Rabe, August Valentin (2020): Witkowska-Zaremba, Elżbieta (Hg.) (2015), Tabulatura Joannis de Lublin. Ad faciendum cantum choralem; fundamentum; ad faciendam correcturam (= Monumenta musicae in Polonia: Seria C, Tractatus de musica, Bd. 3), übers. ins Polnische von ders., engl. Übersetzungen von Anna Maria Busse Berger, Warschau: Instytut Sztuki Polskiej Akademii Nauk. ZGMTH 17/2. https://doi.org/10.31751/1076
eingereicht / submitted: 29/09/2020
angenommen / accepted: 30/09/2020
veröffentlicht / first published: 31/12/2020
zuletzt geändert / last updated: 21/12/2020

Witkowska-Zaremba, Elżbieta (Hg.) (2015), Tabulatura Joannis de Lublin. Ad faciendum cantum choralem; fundamentum; ad faciendam correcturam (= Monumenta musicae in Polonia: Seria C, Tractatus de musica, Bd. 3), übers. ins Polnische von ders., engl. Übersetzungen von Anna Maria Busse Berger, Warschau: Instytut Sztuki Polskiej Akademii Nauk.

August Valentin Rabe

Schlagworte/Keywords: 16th-century organ music; Fundamentum; Jan z Lublina; John of Lublin; Orgelmusik des 16. Jahrhunderts

Bereits die hochwertige Leinenbindung und das große Format lassen erahnen, mit was für einem gewichtigen Werk man es zu tun hat. Dabei orientiert sich die Ausgabe am Erscheinungsbild und am Format der Quelle, die ediert wird: Auf dem Ledereinband ist dort folgende Inschrift eingeprägt: »TABVLATVRA IOANNIS / DE LYVBLYN CANONIC[ORUM] / REG[U]LARIV[M] DE CRASNYK / 1540«. Dank dieser Prägung hat die Quelle als ›Tabulatur des Johannes von Lublin‹ Eingang in die Musikgeschichtsschreibung gefunden – auch wenn der Name Johannes von Lublin innerhalb der fast 260 fol. umfassenden Handschrift nicht noch einmal auftaucht.

Seit der ersten Beschreibung durch Adolf Chybiński im frühen 20. Jahrhundert gilt die Quelle als Meilenstein der polnischen Musikgeschichte.[1] Sie wird eröffnet von einem 26 Manuskriptseiten umfassenden Textteil, der sich mit der mehrstimmigen Ausarbeitung eines liturgischen Cantus firmus beschäftigt, und sie wird abgeschlossen von einer kurzen Anweisung, wie ein Tasteninstrument zu stimmen ist. Aufgrund dieser Texte sah Chybińsky Johannes von Lublin als »fortschrittlichen […] Theoretiker«.[2] Die insbesondere über das erste Drittel der Handschrift verstreuten Abschnitte, die nach Art der älteren ›Fundamenta‹[3] kurze mehrstimmige Bearbeitungen bestimmter Cantus-firmus-Bewegungen darstellen (z. B. Descensus per secundas), bezeichnete er als »Schulbeispiele«, sodass Johannes von Lublin ohne flankierende Belege zum ›Lehrer‹ wurde. Das Interesse der Forschung an diesen Texten und an den »Schulbeispielen« war aber gering, da das Augenmerk zunächst auf anderen Aspekten lag. Dies wird etwa in der Zusammenfassung deutlich, die John R. White 1963 vom Inhalt der Quelle gab:

[…] its 520 pages preserve many unique compositions known only from this source, and encompass as well an international collection of French, Italian, German, and Polish music both sacred and secular. Including organ preludes and organ service music, intabulations of motets, madrigals, chansons, German and Polish songs, dances from Poland and the western countries, and a brief ›Fundamentum‹ with rules for polyphonic composition and many illustrative exercises […].[4]

Seiner Beschreibung entspricht auch die Konzeption der von ihm in den 1960er Jahren herausgegebenen ›Gesamtausgabe‹, die sechs Bände der Reihe Corpus of Early Keyboard Music füllt und nach Gattungen und Nationen geordnet ist.[5] Die ›theoretischen Traktate‹ wurden nicht integriert und die über 800 »Schulbeispiele« wurden nur auszugsweise in den sechsten Band der ›Gesamtausgabe‹ (Tones of the psalms and Magnificat, fundamentum examples, conclusiones, clausulae) aufgenommen.

Mit der 2015 erschienenen Neuausgabe nimmt sich die Herausgeberin Elżbieta Witkowska-Zaremba dieser bisher vernachlässigten sogenannten ›didaktischen Teile‹ der Handschrift an und macht damit die verbalen Texte in lateinischer, polnischer und englischer Sprache sowie sämtliche zum Corpus des ›Fundamentum‹ zu rechnende Beispiele für Forschung, Praxis und Lehre zugänglich. Die Ausgabe erfüllt alle Erwartungen, die man an eine zeitgemäße Print-Edition haben kann, und krönt die jahrzehntelange Beschäftigung der Herausgeberin mit der Handschrift.

Die konsequent zweisprachig gehaltene Einführung nebst Inhaltsübersicht (27–43) und die Editionsrichtlinien (45–52) ermöglichen zu Beginn des Bandes eine schnelle Orientierung und geben Einblick in Fragen und Probleme der ›didaktischen Teile‹ der Handschrift (»1. The Manuscript«, »2. The didactic part«, »3. Ars organizandi according to The Tablature of Joannes of Lublin«). Darauf folgen die drei Teile der Edition: 1. der Textteil Ad faciendum cantum choralem, 2. Die Sammlung der über die Handschrift verteilten Notenbeispiele, die von der Herausgeberin als ›Fundamentum‹ bezeichnet werden, 3. die Stimmanweisung Ad faciendam correcturam. Auf jeden der drei Editionsteile folgen hilfreiche und ausführliche Anmerkungen auf Polnisch und Englisch. Abgeschlossen wird der Band von einem Faksimile sämtlicher edierter Teile in Schwarz-Weiß. Bei den Editionen der Textteile sind auf je gegenüberliegenden Seiten links der lateinische Text in kritischer Übertragung und rechts die Übersetzungen auf Polnisch (Witkowska-Zaremba) und Englisch (Anna Maria Busse Berger) angeordnet. Die Notenbeispiele, die in der Quelle in den Fließtext integriert sind, sind im lateinischen Text als Schwarz-Weiß-Faksimile und auf der gegenüberliegenden Seite als Übertragung in moderne Notation wiedergegeben. So können editorische Entscheidungen – die zusätzlich in Fußnoten transparent gemacht werden – auch anhand des originalen Notenbildes überprüft werden. Auch die Übersetzungen können dank der übersichtlichen Anordnung, der Zeilenzählung und der für Original und Übersetzung abweichenden Schriftarten schnell mit dem lateinischen Text synchronisiert und geprüft werden. Steht in der englischen Übersetzung etwa der moderne Begriff »voice leading«, so ist auf einen Blick zu erkennen, dass es sich um ein Deutungsangebot für das Lateinische »moderare voces« handelt. (54 f.)

Mit dieser kaum Fehler aufweisenden Ausgabe legt Elżbieta Witkowska-Zaremba mit ihrem Team eine fruchtbare Ressource vor, die sofort kritische Fragen an die Quelle anregt. So suggeriert der Begriff ›Fundamentum‹ im Titel der Ausgabe (der typographisch nicht als Zugabe der Herausgeberin identifizierbar ist), dass es sich bei der Sammlung an Notenbeispielen insgesamt um ein ›Werk‹ handelt, das diesen Titel trägt. Diese These wurde implizit schon durch Chybiński vertreten. Auch White fasst im letzten Band der ›Gesamtausgabe‹ fundamentum examples zusammen – die separat aufgelisteten Beispiele zu den conclusiones und den clausulae zählen für ihn aber offenbar nicht dazu. Die Annahme, dass die Beispiele zusammengenommen ein ›Fundamentum‹ ergeben, wird durch die Quelle selbst genährt: Mehr als zehn Mal wird in Ad faciendum cantum choralem auf ein »Fundamentum« verwiesen (»cetera ex fundamento« u. ä., siehe z. B. 62 f.). Allerdings taucht der Begriff außerhalb der verbalen Erläuterungen gar nicht auf. Hinzu kommt, dass die abstrakte Ordnung der Beispiele unvollständig ist (siehe die Inhaltsübersicht, 31–40) und das ›Fundamentum‹ zuvor in Form einzelner Faszikel existierte, die erst im Nachhinein mit den später entstandenen verbalen Texten und sonstigen Bestandteilen der Tabulatur zusammengebunden wurden. (30 f.)[6] Auch repräsentieren die Beispiele »ein sehr breit gefächertes Qualitätsspektrum«. (30)[7] Diesem Befund steht eine komplexe Gemengelage in Bezug auf die Autorschaft gegenüber. Ad faciendum cantum choralem ist wohl als Gemeinschaftsarbeit von zwei Personen entstanden. Während die eine, aufgrund der von ihr verwendeten Buchstabenformen wohl jüngere Person, den verbalen Text eintrug, schrieb die ältere und mutmaßlich erfahrenere die Notenbeispiele, ergänzte die zugehörigen choralen Textincipits und fügte Korrekturen ein. (43) Den Handschriftenbefund wie auch die qualitative Heterogenität des ›Fundamentums‹ deutet die Herausgeberin dahingehend, dass dieses auf »eine Reihe von« Organist*innen mit unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten zurückgeht. (29 f.)[8] Dennoch geht Witkowska-Zaremba davon aus, dass es sich bei Ad faciendum cantum choralem und der über die Handschrift verteilten Sammlung von Beispielen zusammengenommen um ein »in sich geschlossenes und sorgfältig geplantes Ganzes« handelt (30),[9] wobei sie Johannes von Lublin als »Autor« der didaktischen Teile sieht (43). Er habe sie vorbereitet, das ›Fundamentum‹ überarbeitet, die Niederschrift von Ad faciendum cantum choralem beaufsichtigt und Ad faciendam correcturam selbst eingetragen. Dieses Narrativ eines ›Meisters‹, der ›Autor‹ eines ›Werkes‹ ist, scheint zwar durch die Gravur mit einem Namen und einer Jahreszahl auf dem Einband suggeriert zu werden, innerhalb der Quelle verschwimmen aber die modernen Kategorien des einen Autors und des geschlossenen Werkes. Dies erinnert an den Fall des »Fundamentum von Hans Buchner«, das in der Einführung mehrmals zum Vergleich mit dem »Fundamentum des Johannes von Lublin« herangezogen wird, und bei dem kürzlich eine alternative Erzählung zu Werk und Autorschaft vorgeschlagen wurde.[10]

Die nun vorliegende Ausgabe nebst den Anmerkungen der Herausgeberin laden dazu ein, die Tragfähigkeit etablierter Narrative und die verwendeten Kategorien am Material erneut zu prüfen. Dazu werfen sie neue Fragen auf (ohne sie explizit zu stellen). Wie etwa wurden diese didaktischen Teile verwendet? Wurde das ›Fundamentum‹ überhaupt als einheitliches Werk wahrgenommen, wie es die Verweise im verbalen Text suggerieren? Was nützt der dortige Verweis »cetera ex fundamento« (»das Übrige entnimm dem Fundamentum«) in Ad faciendum cantum choralem, wenn unklar ist, welche Stelle des auf 37 Manuskriptseiten notierten und auf über 20 fol. (17v–18v, 49r–60r, 73r–79r) verstreuten ›Fundamentum‹ konkret gemeint ist? Blätterte man mühsam hin und her? Wurde das ›Fundamentum‹ geschrieben, um auswendig gelernt zu werden? Weshalb ist es dann unvollständig und nicht an einem Stück aufgeschrieben worden? Was für eine Unterrichts-, Schreib-, Arbeits-, oder Musiziersituation führte zu dem ›team work‹, das im Schriftbefund zu beobachten ist?

Um sich den offenen Fragen zu Autorschaft, Funktion, Verwendung und sozialer Einbettung der didaktischen Teile anzunähern, muss nun weiter geforscht, müssen die Beispiele gespielt und im Unterricht didaktisch erprobt werden. Die nun vorliegende Ausgabe bietet die beste Grundlage dafür. Vielleicht wird dann auch das religiöse Bildprogramm analysiert werden, das sich auf dem Ledereinband findet.[11] In jedem Fall wird diese Ausgabe für die wissenschaftliche, praktische und didaktische Beschäftigung mit liturgischer Instrumentalmusik im 16. Jahrhundert in Zukunft unverzichtbar sein.

Anmerkungen

1

Chybiński 1912. John R. White bezeichnet die Quelle als »[…] prime monument of the Polish Renaissance and of 16th century keyboard music in general.« (White 1963, 137)

2

Chybiński 1912, 490.

3

Der Verfasser der vorliegenden Rezension arbeitet an einer Dissertation zum Thema »Fundamentum organisandi. Didaktik am Tasteninstrument ca. 1440–1550«. Das Erscheinen ist für 2021 geplant.

4

White 1963, 137.

5

Lublina 1964–67.

6

Siehe auch die ausführliche kodikologische Untersuchung in Gancarczyk 1996.

7

»[…] the examples which make up the Fundamentum represent a very diversified range of quality, from those which are totally correct in terms of counterpoint to the (rare) attempts which betray lack of practice, apparent mainly in parallel perfect consonances.«

8

»We do know that the tablature is the fruit of the labour of a number of scribes, as indicated even by such clues as the shape of the digits in the writing of the dates.« (29) »One might thus conclude that the Fundamentum is the work of a number of organists with varying degrees of advanced knowledge of instrumental counterpoint.« (30)

9

»[…] the treatise Ad faciendum and Fundamentum – together constitute a cohesive and carefully planned whole […].«

10

Zur problematischen Zuschreibung der Basler und Züricher ›Fundamenta‹ an Hans Buchner siehe Rabe 2018.

11

In der besprochenen Ausgabe wird das Bildprogramm nicht erwähnt.

Literatur

Chybiński, Adolf (1912), »Polnische Musik und Musikkultur des 16. Jahrhunderts in ihren Beziehungen zu Deutschland«, Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 13, 463–505.

Gancarczyk, Paweł (1996), »Uwagi Kodykologiczne O Tablatureze Jana Z Lublina (1537–1548)«, Muzyka – Kwartalnik Poswiecony Historii I Teorii Muzyki 41, 45–58.

Lublina, Jan z. (1964–67), Tablature of Keyboard Music (= Corpus of Early Keyboard Music, Bde. 61–66), hg. von John R. White, New York: American Institute of Musicology.

Rabe, August Valentin (2018), »Hans Buchners Fundamentum? Vorschläge für eine historiografische Neubewertung«, Acta Musicologica 90, 121–148.

White, John Reeves (1963), »The Tablature of Johannes of Lublin. Ms 1716 of the Polish Academy of Sciences in Cracow«, Musica Disciplina 17, 137–162.

Dieser Text erscheint im Open Access und ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

This is an open access article licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License.