Jeßulat, Ariane / Sprau, Kilian (2018): Editorial. ZGMTH 15/1, 5–6. https://doi.org/10.31751/954
eingereicht / submitted: 17/05/2018
angenommen / accepted: 17/05/2018
veröffentlicht / first published: 30/06/2018
zuletzt geändert / last updated: 23/09/2018

Editorial

Die vorliegende Varia-Ausgabe enthält analytische, theoriehistorische und systematisch orientierte Beiträge, den Preisträgeraufsatz des wissenschaftlichen Wettbewerbs der GMTH 2017 sowie zwei Rezensionen.

Der Komponist Alexander Agricola (1446–1506) hat bisher verhältnismäßig wenig im Fokus musiktheoretischer Interessen gestanden – zu Unrecht, wie Markus Roth in seiner analytischen Studie deutlich macht. Unter dem Titel »Agricola und das Verkehrte« entfaltet Roth, ausgehend vom Kyrie I der Missa Sine Nomine, Eigenarten der Kompositionsweise Agricolas, die bestimmte Aporien der Tonsatzkunst des späten 15. Jahrhunderts drastisch vor Augen führen. Mit Bezug auf die Praxis der Musica Ficta wird am Beispiel der ›mi contra fa-Latenz‹ das im musiktheoretischen Diskurs stets aktuelle Verhältnis zwischen satztechnischer Norm einerseits und konkreter künstlerischer Umsetzung andererseits diskutiert.

Ulrich Kaiser reagiert in seinem theoriesystematischen Entwurf zu »Formfunktionen der Sonatenform« auf Analysemodelle, die sich im nordamerikanischen Raum durch die Rezeption der Schriften William E. Caplins etabliert haben und die auch in der deutschsprachigen Musiktheorie zunehmend Beachtung finden. Kaiser stellt dem Caplin’schen Konzept der ›Formal Functions‹ ein konstruktivistisch fundiertes Verfahren entgegen, dessen Darlegung neben theoriesystematischen auch entwicklungsgeschichtliche Aspekte zur Sonaten- und Symphoniekomposition des späteren 18. und frühen 19. Jahrhunderts berührt.

Daniel Ernsts analytische Untersuchung von Kabarett-Chansons des Autorenteams Edmund Nick/Erich Kästner aus den 1940er Jahren ergänzt strukturanalytische Fragestellungen zum Verhältnis zwischen Wort und Ton um geschichtliche und interpretationsanalytische Aspekte. Auf der Basis systematischer Überlegungen zum genretypischen Einsatz der (Diseusen-)Stimme »Zwischen Sprechen und Singen« zeigt Ernst in der vergleichenden Auswertung historischer und aktueller Tonaufnahmen, welch bedeutende Rolle die konkret-performative Gestaltung des Vokalparts für die beim Hören konstituierte Formwahrnehmung spielt.

Thomas Wozonigs historische Studie über »Die frühe Schenker-Rezeption Hellmut Federhofers« zeichnet ein Stück der neueren Theoriegeschichte nach: Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Verhältnisse in Deutschland und Österreich während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird eine ›Grazer Linie‹ der österreichischen Schenker-Rezeption skizziert, sowohl unter individualbiographischen wie unter institutionengeschichtlichen Gesichtspunkten. Mit Hellmut Federhofer steht eine der herausragenden Gestalten der deutschsprachigen Musikwissenschaft nach 1945 im Blickpunkt; dabei wird auch Federhofers Haltung gegenüber der neuen Musik in ihrer Abhängigkeit von Schenkers Lehre thematisiert.

Systematische, analytische und theoriehistorische Perspektiven verknüpft unter dem Titel »Das galante Modell als kreativer Raum« der Aufsatz von Johannes Raiser, der im wissenschaftlichen Wettbewerb der GMTH 2017 mit einem ersten Preis ausgezeichnet wurde. Raisers analytische Beobachtungen zur langsamen Einleitung des ersten Satzes von Ludwig van Beethovens Streichquartett Es-Dur op. 74 nehmen sowohl auf die historische Generalbass- und Stufentheorie Emanuel Aloys Försters (1805) wie auf Robert Gjerdingens Forschung zu Satzmodellen ›galanter‹ Musik des späteren 18. Jahrhunderts (2007) Bezug. Zum Ertrag dieser Vernetzung historischer und aktueller Analysemethodik zählt die Freilegung kompositorischer Entscheidungsspielräume, die sich an satztechnischen Besonderheiten des gewählten Werkausschnitts aufzeigen lassen.

Mit zwei ganz unterschiedlichen Publikationen setzen sich die beiden in diesem Band enthaltenen Rezensionen auseinander. Ulrich Krämer, Leiter der Forschungsstelle der Arnold Schönberg Gesamtausgabe, Berlin, unterzieht die von Gordon Root besorgte Neuausgabe von Schoenberg’s Models for Beginners in Composition (Oxford University Press 2016) einer kritischen Untersuchung im Vergleich mit älteren Editionen. Das Werk, das direkt aus Schönbergs Unterrichtstätigkeit im US-amerikanischen Exil hervorgegangen ist, wird zu seinen wichtigsten musiktheoretischen Arbeiten gezählt.

Hartmut Fladt schließlich nimmt eine kritische Würdigung des von Ullrich Scheideler und Felix Wörner herausgegebenen Handbuchs Musiktheorie von der Antike bis zur Gegenwart vor. Es handelt sich dabei um den 2017 publizierten ersten Band des bei Bärenreiter und Metzler erschienenen Lexikon Schriften über Musik; erstmals wird darin ein sämtliche Epochen umfassender Überblick über das musiktheoretische Schrifttum und damit ein Nachschlagewerk vorgelegt, wie es in seiner Art für andere wissenschaftliche Disziplinen längst selbstverständlich ist.

Ariane Jeßulat, Kilian Sprau

Dieser Text erscheint im Open Access und ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

This is an open access article licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License.