John Leigh, Orlando – ein multimediales Gehörbildungsprogramm, Dresden: Fahnauer 2009

Tobias Rokahr

Schon die Eingangspräsentation der CD-ROM macht es deutlich: Hier erwartet einen kein tristes Intervalltraining oder nüchternes Rhythmusdiktat, sondern echte Musik! Wo einem konventionelle Gehörbildungsprogramme die üblichen isolierten Disziplinen bieten, erscheint bei Orlando ein Angebot an 70 Werkausschnitten, denen man sich in selbst gewählter Reihenfolge widmen kann.

Das von John Leigh und einem Team von Mitarbeitern an der Dresdner Musikhochschule entwickelte Programm schließt eine Marktlücke: Orlando lässt sich als wohltuende Ergänzung der handelsüblichen Gehörbildungsprogramme verstehen. Mit der im Tonsatzunterricht längst zum Standard gewordenen historisch-chronologischen Ausrichtung und konsequentem Werkbezug hält hier (man möchte sagen: endlich) der Bereich ›Höranalyse‹ Einzug in die computergestützte Gehörbildung. Der jüngst erschienene Band 2 (Band 1 mit dem Schwerpunkt Mittelalter und Renaissance ist in Arbeit) widmet sich mit Triosonate (Corelli), Choral (Bach), Konzert (Corelli, Vivaldi, Bach), Sinfonie und Streichquartett (Haydn, Mozart) zentralen Gattungen des Barock und der Wiener Klassik und vermittelt über satztechnische Details hinaus auch Kenntnisse gattungsspezifischer Merkmale. Alle Beispiele wurden mit akustischen Instrumenten eingespielt, Menü und Navigationsleisten sind übersichtlich und einfach zu handhaben, das Layout ist stilvoll und dem Gegenstand angemessen.

Methodisch geschickt beginnen die Aufgaben zunächst mit einer schrittweisen Befragung des Gehörten im Multiple-choice-Stil und verhindern die oft überfordernde, weil verfrühte Fixierung auf die Notation: Zunächst gilt es, die Aufmerksamkeit auf Tonart, Taktart, Satzmuster, Schlussformen usw. zu lenken. Der Werkausschnitt ist dabei jederzeit und beliebig oft abspielbar. Erst nachdem wesentliche strukturelle Merkmale erfasst wurden, geht es an die sukzessive Niederschrift von Stimmverläufen.

Das Beiheft enthält ergänzende klavierpraktische Übungen, die sich (der ›Berliner Musiktheorie‹ und ihrer Terminologie verpflichtet) vor allem modellhaften Satzmustern widmen. Die Übungen sind als bezifferte Bässe notiert, Erläuterungen zum Generalbassspiel sind den Übungen vorangestellt. Allerdings erscheinen die verbalen Anweisungen zur korrekten Aussetzung bisweilen etwas umständlich; der Verzicht auf Lösungsbeispiele im Beiheft ist zumindest für das Selbststudium nicht ganz unproblematisch. Hier wird der Blick ins Glossar der CD notwendig: Dieses bietet in Form eines umfangreichen Schlagwortkatalogs kurz gefasste und verständliche Erklärungen von Fachtermini, vor allem zu besagten Satzmodellen, die an dieser Stelle auch als Notenbeispiel zu finden sind.

Somit ergänzen sich Hören, Spielen und Begrifflichkeit in zwangloser Art und Weise, womit der Fokus des Projektes deutlich wird: Orlando versteht sich von vornherein als ein Beitrag zur Hör- und Werkanalyse. Wer hingegen ein ›Training‹ elementarer Hörfähigkeiten benötigt (etwa zur Vorbereitung auf eine Aufnahmeprüfung), sollte zu anderen marktüblichen Gehörbildungsprogrammen greifen, denn spätestens hier wird deutlich, dass sich dieses Programm prinzipiell an Fortgeschrittenere wendet. Doch das muss keine Einschränkung bedeuten: Anspruchsvolle Teilaufgaben, etwa die Bezifferung mehrstimmiger Beispiele mit Generalbassziffern, lassen sich mühelos überspringen. Der Lernende wählt selbst, wie weit er sich der Analyse eines Beispiels widmen möchte. Dadurch ist Orlando auch auf unteren Ausbildungsstufen einsetzbar, denn hier wie dort bildet die Beschäftigung mit dem musikalischen Kunstwerk einen nicht hoch genug einzuschätzenden Motivationsfaktor im Fach Gehörbildung: Orlando macht schlichtweg Spaß. Auf die Folgebände darf man gespannt sein.