Jeßulat, Ariane / Wörner, Felix (2019): Editorial. ZGMTH 16/1, 5–6. https://doi.org/10.31751/1011
eingereicht / submitted: 28/06/2019
angenommen / accepted: 29/06/2019
veröffentlicht / first published: 30/06/2019
zuletzt geändert / last updated: 30/06/2019

Editorial

In der Musiktheorie haben Graphiken vielfältige Funktionen. Dabei sind visuelle Darstellungen in der Regel auf eine Weise mit den jeweiligen Theorien selbst so verbunden, dass nicht immer bestimmt werden kann, ob sie eine vorhandene Theorie lediglich abbilden oder ob sie nicht vielmehr selbst wesentliche Bausteine dieser Theorie sind. Bildinhalte und Darstellungsweisen von Graphiken können Mittel zur Illustration der sie umgebenden Texte sein, indem sie die diskutierten Sachverhalte visuell veranschaulichen. Häufig dienen sie dazu, bestimmte Aspekte hervorzuheben und durch die Visualisierung neue Perspektiven zur sprachlichen Darstellung hinzuzufügen. Dabei können sie gelegentlich durchaus auch in Widerspruch zum Text geraten. Da das Thema der graphischen Darstellung gleichzeitig weit in die Theorie musikalischer Notation hineinreicht und sämtliche Paradigmen von Schriftbildlichkeit berührt, kann im Rahmen einer einzelnen Zeitschriftenausgabe nicht mehr als ein Impuls zum Thema gegeben werden. Mit der Wahl dreier sehr unterschiedlicher Blickwinkel auf Aspekte graphischer Musiktheorie wurde jedoch versucht, die Reichweite des Forschungsfeldes zumindest anzudeuten.

So widmen sich die drei dem Themenschwerpunkt verpflichteten Beiträge dieser Ausgabe dem Problem visueller Theoriebildung aus der Perspektive kulturgeschichtlich geprägter Abbildungstraditionen, der Bildlichkeit als besonderer Form von Zeichensystemen und schließlich aus der Perspektive musiktheoretischen Begreifens im engeren Sinne.

Der Beitrag von Burkhard Meischein regt zu einer Betrachtung von Grafiken aus musiktheoretischen Lehrwerken seit der Renaissance an. Als Abbildungen musiktheoretischer Zusammenhänge sind sie über die reine Funktionalität fasslicher Darstellung hinaus Welterklärungsmodelle, mnemotechnische Systeme im Sinne von Datenspeichern und Repräsentationen einer Mediengeschichte, die mindestens ebenso viele ästhetische und theoretische Implikationen transportiert wie die eindeutig zur Diagrammatik und Diegetik gehörenden Diagramme, Formeln und Texte.

Dementsprechend erforscht der Beitrag von Gesa Finke die Möglichkeiten bildlicher Darstellung auf der Schnittstelle zwischen Diagrammatik und Graphismus mit dem Fokus auf dem Zusammenspiel zwischen Punkt, Linie und Fläche. Auf der Grundlage des Briefwechsels zwischen dem Komponisten Anestis Logothetis und der Flötistin Greta Vermeulen erarbeitet die Autorin Ansätze und Perspektiven einer Analyse graphischer Notation. Auch hier geht es, wie in den musiktheoretischen Lehrwerken in Meischeins Beitrag, um eine implizite Theorie musikalischen Erfassens auf der Basis von Schriftbildlichkeit, allerdings ist deren Ziel eine möglichst präzise und direkte Umsetzung in der künstlerischen Interpretation.

Jakob Rieke schließlich präsentiert ein aktuelles Beispiel visuell vermittelter Theorie: Als Weiterdenken der von Richard Cohn entwickelten graphischen Modelle für Transformationen in der Neo-Riemannian Theory führt Rieke die dort bereits angelegten Zugriffe auf den dreidimensionalen Raum ebenso systematisch wie kreativ weiter und demonstriert, in welcher Weise sich besonders dissonante Vierklangstransformationen differenziert im Raum abbilden lassen. Eine Anwendung in Analysen von Werken Hugo Wolfs und Alexander Skrjabins dient der Evaluation des dreidimensionalen Designs.

Die freien Beiträge von Matthew Arndt und Twila Bakker/Pwyll ap Siôn sind verschiedenen Konzepten kontrapunktischer Analyse gewidmet: Während Arndt neue Facetten organizistischer Formtheorien am Präludium Es-Dur aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers demonstriert, integriert der Text von Pwyll ap Siôn und Twila Bakker die Skizzenforschung in den Analyseprozess, um die Grenzen einer möglicherweise zu engen ›reinen‹ Textanalyse zu erweitern.

Die in diesem Band veröffentlichten fünf Rezensionen behandeln Publikationen, die sich mit musiktheoretischen Themen vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart beschäftigen. Lutz Felbick diskutiert den umfangreichen von Markus Schwenkreis herausgegebenen Sammelband Compendium Improvisation – Fantasieren nach historischen Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts (Basel 2018). Mit Die »Anleitung zur musikalischen Setzkunst« von Gottfried Heinrich Stölzel (1690–1749) (Neumünster 2018) hat Florian Vogt eine zentrale Quelle des früheren 18. Jahrhunderts in Edition und Kommentar vorgelegt, die Almut Gatz in ihrer Besprechung würdigt. Neue Perspektiven auf die Geschichte der Musiktheorie des 18. Jahrhunderts eröffnet schließlich die von Christophe Guillotel-Nothmann vorgestellte Publikation Ludwig Holtmeiers, Rameaus langer Schatten. Studien zur deutschen Musiktheorie des 18. Jahrhunderts (Hildesheim 2017). Patrick Dinslages in der Reihe Große Komponisten und ihre Zeit erschienene Biografie Edvard Griegs (Laaber 2018) zeigt, wie eine Vermittlung zwischen älteren Konzeptionen von ›Werkbiografie‹ und diversen aus der Überblendung von detaillierten musikalischen Analysen und biografischen Informationen neu zusammengesetzten Grieg-Bildern einen differenzierteren Blick auf Werk und Persönlichkeit ermöglicht. Ariane Jeßulats Rezension stellt vor allem diejenigen Bereiche des Buches heraus, die Griegs Anteil am kulturellen Selbstverständnis Norwegens ab den 1860er Jahren behandeln. In den Kulturwissenschaften wird im aktuellen Methodendiskurs ein Konzept eines »posthermeneutischen Verstehensbegriffs« erarbeitet. In seiner von Cosima Linke kommentierten Studie ›Musikverstehen‹ zwischen Hermeneutik und Posthermeneutik. Untersuchungen aus historischer und pädagogischer Perspektive (Würzburg 2018) entwickelt Malte Markert, welche neuen Perspektiven sich aus dieser Richtung für das musikalische Verstehen ergeben können.

Ariane Jeßulat, Felix Wörner

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