Neuwirth, Markus / Utz, Christian / Sprick, Jan Philipp / Rohringer, Stefan (2013): Editorial. ZGMTH 10/2
veröffentlicht / first published: 17/10/2014
zuletzt geändert / last updated: 19/02/2016

Editorial

Musikalische Expektanz rückt zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit musiktheoretischer sowie -psychologischer Forschung. Seit den 1990er Jahren werden insbesondere im Rahmen zahlreicher musikpsychologischer Studien die kognitiven und neuronalen Grundlagen melodischer, harmonischer sowie rhythmisch-metrischer Hörerwartungen mit Hilfe diverser experimenteller Methoden untersucht. Verständlich wird dieses dezidiert (neuro-)psychologische Interesse an Expektanz schon allein vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Erwartungen kein spezifisch musikalisches Phänomen darstellen. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen allgemeinpsychologisch relevanten Verarbeitungsmodus, der u.a. auch eine Reihe von unbestreitbaren evolutionsbiologischen Vorteilen mit sich bringt, wie etwa eine effizientere Adaption an veränderte Umweltbedingungen aufgrund eines schnelleren Erfassens neuartiger Reizkonfigurationen.

Doch auch für Musikanalytiker/innen sind (Hör)Erwartungen von großer Bedeutung, nicht nur, weil der Fokus auf Expektanz den temporalen bzw. prozessualen Charakter von Musik in den Vordergrund rückt, der einer zeitenthobenen, räumlichen Musikauffassung, wie sie in Analysen häufig zugrunde gelegt wird, entgegensteht, sondern auch, weil sie Analytiker/innen dazu anregen, über die implikative Offenheit und Mehrdeutigkeit vermeintlich geschlossener Werke ebenso zu reflektieren wie über die unterschiedlichen stilbezogenen Wissensquellen, aus denen sich historische und moderne Hörerwartungen speisen.

Dort, wo analytische Studien tatsächlich auf den Hörer und dessen Erwartungen Bezug nehmen, geschieht dies allerdings zumeist nur punktuell, kaum systematisch, und die keinesfalls banalen kognitiven und (sozio)historischen Voraussetzungen sowie die Vielschichtigkeit des Hörens werden dabei in der Regel außer Acht gelassen. Dies gilt auch für einige grundlegende musiktheoretische Phänomene bzw. Konzepte, die einen expliziten Verweis auf (nicht eingelöste) Hörerwartungen beinhalten, wie etwa der ›Trugschluss‹ oder die ›falsche Reprise‹.

Trotz der frühen Dissertation von Arthur Bissell (The Role of Expectation in Music, 1921), die nicht einmal in Insiderkreisen zur Kenntnis genommen wurde, und der bahnbrechenden Theorieentwürfe von Leonard B. Meyer (Emotion and Meaning in Music, 1956) und Eugene Narmour (The Analysis and Cognition of Basic Melodic Structures: The Implication-Realization Model, 1990) bleibt festzuhalten, dass sich die Musiktheorie bzw. -analyse mit Expektanz seit jeher nur am Rande befasst hat. Meyers und Narmours Theorien wurden überwiegend in musikpsychologischen und computerwissenschaftlichen Kreisen rezipiert, und insbesondere der von Narmour entwickelte Theorieapparat zu melodiebezogenen Erwartungen (bzw. zu melodischen ›Implikationen‹) hat keine nennenswerte Berücksichtigung in der gängigen Analysepraxis gefunden.

Die genannten Desiderate waren der Anlass für die vorliegende Themenausgabe, deren primäres Ziel darin liegt, auf die Notwendigkeit und den offenkundigen Nutzen einer Auseinandersetzung mit dem Expektanzkonzept für die Musiktheorie und -analyse aufmerksam zu machen. Dass dies notwendigerweise nur unter Einbeziehung verschiedener Disziplinen erfolgen kann, die sowohl natur- als auch geisteswissenschaftlicher Provenienz sind, liegt in der Natur des Expektanzvorgangs begründet. Tatsächlich stellt die interdisziplinäre Teilhabe an der Expektanzforschung, die den schillernden Charakter musikalischer Hörerwartungen widerspiegelt, eine nicht unwesentliche Herausforderung für alle in dieser Ausgabe versammelten Beiträge dar.

Zunächst thematisiert Christian Utz vor dem Hintergrund eines historischen Überblicks über die Rolle von Erwartungshaltungen in Musiktheorie und Musikästhetik seit dem späten 18. Jahrhundert »Erwartungssituationen« im Rahmen einer »performativen Analysemethode«. Utz macht anhand von Fallstudien (Schuberts Unvollendete sowie Ligetis Apparitions und Aventures) die breite Anwendbarkeit des Expektanzkonzepts deutlich, mit dessen Hilfe sich die Interaktion von Intra- und Extra-Opus-Wissen sowohl in tonaler als auch posttonaler Musik gewinnbringend analysieren lässt. Utz fordert eine historisch wie stilistisch kontextsensitive Theorie des Klang-Zeit-Erlebens und hinterfragt so nachhaltig die Tendenz vieler Theoretiker und Psychologen, im Rahmen der Rezeption naturwissenschaftlicher Modelle normative Erwartungsschemata zu entwickeln.

Der Beitrag von Markus Neuwirth wirft auf Grundlage einer korpusbasierten Rekonstruktion kognitiver und historischer Bedingungen einen kritischen Blick auf das aus Joseph Haydns Schaffen bekannte Konzept der ›falschen Reprise‹. Ebenso wie in Utz’ Beitrag wird hier deutlich, dass Hörerwartungen, die gerne universalpsychologisch beschrieben werden, losgekoppelt von konkreten historischen Kontexten kaum sinnvoll verstanden werden können.

Im Anschluss daran leistet Helga de la Motte-Habers Beitrag eine kritische Auseinandersetzung mit den Methoden und den Resultaten der etablierten psychologischen Expektanzforschung und beleuchtet den Expektanzbegriff aus psychologie-, philosophie- und musiktheoriegeschichtlichen Perspektiven. Die Autorin fordert dabei genauer zu untersuchen, »wie der Begriff der musikpsychologischen Expektanz sich zur phänomenologischen Bestimmung des Zeiterlebens verhält, die ihrerseits einen Widerhall in musiktheoretischen Systemen gefunden hat«.

Der Beitrag von Elizabeth Margulis demonstriert anhand der psychologischen und neurobiologischen Expektanzforschung, wie sich die Kluft zwischen hörerfernen Strukturbeschreibungen und gänzlich subjektiven Berichten über das Musikerleben verringern lässt. Etwa anhand des zweiten Satzes aus Haydns Symphonie Nr. 64 zeigt die Autorin auf, wie Komponisten verschiedene Erwartungskomponenten (›Ursprung‹, ›Art‹, ›Zeitverlauf‹, ›Gegenstand‹ und ›Konsequenzen‹) einer kontextabhängigen Variation unterziehen. Die Autorin leistet durch die Verknüpfung musikstruktureller Befunde mit kognitiven Verarbeitungsprozessen und affektiven Konsequenzen einen wichtigen Beitrag zu einer holistischen sowie temporal- und kontextsensitiven Musikanalyse.

Hauke Egermanns Aufsatz widmet sich dem Zusammenhang zwischen musikalischer Struktur, Hörererwartungen und emotionalen Reaktionen. Neben einer kritischen Diskussion bekannter Modelle zur Beschreibung des komplexen Wechselverhältnisses dieser Komponenten (wie etwa desjenigen von David Huron) stellt Egermann auch die Resultate eines eigenen Experiments vor, das hypostasierte Auswirkungen strukturinduzierter Hörerwartungen auf affektive Reaktionen bestätigt.

Martin Rohrmeier ergänzt die psychologische Perspektive, die in den Beiträgen von Egermann und Margulis im Zentrum steht, durch eine komputationale. Dabei verweist Rohrmeier nicht nur auf häufig implizit modelltheoretische Annahmen musiktheoretischer Ansätze, sondern diskutiert auch die Frage nach verschiedenen Ebenen und Wissensquellen von musikalischer Expektanz sowie die Rolle von ›Kontext‹ und ›Lernen‹ im Rahmen der Dynamik von Hörerwartungen. Diese veranschaulicht er anhand ausgewählter Literaturbeispiele (Mozarts Klaviersonate KV 280,ii, Schumanns Am leuchtenden Sommermorgen sowie Beethovens 1. Symphonie).

Die hier versammelten Perspektiven auf das Phänomen der Hörerwartung sind weniger als Wiedergabe eines feststehenden Forschungsstandes, sondern vielmehr als Ausdruck der Vielgestaltigkeit und Komplexität der Beschäftigung mit musikbezogener Expektanz zu verstehen. In diesem Sinne wünschen wir den Lesern der ZGMTH eine anregende Lektüre, verbunden mit der Hoffnung, dass die in diesem Themenheft diskutierten Problemfelder eine Intensivierung der Auseinandersetzung mit musikalischer Expektanz in der aktuellen Musiktheorie und -analyse nach sich ziehen mögen.

Der im Rahmen des letztjährigen Aufsatz-Wettbewerbs der GMTH prämierte Beitrag und eine Rezension beschließen die Ausgabe: Sören Sönksen geht der »Idee des stummen Fundamentes« nach und beobachtet, »wie sich die von Rameau für bestimmte Akkordfortschreitungen aufgestellten Erklärungshypothesen bei Kirnberger und Sechter zu Lehrsätzen und Regeln verfestigen, obwohl letztere Autoren die Methode einer physikalischen Fundierung nicht teilen.« Passend zum Themenschwerpunkt dieser Ausgabe skizziert Oliver Schwab-Felisch in seiner Rezension zu David Hurons Sweet Anticipation. Music and the Psychology of Expectation die theoretischen Grundlagen und die musiktheoretische Rezeption dieser vieldiskutierten Studie.

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Musical expectancy is receiving increasing attention in music-theoretical as well as psychological scholarship. Since the 1990s, numerous studies have explored the cognitive and neurological foundations of melodic, harmonic, and rhythmical/metrical listener expectations, by means of a variety of experimental methods. The (neuro-)psychological interest in expectancy may in part be due to the fact that it is not a specifically musical phenomenon. Rather, it constitutes a general psychological mode of processing, which has a number of attendant evolutionary advantages, such as a more efficient adaption to changing environmental conditions due to a more rapid processing of novel stimulus configurations.

For music analysts, listener expectations are of equal significance. One major reason for this is that the focus on expectancy foregrounds the temporal or processual nature of music, which runs counter to the atemporal, quasi-spatial conceptions of music, on which many analyses tacitly rely. A second reason is that it encourages analysts to reflect on the implied openness and the ambiguity of supposedly closed, self-contained art works, as well as on the various style-specific knowledge structures on which historical and modern listener expectations are based.

In cases where music analytical studies do refer to listeners and their expectations, this is usually done in a rather unsystematic manner, largely ignoring the by no means trivial cognitive and (socio-)historical preconditions, as well as the multilayered nature of musical hearing. This seems to apply also to some significant music-theoretical phenomena or concepts that explicitly invoke (misguided) listening expectations such as the ›deceptive cadence‹ or the ›false recapitulation‹.

Despite an early dissertation by Arthur Bissell (The Role of Expectation in Music, 1921), which was not even acknowledged by insiders, and the groundbreaking theories by Leonard B. Meyer (Emotion and Meaning in Music, 1956) and Eugene Narmour (The Analysis and Cognition of Basic Melodic Structures: The Implication-Realization Model, 1990), music theory and analysis seem to have paid only scant attention to expectancy. Meyer’s and Narmour’s theories have mainly been received in music-psychological and computational circles, and especially Narmour’s theory of melodic expectations (or melodic ›implications‹) did not have any major impact on current analytical practice.

These lacunae gave rise to the present issue, whose primary aim is to emphasize the necessity and indisputable benefits for music theory and analysis of engaging with listener expectations. Due to the nature of the expectancy process, such an engagement involves embracing several disciplines, from both the humanities and the sciences. The interdisciplinary character of expectation research, reflecting the multilayered nature of the expectancy concept itself, poses a particular challenge to all contributions assembled in this issue.

Following a historical overview of the role of expectations in music theory and aesthetics since the late eighteenth century, Christian Utz addresses “expectancy situations” contextualized within the method of “performative analysis”. Based on two case studies (Schubert’s Unfinished Symphony and Ligeti’s Apparitions and Aventures), Utz demonstrates the broad range of applicability of the concept of expectation, through which the interaction of intra-opus and extra-opus knowledge (both in tonal and posttonal music) can be analyzed in a fruitful manner. Utz proposes a theory of sound-time experience, which is both historically and stylistically context-sensitive, questioning the tendency of many theorists and psychologists to develop normative schemata of expectations inspired by scientific models.

Markus Neuwirth’s contribution casts doubt on the concept of ›false recapitulation‹ known from Joseph Haydn’s œuvre through a corpus-based reconstruction of its cognitive and historical conditions. As with Utz’s contribution, it becomes evident that listener expectations, which are frequently described as universal, can hardly be understood without paying attention to the concrete historical contexts in and through which they arose.

Helga de la Motte-Haber’s essay offers a critical engagement with the methods and results of traditional psychological research on musical expectancy, throwing light on the expectancy concept from psychological and philosophical perspectives, as well as from that of the history of music theory. The author calls for a more careful examination of »how the concept of music-psychological expectancy relates to phenomenological conceptions of time-experience, which themselves have had repercussions in music-theoretical systems«.

Based on psychological and neurobiological research on expectancy, Elizabeth Margulis’s article demonstrates how the gap between listener-detached structural descriptions and entirely subjective reports of musical experience might be bridged. Her analysis of the second movement of Haydn’s Symphony No. 64 illustrates ways in which composers manipulate various dimensions of expectations (›origin‹, ›nature‹, ›time course‹, ›object‹ and ›consequence‹), depending on the context at hand. In relating structural findings to cognitive processes and affective consequences, the author makes a significant contribution to a holistic, time- and context-sensitive music analysis.

Hauke Egermann’s contribution is devoted to investigating the relationship between musical structure, listener expectations, and emotional reactions. Following a critical discussion of familiar models (such as David Huron’s) that describe the complex interaction between these components, Egermann presents the results of his own experiment, which confirms the hypothesized affective consequences of structure-induced expectations.

Martin Rohrmeier complements the psychological perspective central to Egermann’s and Margulis’s contributions with a computational approach. Rohrmeier not only argues that music-theoretical approaches are often implicitly based on formal computational models, but also discusses the issue of various levels and knowledge-based sources of musical expectancy, as well as the relevance of ›context‹ and ›learning‹ for the dynamic nature of expectations. Rohrmeier illustrates his approach by means of three well-known examples from the musical literature (Mozart’s Piano Sonata K. 280,ii, Schumann’s Am leuchtenden Sommermorgen, and Beethoven’s Symphony No. 1).

The various perspectives on the phenomenon of listening expectation assembled in this issue are not meant so much to represent a fixed status quo of expectancy research, but rather to demonstrate the multiplicity and complexity involved in dealing with music-related expectancy. With this in mind, we wish the readers of the ZGMTH an inspiring, thought-provoking read, expressing the hope that the problems discussed in this issue will prompt current music theory and analysis to intensify their engagement with musical expectation.

The prize-winning article of the GMTH essay competition from last year and a review complete the current issue of the ZGMTH: Sören Sönksen traces the concept of the “silent fundament” and observes how “explanations for certain chord progressions by Rameau arrived at the status of rules in Kirnberger’s and Sechter’s writings, although these authors do not believe in the physical foundation of chord progression.” Connecting to the main topic of this issue, Oliver Schwab-Felisch’s review of David Huron’s Sweet Anticipation. Music and the Psychology of Expectation outlines the theoretical foundations and music-theoretical reception of this much debated study.

Markus Neuwirth, Christian Utz, Jan Philipp Sprick, Stefan Rohringer