Grüny, Christian (2020), »Grenzen des Rationalen. Klang und Theorie«, in: ›Klang‹: Wundertüte oder Stiefkind der Musiktheorie. 16. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH) Hannover 2016 (GMTH Proceedings 2016), hg. von Britta Giesecke von Bergh, Volker Helbing, Sebastian Knappe und Sören Sönksen, 15‒36. https://doi.org/10.31751/p.1
eingereicht / submitted: 01/10/2017
angenommen / accepted: 01/10/2017
veröffentlicht / first published: 01/10/2020
zuletzt geändert / last updated: 26/03/2021

Grenzen des Rationalen

Klang und Theorie

Christian Grüny

Musiktheorie ist eine singuläre Erscheinung: Keine andere künstlerische Disziplin hat eine derartige Theorie ausprägen können. Die Wandlungen, die nicht nur die Gegenstände der Musiktheorie und ihre theoretische Beschreibung, sondern auch den Theoriebegriff als solchen erfasst haben, haben doch eine grundlegende Tatsache unangetastet gelassen: Die Musiktheorie ist eine Theorie rationaler Strukturen und Verhältnisse, seien sie nun tonsystematisch oder werkbezogen, systematisch oder historisch, mathematisch, kosmologisch, physikalisch oder pragmatisch begründet. Nur als solche konnte sie historische Kontinuität ausbilden. Dass Klang als solcher in einer Theorie dieses Zuschnitts zuerst einmal systematisch ausgeschlossen wird, ist kein Zufall und auch kein behebbares Versäumnis, sondern konstitutiv. Klang wird, wie man aristotelisch sagen könnte, einer Theorie der musikalischen Formen zur Materie, zu dem, was nicht strukturell beschrieben werden kann. Damit wird Klang sozusagen negativ bestimmt als das, was sich der Theorie entzieht – nicht dem theoretischen Zugriff schlechthin, aber diesem speziellen. Indem sich die Musiktheorie dem Klang in seinen verschiedenen Dimensionen zuwendet, wird sie sich in einen anderen Typus Theorie verwandeln müssen bzw. mit anderen Theorietypen in Dialog treten. Aus einer Theorie musikalischer Rationalität wird ein ganzes Ensemble von Theorien unterschiedlicher Rationalitätsweisen, deren Zusammenspiel immer wieder neu austariert werden muss.

Music theory is a singular phenomenon: no other artistic field has been able to develop a theory of this type. Through the centuries, its objects and their theoretical examination and also the concept of theory itself have undergone major changes, while one thing has remained untouched: music theory is a theory of rational structures and relationships, regardless if they are located in the tonal system or the work, sought after in systematic or historical analyses, and founded in mathematics, cosmology, physics or in musical practice. This is what has guaranteed its historical coherence. It is no accident that sound as sound is systematically excluded from a theory of this kind, and this exclusion cannot simply be undone because it is constitutive for this kind of theory. For a theory of musical forms, sound becomes matter in the Aristotelian sense; it turns into something that cannot be described structurally. In this way, sound is negatively determined as that which eludes theory – not theory as such but this particular one. In turning to sound in its various dimensions, music theorists will have to adapt music theory to other types of theory. A theory of musical rationality will turn into an ensemble of theories whose interplay will constantly have to be rebalanced.

Schlagworte/Keywords: Form; form; Materie; matter; Pluralität; plurality; Rationalität; rationality; sense; Sinn

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