Editorial
Die vorliegende Varia-Ausgabe versammelt fünf Fachartikel, einen kleineren Beitrag und zwei Rezensionen.
Eröffnet wird das Heft mit einem Fachartikel von Kilian Sprau, der sich grundlegend mit dem Thema ›Performanceanalyse‹ auseinandersetzt. Als ausgewiesener Experte in diesem Feld stellt Sprau Methoden und Werkzeuge anhand bedacht ausgewählter Beispiele anschaulich vor. Dabei räumt er der Frage breiten Raum ein, welche Rolle dieser Forschungsansatz, der das klangliche Resultat ins Zentrum stellt, im Musiktheorieunterricht spielen könnte, wo bislang herkömmliche, auf das schriftliche Notat fixierte Analyseansätze dominieren. Der Aufsatz liest sich als Plädoyer und Ermutigung, Performanceanalyse als eine weitere, selbstverständlich verfügbare methodische Herangehensweise im Musiktheorieunterricht zu etablieren.
Paula Kaiser verfasste ihren 2023 im Rahmen des Wettbewerbs der Gesellschaft für Musiktheorie prämierten Aufsatz zu der Themenstellung »Die Sprache der Eroberung: Musiktheorie und postkoloniale Kritik«. In ihrem Fachartikel widmet sie sich der Analyse ausgewählter Chorkompositionen des ghanaischen Komponisten Ephraim Amu (1899–1995). Dafür greift sie auf vertraute harmonische und satztechnische Konzepte zurück, um sie einer kritischen Begutachtung ihrer Aussagekraft in Hinblick auf dieses Repertoire zu unterziehen. Beobachtet Kaiser eingangs, dass sich bisher erst ein einziger Fachartikel in der ZGMTH mit Musik des afrikanischen Kontinents auseinandersetzte,[1] so wirbt ihr Text nicht nur für eine größere Beachtung afrikanischer Kunstmusik, sondern insbesondere auch für eine intensivierte Anstrengung, über die Prämissen und Implikationen einer solchen analytischen Annäherung nachzudenken.
Sebastian Urmoneit – begeisterter Gasthörer in den Seminaren Hartmut Fladts, dem der Text gewidmet ist – zeigt in seinem Fachartikel, was ein rhetorischer Analyseansatz zu leisten vermag, wenn er versucht, nicht nur Formteile zuzuordnen, sondern tatsächlich den Inhalt der musikalischen ›Klangrede‹ herauszuarbeiten. Gegenstand der Untersuchung ist das Eröffnungspaar von Präludium und Fuge in C-Dur (BWV 846) aus Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertem Klavier, das gemäß Bachs Vorrede zur Sammlung als ›Lehrvortrag‹ aufgefasst werden kann ‒ als Lehrvortrag, der allerdings weniger musiktheoretische Sachverhalte erklären, als eine spirituelle Grundhaltung vermitteln soll. Wenn der Artikel konsequent auf Notenbeispiele verzichtet, so weil das Werk leicht zugänglich und der Nachvollzug von Urmoneits minutiöser Analyse ohnehin das Mitlesen des Notentextes erforderlich macht.
Besonderheiten der Sequenztechnik Robert Schumanns beleuchtet Daniel Freimuth in seinem Fachartikel anhand zweier eindrücklicher Beispiele: den verschiedenen Gestalten des Themas im Andante cantabile des Klavierquartetts op. 47 sowie in einer zentralen Passage des Lieds »Ich grolle nicht« aus der Dichterliebe op. 48. Die analytische Herangehensweise – bestimmt vom Denken in Kategorien des Generalbass’ und des Kontrapunkts – eröffnet im Drehen und Wenden des Gegenstands immer neue Perspektiven, macht verborgene Zusammenhänge sichtbar und arbeitet als Charakteristikum der Sequenztechnik Schumanns ein Spiel mit struktureller Mehrdeutigkeit heraus.
Der Komponist und Musikforscher Benjamin Bacon geht in seinem Fachartikel den Auswirkungen neuer Technologien auf die Notation nach. Verschiedene Beispiele verdeutlichen einerseits die komplexen Anforderungen an eine musikalische Schrift, die den Einsatz des Computers und seiner spezifischen Anwendungsmöglichkeiten fixieren soll, sowie andererseits die Chancen und Grenzen neu aufkommender Notationsformen für Kompositionen, in denen human-computer interaction eine wesentliche Rolle spielt.
Ulrich Kaiser stellt in seinem Beitrag Idee und Aufbau der an der Hochschule für Musik und Theater München entwickelten digitalen Lehr- und Lernplattform OMA (Open Music Academy) vor. Er thematisiert technische, kulturelle und rechtliche Herausforderungen und führt durch die Beschreibung von Lehrveranstaltungen konkrete Einsatzmöglichkeiten vor Augen.
Gegenstand der Rezension von Matthias Handschick ist die Monographie Unerhörte Klänge von Christian Utz, die sich intensiv mit der performativen Analyse und Wahrnehmung posttonaler Musik auseinandersetzt.[2] Das Buch ist bei Olms erschienen und im Volltext frei zugänglich. Tian-Yan Feng stellt in einer ausführlichen Rezension William Earl Caplins jüngste Studie zum Thema Kadenz in tonaler Musik vor.[3]
Ein großer Dank gilt den Autor:innen dieser Ausgabe, ohne deren Engagement das vorliegende Heft nicht hätte erscheinen können. Herzlich gedankt sei auch allen Beteiligten am vorausgegangenen Peer-Review-Verfahren für ihre produktiven Kommentare und Anregungen. Im Besonderen danken wir Jakob Schermann und Anne Ewing-Greinecker für das Korrektorat, Werner Eickhoff-Maschitzki für die Vorbereitung der Grafiken sowie Dieter Kleinrath für das Erstellen der PDF-Fassung.
Patrick Boenke, Martin Grabow, Anne Hameister
Literatur
Caplin, Willian Earl (2024), Cadence: A Study of Closure in Tonal Music, New York: Oxford University Press.
Polak, Rainer / Nori Jacoby / Justin London (2016), »Kulturelle Diversität in der empirischen Rhythmusforschung: Drei Analysen eines Audio–Korpus von Percussion-Ensemblemusik aus Mali«, Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie 13/2, 195–235. https://doi.org/10.31751/908
Utz, Christian (2003), Unerhörte Klänge. Zur performativen Analyse und Wahrnehmung posttonaler Musik und ihren historischen Voraussetzungen (= Studien und Materialien zur Musikwissenschaft, Bd. 125), Hildesheim: Olms 2023. https://doi.org/10.25366/2023.151
1Universität für Musik und darstellende Kunst Wien [University of Music and Performing Arts Vienna]; 2Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim [Mannheim University of Music and Performing Arts]; 3Hochschule für Musik und Theater Hamburg [Hamburg University of Music and Drama]
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