Editorial

Die Forderung, Musiktheorie habe vorzugsweise die durch die künstlerische Praxis aufgeworfenenen Fragen zum Ausgangspunkt zu nehmen, dient – gerade in Zeiten umfassender Studienreformen – zunehmend ihrer Legitimation als einer vorwiegend an Kunsthochschulen vertretenen Disziplin. Christoph Hust zeigt anhand der im Nachlass der Pianistin Friederike Karger aufgefundenen Anweisungen Heinrich Schenkers zum Spiel von Wolfgang Amadé Mozarts großer Klavierfantasie in c-Moll das spezifische Verhältnis auf, in dem Analyse und Aufführung für Heinrich Schenker standen. Nicht nur macht Hust damit auf eine wichtige Facette im Wirken Schenkers aufmerksam, die dazu angetan scheint, Vorurteile gegenüber einer vermeintlich praxisfernen und unkünstlerischen Musiktheorie (nicht nur derjenigen Schenkers) weiter zu entkräften, sondern sein Beitrag belegt auch, dass ein kunst- und praxisnahes Selbstverständnis keineswegs Bestrebungen entgegengesetzt sein muss, akademische, nicht zuletzt wissenschaftliche Standards in der Musiktheorie zu etablieren.

Die großen, am Ausgang des 19. Jahrhunderts entstandenen systematischen Entwürfe zur Tonalität sind wegen ihres überzeitlichen Anspruchs viel gescholten worden und gelten Zeitgenossen, die sich für historisch aufgeklärt erachten, gemeinhin als anachronistisch. Zu einer Neubewertung gelangt Ariane Jeßulat, die diese Ansätze durchaus an einem Hören geschult sieht, das sich auf die Musik der Gegenwart verstand. Die Fokussierung auf wenige Hauptstufen und deren fälschlich durch Naturgesetze begründeten symmetrischen Verhältnisse begreift die Autorin als »ästhetisches Postulat«, für das insbesondere die Musikdramen Richard Wagners zugleich »Vorbild und Indikator« seien.

In der Reihe ›Musiktheorie der Gegenwart‹ ergänzen einander die Beiträge von Ulrich Kaiser und Oliver Schwab-Felisch. Beide Autoren setzen mit je eigenem Akzent den aktuellen Diskurs zum Thema ›Satzmodelle‹, der bereits die diesem Heft vorausgehende Doppelausgabe der ZGMTH beherrschte, unter wissenschaftstheoretischen Gesichtspunkten fort: Obwohl vielerorts das Hantieren mit ›Satzmodellen‹ hoch im Kurs steht und die traditionellen Harmonielehren ihren universalen Erklärungsanspruch für die Zeit zwischen ›Bach und Brahms‹ längst eingebüßt haben, steht doch die explizite und systematische Klärung der schlichten Frage, was ein ›Satzmodell‹ eigentlich sei, nach wie vor aus.

Der Gebrauch unterschiedlicher Modellbegriffe kennzeichnet wiederum die Ausführungen Gesine Schröders zum »Komponieren um 2000«. In ihrem Beitrag, der die Rubrik ›Musiktheorie in der Lehre‹ fortsetzt, erprobt die Autorin am Beispiel dreier Werke von Thomas Adès, Jörg Widmann und Olga Neuwirth, wie die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Komposition integraler Bestandteil eines modernen musiktheoretischen Unterrichts sein kann.

In der ›Kolumne‹ dieser Ausgabe fragt der tschechische Musikwissenschaftler Lubomír Spurný nach dem Neuen in Alois Hábas Neuer Harmonielehre. Spurnýs Beitrag verdeutlicht, welch intensive Aufbruchsstimmung in Komposition und Theorie die Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts prägte. Hábas avanciertes musiktheoretisches Konzept steht nicht nur quer zur Normiertheit der ›Praktischen Harmonielehre‹ des 19. Jahrhunderts, sondern unterscheidet sich ebenso von den beschreibenden, vielfach historisch orientierten Zugangsweisen unserer Tage: Hábas Vorgehen ist weder präskriptiv noch deskriptiv, sondern optional. Scheint auch die Geschichte über Hábas Idee einer ›Zukunftsmusik‹ hinweggegangen zu sein, so wirkt der von ihm gesetzte Anspruch, sich konzeptionell auf der Höhe der Zeit zu bewegen, immer noch provozierend.

In der Rubrik ›Rezensionen‹ geht es zunächst um die frühe europäische Mehrstimmigkeit zu Beginn der Neuzeit. Seit den Untersuchungen Edward Lowinskys liegt ein besonderer Fokus in der Forschung zur Historischen Satzlehre auf dem im 15. Jahrhundert vollzogenen Übergang von der ›sukzessiven‹ zur ›simultanen‹ Schreibweise. Unter anderem der Aufarbeitung dieses Themas widmet sich Klaus-Jürgen Sachs in seiner Publikation De modo componendi: Studien zu musikalischen Lehrtexten des späten 15. Jahrhunderts, die Markus Jans einer kritischen Lektüre unterzieht, nicht ohne bemerkenswerte Einlassungen zum generellen Wert historischen Quellenstudiums. Ähnliche Fragen wirft auch Marie Louise Göllners Untersuchung The Early Symphony: 18th-Century Views on Composition and Analysis auf: Prinzipielle Überlegungen zum Stellenwert der ›Beobachtung des Beobachters‹ in der Geschichtsschreibung verleihen Stefan Eckerts detaillierter Rezension eine grundsätzliche Note.

Den Abschluss dieser Ausgabe bilden zwei Beiträge in der Rubrik ›Berichte‹, die herausragende Kongressveranstaltungen des vergangenen Jahres in den Blick nehmen, von denen nachhaltige Impulse für Musiktheorie und Musikwissenschaft ausgegangen sind. Thomas Dézsy schildert, inwiefern das unter dem Motto »Im Schatten des Kunstwerks« an der Musikuniversität Wien ausgerichtete internationale Symposium über Komponisten als Theoretiker im Wien des 17. bis 19. Jahrhunderts den Raum zu vielfältigen Diskussionen über ein weit verzweigtes Netz offener und verdeckter europäischer Lehrtraditionen gab, in dem die Metropole Wien ein bedeutendes Zentrum bildete. Verena Weidner schließlich würdigt den Freiburger Doppelkongress zum Thema »Interpretation«, der durch die Verbindung des Jahreskongresses der Gesellschaft für Musiktheorie mit der erstmals in Deutschland stattfindenden European Music Analysis Conference zu einer der größten und denkwürdigsten Veranstaltungen wurde, die zu musiktheoretischen und musikwissenschaftlichen Themen in den vergangenen Jahren im deutschsprachigen Raum stattgefunden haben.

Ich danke den Autoren für ihr Engagement, ihre Bereitschaft zur Diskussion mit den Lektoren und ihre Geduld allen großen und kleinen Eingriffen gegenüber und wünsche dieser Ausgabe der ZGMTH eine interessierte und aufgeschlossene Leserschaft.

Stefan Rohringer