Editorial

Für die Musiktheorie müßte das 17. Jahrhundert eigentlich von zentralem Interesse sein: Hier formte sich die Dur-Moll-tonale Harmonik, hier etablierte sich Musik als Ausdrucksform, die in zunehmendem Maß Semantisches zu transportieren beabsichtigt, hier wurden satztechnische Verfahren entwickelt, die den weiteren Verlauf der Kompositionsgeschichte nicht minder geprägt haben als der stile antico, den das 17. Jahrhundert sorgsam tradierte und weiterformte.

Die enge Fokussierung auf J.S. Bach, für manche der barocke Komponist schlechthin, läßt dessen Zeitgenossen oft nur als weniger bedeutende ›Komponisten neben Bach‹ und seine Vorgänger als defizitär empfundene ›Komponisten vor Bach‹ erscheinen. In musiktheoretischen Lehrwerken, dem musiktheoretischen Fächerkanon vieler Hochschulen und der Unterrichtspraxis spiegelt sich dies nach wie vor wieder. Die Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts und die instrumentale Polyphonie des 18. Jahrhunderts gehören zu den Standard-Themen der musiktheoretischen Ausbildung. Das 17. Jahrhundert erscheint dagegen als Verfalls- oder Vorgeschichte.

Die historische Aufführungspraxis hat sich das 17. Jahrhundert schon längst erschlossen. Das Fach Musiktheorie sollte nicht zögern, ihrem Vorbild zu folgen. Die Musik des 17. Jahrhunderts erscheint bunt und vielgestaltig, sie ist ebenso experimentierfreudig wie konservativ, sie sucht die Extreme und findet rationale und modellhafte Lösungen. Gerade in dieser Heterogenität, so zeigen die hier versammelten Beiträge, liegt eine Herausforderung für die heutige Musiktheorie. Janina Klassen klärt über einige Mißverständnisse in bezug auf die ›Figurenlehre‹ auf. Auch Bettina Varwig beschäftigt sich mit der Beziehung von Rhetorik und Musik; sie demonstriert anhand Schützscher Werke, wie das Meta-Konzept der Rhetorik die musikalische Formbildung bestimmt. Florian Edler untersucht detailliert die Entwicklung des Dur-Moll-Kontrastes in der italienischen Triosonate vor und bei Corelli und zeigt auch ihre Folgen für die Wiener Klassik. Cornelius Bauer vertieft sich analytisch in eine Arie von Purcell und demonstriert, wie eng horizontale und vertikale Aspekte bei der Harmoniebildung verflochten sind. Ich selbst stelle einen Lehrgang zur Diskussion, in dem einige satztechnische Verfahren des 17. Jahrhunderts vermittelt werden sollen. Dieser Beitrag eröffnet eine neue Rubrik der ZGMTH. In ihr wird in Zukunft regelmäßig direkter Bezug auf Musiktheorie als Lehrfach genommen werden. In der Rubrik ›Kolumne‹ schließlich schildert Stefan Rohringer seine Erfahrungen im ›Bücherturm‹.

Die musikwissenschaftliche Zeitschrift Musiktheorie widmete ihre letzte Ausgabe demselben Thema. Die Vorbereitungen für unsere Ausgabe begannen bereits im Winter 2005. Es handelt sich daher nicht um eine Reaktion, sondern um eine Koinzidenz, die vielleicht indiziert, daß das Thema in der Luft liegt und ihm auffallend viele jüngere Wissenschaftler Interesse entgegenbringen.

Johannes Menke