Edler, Florian / Jeßulat, Ariane / Scheideler, Ullrich (2020): Editorial. Alte Musik und Musiktheorie zwischen Historiografie und Pädagogik. ZGMTH 17/2, 5–10. https://doi.org/10.31751/1094
eingereicht / submitted: 22/12/2020
angenommen / accepted: 23/12/2020
veröffentlicht / first published: 23/12/2020
zuletzt geändert / last updated: 02/02/2021

Editorial

Alte Musik und Musiktheorie zwischen Historiografie und Pädagogik

Wie alt ist Alte Musik?

Wissenschaftliche Forschung zum Themenfeld »Alte Musik« hat sich seit den 1970er Jahren in intensiven und durch zahlreiche Forschungsprojekte und Einzelstudien angereicherten Auseinandersetzungen und Diskursen in einem Grade ausdifferenziert und neu geschrieben, dass ein Themenheft mit nur fünf Beiträgen zum Schwerpunkt nicht viel mehr als eine Stichprobe der erdbebenartigen Auswirkungen auf ein aktuelles Selbstverständnis von Musikgeschichtsschreibung und von Musikgeschichte als konstruiertem Raum sein kann. So plural wie historiografische Perspektiven auf älteres Repertoire sind, so abhängig sind sie doch zugleich von übergeordneten Konzepten. So verzichtet die 2015 erschienene Cambridge History of Fifteenth-Century Music weitgehend und dezidiert – wie alle Bände der Reihe – auf exponierte Epochenbezeichnungen wie Renaissance oder Mittelalter.[1] In dieser Hinsicht geht die vorliegende Ausgabe fast noch einen Schritt weiter, da wenigstens zwei der Beiträge zum Themenschwerpunkt sich mit Repertoire befassen, welches im Kanon des ausgehenden 20. Jahrhunderts, nach dessen epochalem Selbstverständnis »Alte Musik« implizit so etwas wie ›Musik vor der Generalbass-Zeit‹ bedeutete, nicht oder wenigstens nicht zentral in den Bereich »Alter Musik« gehörte: François Couperin, Arcangelo Corelli und Jean Baptiste Lully (Menke) wären als Komponisten barocken Repertoires[2] ebenso bereits in den analytischen Sog durmolltonaler Paradigmen geraten wie auch Johann Kuhnaus Arbeiten als Komponist und Theoretiker (Remeš/Kranemann), Carl Philipp Emanuel Bachs Lehre und Werk (Bernardy) wären der Vorklassik zugeordnet worden. Eine Ausweitung der methodischen Errungenschaften, die am Repertoire der »Alten Musik« oder der »Early Music« entwickelt wurden, ist als Chance zu verstehen, kanonische Festschreibungen, die sich im Übrigen in der Anwendung, nämlich in den Analysewerkzeugen und in den Paradigmen der Satzlehre, gravierender auswirken als in ungleich flexibleren geschichtswissenschaftlichen Texten, aus den Methoden heraus kritisch zu reflektieren und in alternative Lesarten überschreibend zu integrieren.

Spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts implizierte die Erforschung sogenannter Alter Musik etwa mit der Rede von »älteren Meistern« eine Distanzierung,[3] wie auch das Selbstverständnis der Alte-Musik-Szene im Sinne einer hermetisch geschlossenen Sparte vielerorts geradezu kultiviert wurde. Dass die zum Themenschwerpunkt des vorliegenden Hefts beitragenden Autor*innen in ihrer weiteren Forschung und Lehre durchgehend auch neueres Repertoire behandeln, kann als zusätzliches Indiz dafür gesehen werden, dass die Erforschung älterer Musik weniger ein Spezialgebiet, als vielmehr integraler Bestandteil von Musiktheorie ist, dem besondere Ausstrahlung und Relevanz für das Fach im Ganzen zukommt. Beispielhaft zeigt sich dies beim regen Interesse an Gegenständen wie Satzmodellen, Partimenti oder der Oktavregel im Fachdiskurs der letzten Jahrzehnte.

Lesbarkeit

Philologie und Hermeneutik

Allein zwei der Beiträge zum Themenschwerpunkt (Roth, Remeš/Kranemann) und zwei Rezensionen (Meischein, Rabe) setzen sich mit der Quellenedition auseinander. Der Beitrag von Markus Roth spielt fast wie in einem Lehrgespräch mehrere Varianten durch, die zu seiner historisch informierten, kritische Kommentare aktueller Einspielungen einschließenden und gleichsam interaktiven Edition der im Text behandelten Motette von Jacobus Gallus (Jakob Handl) geführt haben. Ein engerer Zusammenhang zwischen Notation, Analyse, der Recherche des musiktheoretischen Kontexts ‒ wobei der Notentext eben nicht als Material gegeben ist, sondern als sinnstiftendes Resultat aus dem diskursiven Prozess hervorgeht ‒ ist kaum vorstellbar.

Die von Derek Remeš und Frederik Kranemann vorgelegte kommentierte Neuedition eines unter dem Titel Fundamenta compositionis Jean Kuhnaus 1703 überlieferten, heute in der Berliner Staatsbibliothek zugänglichen Manuskripts schließt an die Quelleneditionen der ZGMTH-Ausgabe 16/2 (2019) an. Erschlossen werden der Quellen- wie auch der Einleitungstext zusätzlich durch eine Übertragung ins Englische. Mit zahlreichen Notenbeispielen bieten die Fundamenta anschauliche Materialien zur Intervall-, Modus- und Fugenlehre sowie zum doppelten und mehrfachen Kontrapunkt. Damit stellen sie ein Dokument zur kompositorischen Ausbildung um 1700 dar, das die ungebrochene Relevanz der kontrapunktischen, an vokalen Paradigmen orientierten Lehre ebenso erkennen lässt wie bereits den sich ankündigenden Übergang zu einem moderneren Tonartendenken.

Die Rezensionen von Burkhard Meischein zu Juliane Pöches Studie über Thomas Selle und von August Valentin Rabe zu Elżbieta Witkowska-Zarembas Edition der Tabulatura Joannis de Lublin. Ad faciendum cantum choralem; fundamentum; ad faciendam correcturam geben Einblick in Quellen, die das 16. und 17. Jahrhundert geprägt haben und den gegenwärtigen Blick auf diese Zeit viel stärker prägen sollten, zumal da beide Texte, Joannis de Lublins natürlich in höherem Grade, auch regional antikanonisch eben nicht in Burgund und Italien, sondern im Nordosten beheimatet sind.

Hören und Lesen

Der Beitrag von Markus Roth setzt sich insofern mit einem blinden Fleck der Alte-Musik-Forschung auseinander, als gezielt harmonische Phänomene im Zentrum der auditiven Annäherung stehen. Wie ist eine Harmonik hörend zu verstehen, die chronologisch jüngeren Phänomenen ähneln mag, deren Voraussetzungen, seien es die Koordinaten historisch adäquater Temperatur, sei es das Verständnis von Metrik und Takt oder schließlich die innere Architektur der Polyphonie, aber ganz andere sind?[4]

Johannes Menkes Beitrag zeigt in einer virtuellen intertextuellen Gegenüberstellung Corellis und Lullys in François Couperins Apothéose de Lully die Wirkweise eines lebendigen französisch-italienischen Kultur-Transfers und dabei auch die modulare Bauweise der behandelten Stilidiome. Es ist nicht allein die enge Vernetzung mit dem kulturellen Hintergrund der Komposition, sondern auch die Sensibilität dafür, dass geschichtsphilosophisches Denken aktiv in stilistische Entscheidungen eingreift, dass modernité und ancienneté als wesentliche stilistische Kategorien gehört werden können und werden sollten, und dass das satztechnische Handwerk davon nicht getrennt betrachtet werden kann.

Der freie Beitrag von Gerhard Lock über Salienz als Kriterium der Wahrnehmung post-tonaler Musik wendet sich dem Verständnis von Hören als Lesen aus entgegengesetzter Richtung zu: Die empirische Studie untersucht Interdependenzen zwischen ›Auffälligkeiten‹ und den Reaktionen der Hörerinnen und Hörer unter experimentellen Bedingungen mit Hilfe einer dafür entwickelten Software.

Einen Schwerpunkt auf die Methodik der musikalischen Analyse setzt auch Dora Hanninens Buch A Theory of Music Analysis. On Segmentation and Associative Organisation, das von Oliver Schwab-Felisch rezensiert wird. Hanninen bemüht sich um die Grundlegung einer exakten und sich in logischen Schritten vollziehenden Analyse (mit Fokus auf Strukturanalyse) in Verbindung mit einer Pluriperspektivik, die nach Ansicht des Rezensenten dieses Buch zu einer der wichtigsten Publikationen der letzten Zeit auf dem Gebiet der Musiktheorie werden lässt.

In der von Julia Freund reflektierten Studie Konstellationen – Form in neuer Musik und ästhetische Erfahrung im Ausgang von Adorno entwirft Cosima Linke eine zeitgemäße Theorie der musikalischen Form, die auch und vor allem Zugänge zu posttonaler, jenseits eines tradierten Formenkanons zu verortender Musik eröffnet. Diese Theorie, in der Ansätze wie das konstellative Denken oder die materiale Formenlehre Adornos produktiv weitergedacht werden, exemplifiziert Linke abschließend bei der Analyse von Helmut Lachenmanns Orchesterstück Schreiben.

Cosima Linkes Doppelrezension von Michael Heinemanns Monografien …dass die Fuge keine Fuge mehr ist. Beethovens poetischer Kontrapunkt sowie Beethovens Ohr. Die Emanzipation des Klangs vom Hören unterzieht Heinemanns Auseinandersetzung mit Beethovens Spätwerk einer kritischen Revision. Sowohl die Komplementarität der verschiedenen analytischen Ansätze als auch der Stellenwert klangsinnlichen Zugangs als Medium der Analyse einer musikimmanenten Selbstreflexion werden als diskursives Potential der beiden Bücher differenziert beleuchtet.

Kombination und Rekombination

Kanonkünste im Zeitalter Josquin Desprez’ fasst Immanuel Ott als ein mitnichten einheitlich vorzustellendes satztechnisches Gebiet auf, bei dem zwei Arten, wie aus einstimmigen melodischen Vorlagen Kanons entwickelt werden können, zu unterscheiden seien. Die Kombination einer solchen Vorlage mit einer nach dem Kanonprinzip von ihr abgeleiteten zweiten Stimme und die Integrierung dieses zweistimmigen Satzes in einen vollstimmigen erweisen sich als das historisch ältere Verfahren gegenüber dem neueren Ansatz der Rekombination solcher Kanons, die bereits in einer Komposition vorhanden sind, in anderen Stücken und veränderten polyphonen Kombinationen.

Computergestützte Analysemethoden

In aktuellen Forschungsprojekten wie am Pariser CNRS[5] oder am Würzburger Institut für Musikforschung[6] oder der EPFL Lausanne[7] ist die Integration computergestützter Methoden bei der Analyse und Sichtung auch älterer Corpora inzwischen etabliert. Die brennende Frage, inwiefern hermeneutische und algorithmische bzw. statistische Verfahren jeweils ineinander greifen, müssen in der Regel individuell behandelt werden.[8] Das vorliegende Heft stellt in diesem Zusammenhang einen Text zur Diskussion, der von den in Frankreich gängigen strukturalistischen und mathematisch-statistischen Methoden der Analyse bestimmt ist. Anne Emanuelle Ceulemans und Christophe Guillotel-Nothmann untersuchen die ConcertGesänge, betitelt Polyhymnia caduceatrix, von Michael Praetorius im Hinblick auf das Verhältnis von diatonischer Logik und Skalenlogik, betrachten also einen nach 1610 entstandenen Werkzusammenhang, um aus dieser Perspektive Aufschluss über Patterns und eine sich etablierende harmonische Tonalität zu gewinnen.

Komposition und Improvisation

Es mag fast befremden, dass Artikel zu den Themen Partimento oder Super librum Cantare hier anscheinend fehlen. Dass diese Themen allerdings weit über den engen Rahmen einer bestimmten Lehrpraxis hinaus das Verständnis von Komposition,[9] Werk, die Rolle von Autorinnen und Autoren bis zur Rolle von Subjektivität bereits wesentlich beeinflusst haben, wird in allen Beiträgen deutlich: Johann Kuhnaus Fundamenta und auch Carl Philipp Emanuel Bachs Versuch sind in der Tradition des Partimento zu lesen. Dass Ralph Bernardys Beitrag gerade ein zentrales Kapitel, nämlich »Über die freie Phantasie« in den Mittelpunkt rückt und dabei Probekompositionen wie veröffentlichte ›Werke‹ gleichsam nach den Schichten ihrer Konstruktion analytisch aufarbeitet, fördert eine historische Handwerkspraxis zu Tage, die der Improvisation nahe ist bzw. diese voraussetzt.

Matan Entins Rezension von Jakob Ijzermans Lehrbuch zu Harmonik und Kontrapunkt aus der Perspektive der Partimentopraxis greift dieses Thema ebenso auf wie die Rezension von Lutz Felbick über Friedrich Jaeckers Kontrapunktlehre und schließlich auch Markus Roths Rezension eines Sammelbands über Heinrich Isaac, in dem pointiert die Nähe zwischen Isaac als professionellem Sänger und der Improvisationslehre der »Singeschule« angesprochen wird.

Brücken zwischen der Improvisationspraxis im Jazz und der Interpretationskultur so genannter ›klassischer‹ Musik schlägt Philipp Teriete in seinem freien Beitrag, in dem zugleich Möglichkeiten wechselseitiger Anregung aufgezeigt werden. Anlass hierzu geben neue Einsichten in die Entstehungsgeschichte der ›Lead Sheet‹-Notation. Wie Teriete nachweist, finden sich deren Frühstadien bereits in der Spielpraxis von Bandleadern und Pianisten im ›American Vaudeville‹ des ausgehenden 19. Jahrhunderts, bei der Prägungen durch Generalbass- und Partimento-Traditionen offen zutage liegen.

* * *

Bereits im August dieses Jahres verstarb Heinrich Poos. Die ZGMTH gedenkt seiner mit einem Nachruf.

Florian Edler, Ariane Jeßulat, Ullrich Scheideler

Anmerkungen

1

Vgl. die Diskussion bei Owens 1997, 6, bei Carter 2005 und bei Busse Berger/Rodin 2015, 3–5.

2

Vgl. Taruskin 2005, XXI.

3

Kapp 2014, 283.

4

Vgl. Owens 1997, 7.

5

Thesaurus Musicarum Germanicarum.

6

Corpus Monodicum.

7

Corpus Project, From Bach to the Beatles.

8

Vgl. Sprau/Wörner 2016.

9

Vgl. Busse Berger/Rodin 2015, 143f., und Canguilhem 2015a, 149–163, sowie Canguilhem 2013, 2015b, Guido 2017, Moelants 2014, Janin 2012 sowie die Rezension von Barnabé Janins Lehrbuch in der ZGMTH (Sprau 2014).

Literatur

Busse Berger, Anna Maria / Jesse Rodin (Hg.) (2015), The Cambridge History of Fifteenth-Century Music, Cambridge: Cambridge University Press.

Canguilhem, Philippe (2015a), »Improvisation as Concept and Musical Practice in the Fifteenth Century«, in: The Cambridge History of Fifteenth-Century Music, hg. von Anna Maria Busse Berger und Jesse Rodin, Cambridge: Cambridge University Press, 149–163.

Canguilhem, Philippe (2015b), L´Improvisation polyphonique à la Renaissance, Paris: Classiques Garnier.

Canguilhem, Philippe (2013), Chanter sur le livre à la Renaissance. Les traités de contrepoint de Vicente Lusitano, Turnhout: Brepols.

Carter, Tim (2005), »Renaissance, Mannerism, Baroque«, in: The Cambridge History of Seventeenth-Century Music, hg. von Tim Carter und John Butt, Cambridge: Cambridge University Press, 1–26.

Guido, Massimiliano (Hg.) (2017), Studies in Historical Improvisation. From Cantare Super Librum to Partimento, London: Routledge.

Janin, Barnabé (2012), Chanter sur le livre. Manuel pratique d´improvisation polyphonique de la Renaissance (15ème et 16ème siècles), Langres: Éditions Dominique Guéniot.

Kapp, Reinhard (2014), »Alte Musik im Modus der Bearbeitung ‒ Thesen zur (Früh-)Geschichte der Alte-Musik-Bewegung«, in: Im Schatten des Kunstwerks II. Theorie und Interpretation des musikalischen Kunstwerks im 19. Jahrhundert, hg. von Dieter Torkewitz, Wien: Praesens, 281‒291.

Moelants, Dirk (Hg.) (2014), Improvising Early Music, Leuven: Leuven University Press.

Owens, Jessie Anne (1997), Composers at Work. The Craft of Musical Composition 1450–1600, Oxford: Oxford University Press.

Sprau, Kilian / Felix Wörner (Hg.) (2016), Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie 13/2: Musiktheorie und Digital Humanities. https://doi.org/10.31751/i.43

Sprau, Kilian (2014), »Barnabé Janin, Chanter sur le livre. Manuel pratique d´improvisation polyphonique de la Renaissance (XVe et XVIe siècles), 2. Auflage, Lyon: Symétrie 2014«, Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie 11/2, 311‒321. https://doi.org/10.31751/763

Taruskin, Richard (2005), Music in the Seventeenth and Eighteenth Centuries, Oxford: Oxford University Press.

Internet-Quellen

Corpus Monodicum

https://www.musikwissenschaft.uni-wuerzburg.de/forschung/corpus-monodicum

Corpus Project

https://www.epfl.ch/labs/dcml/projects/corpus-project

From Bach to the Beatles

https://www.epfl.ch/labs/dcml/projects/vw-project

Thesaurus Musicarum Germanicarum

https://www.iremus.cnrs.fr/fr/projets-de-recherche/tmg-thesaurus-musicarum-germanicarum

Dieser Text erscheint im Open Access und ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

This is an open access article licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License.