Scheideler, Ullrich / Wörner, Felix / Sprau, Kilian (2017): Editorial. ZGMTH 14/2, 213–215. https://doi.org/10.31751/951
eingereicht / submitted: 30/12/2017
angenommen / accepted: 30/12/2017
veröffentlicht / first published: 31/12/2017
zuletzt geändert / last updated: 23/08/2018

Editorial

Die Skizzenforschung gehörte schon früh zum Gegenstandsbereich der Musikwissenschaft, nicht zuletzt angeregt durch die von Gustav Nottebohm veröffentlichten Studien zu Ludwig van Beethoven. In den letzten Jahrzehnten hat dieser Bereich einen neuen Aufschwung genommen, zum Teil wohl auch deshalb, weil die Komponistengesamtausgaben etwa zu Arnold Schönberg, Felix Mendelssohn Bartholdy oder Hanns Eisler umfangreiches Material erschlossen und zur Verfügung gestellt haben. Die Digitalisierung hat dem Studium der Skizzen zusätzlichen Schub verliehen, sind doch viele Quellen über Internetseiten von Bibliotheken und Archiven nun unmittelbar zugänglich (so stellt das Arnold Schönberg Center nahezu alle Quellen aus Schönbergs Nachlass online, und auch in den Katalogen der großen europäischen und amerikanischen Bibliotheken findet sich etliches Skizzenmaterial, wenngleich hier von einer systematischen Erschließung keine Rede sein kann, da die Quellen nur nach Zufall der Bestellungen online gestellt werden). Eine wesentliche Ausnahme von dieser rein materialbezogenen Plattform bildet das Projekt Beethovens Werkstatt (http://beethovens-werkstatt.de/), das sich unter anderem zur Aufgabe gemacht hat, für einige Werke die Schichten des Skizzierungsprozesses aufzuschlüsseln und entsprechend sichtbar zu machen.

Indes ist eine analytische Beschäftigung mit diesem Material jenseits von Fragen der Edition, die dann notwendigerweise meist im Kontext von Werkgenese und Fragen zu Lesarten stehen, noch immer vergleichsweise selten anzutreffen. Die Untersuchung von Skizzen kann aber etwa mittels Vergleich eines vollendeten Werks mit verworfenen Versionen und Fassungen einzelner Abschnitte wie ganzer Sätze – vielleicht schärfer, als es die Analyse allein einer Letztfassung vermag – dazu beitragen, wesentliche kompositorische Kategorien und Werkideen zu erkennen und freilegen zu helfen. Insofern können Analyse und Skizzenforschung einen engen Konnex eingehen. Die dem Thema dieser Ausgabe der ZGMTH gewidmeten Aufsätze wollen versuchen, hier exemplarisch für Komponisten des 20. Jahrhunderts einige Zugänge und Ergebnisse vorzustellen.

Die vorliegende Ausgabe versteht sich gewissermaßen komplementär zu Heft 14/1 (2017) der ZGMTH, das dem Thema ›Analyse und Aufführung‹ gewidmet war. Stand dort das Interesse im Vordergrund, wie etwa Fragen einer adäquaten Interpretation beispielsweise von Beethovens Violinkonzert analytisch fruchtbar gemacht und somit auf den Werktext rückbezogen werden können, was mit dem Begriff eines ›Spannungsfelds‹ zwischen beiden Modi der Musik umschrieben wurde, so bleibt bei der analytischen Annäherung an die Skizzen immer das nicht minder gravierende Problem, dass eine privatsprachliche oder autokommunikative Aufzeichnung erst einmal übersetzt und gedeutet werden muss. Gelingt dies jedoch, so ist es möglich, grundlegende musikalische Denkspuren zu rekonstruieren, die unmittelbar die Einsicht in die kompositorische Werkidee fördern, indem ästhetische Einsichten mit Entscheidungen auf der Ebene der musikalischen Struktur verknüpft werden.

In diesem Sinne sind in Marte Auers Aufsatz »›Wir wollen Gesetze aufspüren‹ – Anton Weberns verworfene Skizzen zu einem dritten Satz der Symphonie op. 21« die detaillierten Interpretationen der Skizzen zu einem geplanten (schließlich aber nicht realisieren) 3. Satz zu Anton Weberns Symphonie op. 21 zu verstehen. Sie haben zum Ziel, wesentliche Einsichten in die tragenden Kategorien von Weberns ›Zwölfton-Denken‹ zu vermitteln und anhand der kompositorischen Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. Auer zeigt dabei, wie Webern an der Idee, größtmöglichen Zusammenhang durch die Verbindung zweier (nicht kompatibler) Kanonprinzipien zu erreichen, letztlich scheitert und deshalb vermutlich das Schreiben eines 3. Satzes aufgab.

In seinem Beitrag »Zur Deutung von Dokumenten kompositorischen und analytischen Denkens – Béla Bartóks Arbeit mit zyklischen Themen« beschäftigt sich der ungarische Bartók-Forscher und Leiter der Béla-Bartók-Gesamtausgabe, László Vikárius, mit der Frage, wie im Falle von Bartók die Spuren von Autorintention, überliefert in so unterschiedlichen Zeugnissen wie Skizzen, Briefen und eigenen Werkinterpretationen, rekonstruiert und miteinander in Beziehung gesetzt werden können, um uns so eine vertiefte Perspektive auf Bartóks musikalisches Werk zu eröffnen.

Gegenstand des Textes von Vera Funk sind die 1983 uraufgeführten Drei Phantasien nach Friedrich Hölderlin von György Ligeti, zu denen Skizzen und Entwürfe in der Paul Sacher Stiftung aufbewahrt werden. Die stärker werkgenetisch orientierte Studie legt ihren Fokus auf die Anfangstakte, deren spezifische Formung im Hinblick auf Rhythmik und Stimmführung bzw. Harmonik zunächst sehr einfach gehalten war, ehe daraus die vergleichsweise komplexe Struktur der Endfassung entstand. Dasjenige, was in Analysen durch Reduktion und Dekolorierung gleichsam als Gerüstsatz in Erscheinung tritt, spiegelt sich hier im realen Kompositionsprozess wider.

Im 20. und 21. Jahrhundert entwickelte Technologien gestatten bisweilen Einblicke in die Komponistenwerkstatt, wie sie die Auswertung schriftlicher Zeugnisse allein nicht ermöglichen würde. Ein Beispiel hierfür untersucht Kilian Sprau in seinem Artikel zu Richard Strauss’ Klavierlied Breit über mein Haupt dein schwarzes Haar op. 19/2. Darin werden zwei unterschiedliche Fassungen des Werks, deren spätere erst vor kurzem publiziert wurde, sowohl untereinander als auch mit zwei Einspielungen verglichen, an denen der Komponist selbst als Klavierbegleiter mitwirkte. Unter Berufung auf die Kategorie des ›performativen Potenzials‹ einer Komposition erschließt der Artikel Aspekte der Spätfassung und zeigt, dass eine entscheidende Differenz zur ersten Version in unterschiedlichen Interaktionsmöglichkeiten zwischen Gesangs- und Klavierpart liegt.

Die vier thematisch gebundenen Artikel der Ausgabe werden durch einen freien Beitrag ergänzt. Ausgehend von der in eigener Kompositionstätigkeit gewonnenen Erfahrung, wonach die systematische Vorordnung des kompositorischen Materials dem kreativen Prozess zugutekommen kann, entwirft Marc Neufeld eine »Systematik diatonischer Skalen«. Seine bewusst ahistorisch, streng systematisch orientierte Konzeption ermöglicht, eine Vielzahl unterschiedlicher Skalen mithilfe einer limitierten Anzahl von Operationen aus einer einzigen Stammskala herzuleiten. Die Systematik erfasst neben traditionell etablierten Skalen wie ›Kirchentonarten‹ oder ›Blues-Tonleitern‹ auch zahlreiche bislang nicht benannte und systematisierte Skalen.

Nach der Veröffentlichung von Hermann Danusers Besprechung »Apollinische Fundamente – Über Adolf Nowaks Buch Musikalische Logik. Prinzipien und Modelle musikalischen Denkens in ihren geschichtlichen Kontexten« in der ZGMTH-Ausgabe 13/2 (2016) erreichten die Redaktion Anmerkungen von Adolf Nowak, in denen der Autor auf die Darstellung Danusers reagiert. Die Herausgeber der ZGMTH begrüßen diese Form des kollegialen Austauschs als Zeichen einer intensiven fachlichen Auseinandersetzung und veröffentlichen Nowaks Zuschrift in der vorliegenden Ausgabe unter der Rubrik »Kleinere Beiträge«.

Mit aktuellen Arbeiten zum musiktheoretischen Fachdiskurs befassen sich zudem die in diesem Band versammelten Rezensionen. Michael Polth untersucht zwei umfangreiche Studien zur Kanontechnik auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Methodik und Ertrag: die systematisch ausgerichtete Untersuchung von Stefan Prey, Algorithmen zur Satztechnik und ihre Anwendung auf die Analyse (2012), und die historisch orientierte Studie von Immanuel Ott, Methoden der Kanonkomposition bei Josquin Des Prez und seinen Zeitgenossen (2014). Hartmut Fladt setzt sich mit Verena Weidners soziologisch informierter Dissertation Musikpädagogik und Musiktheorie. Systemtheoretische Beobachtungen einer problematischen Beziehung (2015) auseinander. Schließlich beschäftigt sich Ullrich Scheideler mit dem von Thomas Ahrend und Matthias Schmidt herausgegebenen Sammelband Webern-Philologien (2016), der im Rahmen der im Entstehen begriffenen Anton Webern Gesamtausgabe (AWG) veröffentlicht worden ist.

Ullrich Scheideler, Felix Wörner, Kilian Sprau

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