Sieben Arten, das Jubiläum zu beschreiben

Clemens Kühn

Hanns Eisler fand für sein Quintett den schönen Titel Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben. Halb so viele Arten möchte ich skizzieren, das zehnjährige Jubiläum der Gesellschaft für Musiktheorie zu würdigen.

Glückwunsch

»In der Erinnerung wird Blei zu Gold« pflegte mein Vater zu sagen. Bezogen auf die Gesellschaft für Musiktheorie allerdings hätte er Unrecht: Ihre Gründung im Jahre 2000 war Gold, und allen damals Beteiligten kann man nur gratulieren und Danke sagen.

Rückblick

Ich hatte das Glück, entscheidende Stationen der Musiktheorie leibhaftig miterleben zu können: den ersten Umbruch in den 1970er Jahren, hin zu geschichtlicher Differenzierung und zu Analyse; den dadurch ausgelösten fachlichen Schub, der sich in neuartigen Darstellungen niederschlug; das Erstarken einer jungen Generation von Musiktheoretikern, die in ihren besten Köpfen kreative eigene Wege fand; und eine damit einhergehende zweite große Bewegung, manifest in der Gründung der Gesellschaft für Musiktheorie und ihrem ersten Kongress im Jahr 2001 an der Dresdner Musikhochschule. Beeindruckend erscheint in der Rückschau vor allem der doppelte Aufbruch zweier unterschiedlicher Generationen, der sich mit unterschiedlichen Ideen verband.

Erträge

Im scheinbar Selbstverständlichen übersieht man oft das Besondere. Zumindest vier Dinge sind für mich deswegen so besonders, weil ich musiktheoretisch unter ganz anderen Bedingungen aufgewachsen bin:

  1. Die Gesellschaft gibt eine eigene Zeitschrift heraus.

  2. Ihre Internetpräsenz ermöglicht die schnelle, umfassende Weitergabe von Informationen.

  3. Dass gleich Markus Jans sprechen wird, unser Schweizer Kollege, ist ein schönes Zeichen für die Internationalisierung der Musiktheorie.

  4. Und schließlich: Jedes Jahr richtet eine andere Musikhochschule einen Kongress aus. Später einmal sollte sich jemand der spannenden Aufgabe annehmen, eine Bilanz der Kongresse zu ziehen: weil an ihnen musiktheoretischer Zeitgeist sichtbar werden kann.

»Neue Bahnen«

Derzeit durchläuft Musiktheorie eine Phase, die nach meinem Eindruck drei Tendenzen aufweist: eine gewisse Konsolidierung; einen Hauch von Müdigkeit; eine tastende Neuorientierung – der Gedanke des Interdisziplinären jedenfalls, der dieses Jahr im Zusammengehen mit der Musikpsychologie greifbar wird, ist hoffentlich nicht eine Eintagsfliege.

Lebensfülle

Für sein Analysebuch von 1968 bat Diether de la Motte Carl Dahlhaus um kritische Anmerkungen – obgleich oder weil die beiden Persönlichkeiten kaum gegensätzlicher sein konnten.

Um hier einen Moment lang bei Dahlhaus zu bleiben: Nach jeder Vorlesung von ihm war man ebenso erschöpft wie bis zum Rand abgefüllt: Sie gab Stoff für Wochen.

Seine Gabe, sich auf Wesentliches zu konzentrieren, war enorm. Sitzungen, die er leitete, dauerten nicht länger als eine halbe Stunde. Briefe, seiner Sekretärin aufgesprochen, versah er vorab mit seiner Unterschrift, die darum verrutscht unten auf dem Blatt stand, und verzichtete auf ein Gegenlesen. Aus seinen Sprechstunden war man nach zehn Minuten wieder draußen – nicht, weil er einen schnell abgefertigt hätte, sondern weil in den zehn Minuten alles gesagt war, was es zu sagen gab.

Der Umfang seiner Schriften ist nicht zu fassen. Als ich ihn einmal fragte, wie er so viel publizieren könne, sagte er: »Herr Kühn, es ist nicht die tägliche Menge, sondern die Kontinuität.« Ausnahmslos wirklich jeden Tag saß er von morgens bis mittags am Schreibtisch, für niemanden erreichbar. Der tägliche Ertrag belief sich nach seinen Worten auf etwa zwei Seiten; da kommt im Laufe eines Lebens viel zusammen.

Es gab auch einen anderen Dahlhaus, scheu, sensibel, verletzlich. Einen Brief habe ich, in dem er mir für einen von ihm erbetenen Text zu einer Schallplattendokumentation Neuer Musik dankt. Am Ende aber schreibt er plötzlich: »Eine Klammerbemerkung hat mich amüsiert: Bernd Alois Zimmermann war im Internat, Sie waren im Internat (oder irre ich mich?), ich war im Internat. Das Resultat: drei Einzelgänger. Man versteht sich.«

In regelmäßigen Abständen lud er abends seine Studenten ein. Hübsch unkompliziert war es: Auf dem Herd stand ein Topf, Teller und Besteck lagen auf dem Flügel, Getränke waren irgendwo. Jeder nahm sich nach Gutdünken: Nicht auf eine Verköstigung kam es an, sondern auf Begegnungen, auch jenseits des umgrenzt Fachlichen. So fragte Dahlhaus aus heiterem Himmel, als ich in Berlin eine Wohnung erworben hatte, ob er mir mit einem zinslosen Kredit helfen solle. Oder er machte die verblüffende Bemerkung, Fachliteratur gelegentlich kursorisch zu lesen, Lyrik und Belletristik jedoch stets äußerst genau. Oder: Er könne einen Aufsatz nicht erst zum letzten Termin schicken, so »als erhöhe die Verzweiflung des Redakteurs das Prestige des Autors«. Oder wir sprachen über das Fliegen: über jenen unbeschreiblichen Moment, wenn das Flugzeug beschleunigt um abzuheben; und ich erinnere mich, dass Dahlhaus, der weiter vorne saß, bei einem späteren gemeinsamen Flug genau in diesem Moment lächelnd zu mir zurückblickte.

Was das alles mit Musiktheorie zu tun hat? Unendlich viel. All das gibt etwas wieder von dem menschlichen, offenen, lebenserfüllten Geist, der seinerzeit herrschte. Dieser vielfarbige Geist ließ Musiktheorie in gleicher Haltung blühen. Ich wünsche mir, dass ihr das erhalten bleibt.

»Alles fließt«

Als ich 14 war, kamen mir 30jährige unvorstellbar alt vor, und Mittsechziger, Menschen meines jetzigen Alters, waren sowieso mit allem fertig. Zu meinen tröstlichen Erfahrungen gehört, dass mein jugendliches Bild ein grandioser Irrtum war: Niemals hört es auf: das Leben, das Lernen, die Neugier. Alles bleibt in ständiger Bewegung. Panta rhei lautet dafür die wunderbare Formel von Heraklit. Sie gilt auch für Musiktheorie. Keiner ihrer Ansätze erreicht jemals ein gültiges Ende. Es geht – das finde ich erregend – immer weiter, weil immer wieder Anderes entsteht oder entdeckt wird.

Zukunft

Musiktheorie muss leben. Dafür möchte ich zum Schluss acht Wünsche sagen:

  1. Für Musiktheorie darf ihre Historisierung, die eine beruhigende Authentizität vorgaukelt, nicht zur Flucht aus der Gegenwart werden: Sie darf nicht der Herausforderung ausweichen, sich für heute zu definieren.

  2. Musiktheorie sollte, nachdem sie von Systemzwängen befreit ist, zwei Extreme meiden: sich völlig aufzusplittern oder sich festzubeißen in eine einzige Richtung.

  3. Musiktheorie muss deutlich unterscheiden, ob sie als Disziplin oder als Unterrichtsfach auftritt.

  4. Musiktheorie braucht phantasievoll freie Formen der Vermittlung.

  5. Musiktheorie ist an Hochschulen zu Hause. Aber sie darf sich nicht darüber erhaben fühlen, für den Unterricht an Schulen etwas beizutragen. Und niemand sollte das gering schätzen: ›Schule‹ ist schwerer als ›Hochschule‹.

  6. Musiktheorie muss daran gelegen sein, musikalische Struktur nicht abzuschneiden von musikalischem Ausdruck und Bedeuten. Es wäre schlimm, würde Theorie zum Feind musikalischen Erlebens, und Wissenschaftlichkeit zum Götzen.

  7. Musiktheorie tut eine Sprache gut, die man ohne Fremdwörterbuch und ohne mehrmaliges Lesen verstehen kann.

  8. Musiktheorie möge der musikalischen Praxis dienen.

Hinter allem steht ein Grundgedanke:

Wenn Musiktheorie den Dreiklang schafft, musikalisch zu kultivieren, gedanklich zu faszinieren und menschlich zu berühren, dann hat sie es wirklich geschafft.