Praxis fernhielt. Ergänzend dazu verwies Ludwig Holtmeier in seinen beiden Referaten auf musiktheoretische Gegenpositionen zu Rameau, die bis ins 19. Jahrhundert fortbestanden. In Johann David Heinichens General-Baß in der Composition (1728) zeigte er Züge einer Systematik auf, die eine von Rameau unabhängige theoretische Tradition begründete: Die Oktavregel bildet für Heinichen die Basis eines musiktheoretischen ›Systems‹, mit dessen Hilfe musikalische Gestalten quasi unmittelbar und erfahrungsnah zu ›begreifen‹ sind. Heinichens Denkweise korreliert mit der impliziten Theorie der Partimento-Tradition: Beide kennen einen von Rameau unabhängigen Begriff von Akkordgenealogie (durch ›Klangergänzung‹ und ›Klangvarianten‹ einfacher Oktavregel-Klänge) und Umkehrung bzw. ›Verwechslung‹. Kadenz- und Sequenzharmonik werden nicht wie bei Rameau auf ein einheitliches akkordmorphologisches Prinzip zurückgeführt, sondern repräsentieren zwei originäre ›Seinszustände‹ von Harmonik, zwischen denen frei hin- und hergewechselt werden kann. Ausgehend von der Gegenüberstellung Heinichens und Rameaus skizzierte Holtmeier eine Topologie späterer Theorietraktate bis hin zu Simon Sechters Generalbaßschule (1830), die jeweils mehr dem einen oder dem anderen theoretischen Konzept zuneigen. Von der Reintegration eines auf der Partimento-Tradition basierenden harmonischen Denkens versprach Holtmeier sich einen regelrechten ›Paradigmenwechsel‹ im heutigen musiktheoretischen Unterricht. In der abschließenden Diskussion herrschte Einigkeit über die große Bedeutung der behandelten Fragen für die gegenwärtige Unterrichtspraxis.

Der organisatorische Ablauf und die Betreuung der Teilnehmer der Orpheus Academy 2006 waren beispielhaft. Zur Intensität der Akademie trug ganz wesentlich die permanente Anwesenheit des gesamten Professorenteams bei. Die Publikation eines Teils der gehaltenen Vorträge wurde für 2007 in Aussicht gestellt. Die fünfte International Orpheus Academy for Music & Theory findet vom 11. bis zum 14. April 2007 statt und widmet sich dem Thema ›Tempo, Meter, Rhythm. Time in Music after 1950‹.

Anmerkungen

1

Friedrich Niedt (1700), Musikalische Handleitung, Teil 1, Hamburg, § 20.

2

Vgl. Walter Heimann (1973), Der Generalbaß-Satz und seine Rolle in Bachs Choral-Satz (= Freiburger Schriften zur Musikwissenschaft 5), München: Katzbichler, 41–47 sowie 124–129.

3

Für eine Einführung in die Partimento-Tradition siehe: http://faculty-web.at.northwestern.edu/music/gjerdingen/partimenti. Über diese Webseite sollen unter Gjerdingens Leitung die einschlägigen Traktate und das Partimento-Repertoire der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

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