Symposium »Sethus Calvisius«. Eine Veranstaltung der Fachrichtung Komposition/Tonsatz der Hochschule für Musik und Theater Leipzig in Verbindung mit der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH), dem Staatlichen Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz, Berlin, und dem Forum Thomanum, Leipzig, 8.–9. April 2006

Christine Kierakiewitz

»Um das Jahr Christi 1612, hat Sethus Calvisius, Cantor zu S. Thomae in Leipzig floriret. Er war eine sehr gelahrter Mann / ein guter Chronologus, und fürtrefflicher Musicus so wohl Theoreticus als Poeticus und Modulatorius, wie aus seinen Exercitationibus musicis, der Melopoia, und wohl=componierten Motetene zu sehen. Weil er gelebet / ist er nicht eben sonderlich aestimiret: allein / nach seinem Tode / ist er sehr hoch geachtet worden; und wird gewisslich seiner gedacht werden / weil die Welt wird stehen.«[1]

Das Symposium fand anläßlich des 450. Geburtstages von Sethus Calvisius (1556–1615) als Veranstaltung der Fachrichtung Komposition/Tonsatz der Hochschule für Musik und Theater Leipzig unter der Leitung von Gesine Schröder in Verbindung mit der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH), dem Staatlichen Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz und des Forum Thomanum unter der Schirmherrschaft von Thomaskantor Georg Christoph Biller statt.

Sethus Calvisius wirkte ab 1582 als Kantor in der Fürstenschule zu Pforta, bis er 1594 das Amt des Leipziger Thomaskantors übernahm. Nicht ob seiner musiktheoretischen und musikpraktischen Werke und Tätigkeiten, sondern als Mathematiker und vor allem als Chronologe war er bei seinen Zeitgenossen hochangesehen. Sein Opus chronologicum (Leipzig 1605) brachte ihm laut Leichpredigt mehrere Berufungen an Universitäten ein, die er jedoch alle ablehnte. Besonders seine musiktheoretischen Werke sind wegen der Übertragung der italienischen Musiktheorie und der umfassenden behandelten Wissensgebiete auch heute noch von Bedeutung. Sie wurden komplett in Latein verfaßt und sind leider bisher nicht übersetzt worden. Ein Faksimile-Nachdruck liegt nur von den Exercitationes musicae duae[2] vor, so daß allein aufgrund der Sprachbarriere der Einblick in das musiktheoretische Werk nicht jedem Musik- oder Musiktheorie-Studierenden möglich ist.

Inhaltliche Schwerpunkte des Symposiums bildeten einerseits Calvisius’ Musiktheorie und ihr Umfeld, andererseits die Annäherung an den Komponisten durch Betrachtung und Analyse seiner Kompositionen. Des weiteren prägte das Interesse an fachmethodischen Aspekten wie z.B. Fugentechniken die Veranstaltung.

Während des Symposiums gab es eine kleine Ausstellung zum Thema »Musik und Mathematik um 1600« im Foyer der Musikhochschule der studentischen Arbeitsgruppe Musik und Mathematik (MuMa), in der Ausschnitte aus Calvisius’ Werken und andere Dokumente über sein Wirken in Leipzig gezeigt wurden. Zusätzlich wurde ein Geburtstagskonzert in der Thomaskirche mit Werken von Calvisius und Zeitgenossen veranstaltet, was dem Ereignis eine erfrischende praktische Note verlieh.

Einen kurzen biographischen Einblick und eine Übersicht über die Dokumente, die von Calvisius’ Wirken in Leipzig zeugen, gewährte der Vortrag von Stefan Altner (Leipzig), gleichzeitig wurden allgemeinere Quellen zum Thomaskantorat, das Calvisius im Jahre 1594 übernahm, und zur Thomasschule um 1600 präsentiert, welche unter anderem. über den Verdienst des Thomaskantors oder die Anzahl und Herkunft der Alumnen unterrichten. Ein erhaltener Lehrplan aus dem frühen 17. Jahrhundert im Stadtarchiv Leipzig zeigt genauestens, welche Aufgaben dem Thomaskantor und welche dem Konrektor zufielen, während eine im Archiv der Thomaskirche aufbewahrte Jahresrede Sollemnia anni vertentis in ludo Thomano aus dem Jahre 1804 verdeutlicht, daß Calvisius und sein Werk zur Tradition und zum Selbstverständnis des Thomanerchores dazugehörten, auch im 19. Jahrhundert.

Indizien für die Struktur des Thomaskantorats und der Thomasschule um 1600 finden sich auch in seinem theoretischen Werk. So verweisen die im Compendium musicaepro incipientibus (Leipzig 1594) enthaltenen Gesangsregeln auf die Musizierpraxis an der Thomasschule, die der Thomaskantor traditionell an seinen Nachfolger weitergab, was durch Abschriften des Compendium musicae bis ins 18. Jahrhundert bestätigt wird, während der in der Melopoeia sive melodiae condendae ratio (Erfurt 1592) abgedruckte Brief Luthers an Senfl die lutherische Geisteshaltung offenbart, mit der Calvisius als Pädagoge wirkte. Die biographischen Quellen bezüglich Calvisius sind spärlich. Die 1615 von Vincentius Schmuck verfaßte Leichpredigt ist die ausführlichste erhaltene biographische Einzelquelle. Eine ordentliche Biographie unter Berücksichtigung aller erhaltenen Quellen und sorgfältiger Herausarbeitung des persönlichen Umfelds von Calvisius steht bis heute noch aus.

Der anschließende Vortrag von Tihomir Popovic (Hannover) setzte sich mit der hauptsächlich in der Melopoeia niedergeschriebenen Klausellehre und ihrer Rezeption in der musikwissenschaftlichen Literatur des 20. Jahrhunderts auseinander und fragte nach den Auswirkungen der Klauseldisposition auf den Modus. Ariane Jeßulat (Würzburg) dagegen bezog sich auf den Aspekt der musikalischen Interpunktion und zeigte an Hand der cantus-firmus-freien Motette »Vom Himmel hoch da komm ich her« aus dem von Erhard Bodenschatz herausgegebenen Sammeldruck Florilegium selectissimarum cantionum (Leipzig 1603) die syntaktische Wirkung der Klauseln auf, wobei der clausula secundaria die Aufgabe eines musikalischen Semikolons zukommt.

Einen analytischen Ansatz verfolgte Franz Kaern (Frankfurt), indem er die meist vierstimmigen Kantionalsätze aus der Sammlung Harmonia cantionum ecclesiasticarum (Leipzig 1597, in diesem Vortrag wurde die 3. Auflage von 1612 verwendet) in direkte Verbindung zu den von Calvisius selbst niedergeschriebenen Kompositionsregeln brachte. In sehr anschaulicher Weise mit vielen transkribierten Beispielen wurden vielfältige Details seiner Satzkunst präsentiert. Deutlich wurde auch, daß es sich bei dieser 131 Nummern umfassenden Sammlung nicht um eine homogene Gruppe einfacher Kantionalsätze handelt. So finden sich schlichte einfache Choräle neben motettisch angelegten Werken und in der Dissonanzbehandlung und Imitationstechnik sehr einfallsreich komponierte Sätze, die des öfteren mit seinen eigenen Kompositionsregeln divergieren, etwa hinsichtlich der Verwendung von Intervallsprüngen, die in der Melopoeia ausdrücklich verboten sind, der teilweise liberalen Dissonanzbehandlung und anderer satztechnischer Freiheiten: Wie so oft in der Musikgeschichte handelt der Komponist anders als der Theoretiker, auch wenn er selbst beides zugleich ist.

Im Zeichen der Fugentechnik und Fugenimprovisation – also der Harmonia extemporaneae – stand der Vortrag oder vielmehr die Präsentation von Olivier Trachier (Paris), der mit seinen Studenten Fugenimprovisationen nach Calvisius, Zarlino und anderen italienischen Zeitgenossen in einer eindrucksvollen, künstlerisch sehr ambitionierten Darbietung vortrug. Werner Braun (Saarbrücken) ergänzte diesen Themenbereich durch die Analyse der in der Melopoeia enthaltenen 21 Tonsätze zur kunstvollen Dreistimmigkeit, die Calvisius als Improvisationsexempel vorgibt. Die einprägsame Struktur wie der sehr einheitliche cantus firmus verweisen auf die pädagogische Aufgabe dieser Beispielsätze, stilistisch handelt es sich jedoch um keine einfachen Kadenzmodelle, sondern um endliche Kanons über einen Choralabschnitt. Auch bei diesem Vortrag gab es erfrischende praktische Beiträge bei der Interpretation der von Braun analysierten Beispielsätze durch ein sich spontan zusammenfindendes Gesangstrio.

Sethus Calvisius’ Wirken als allgemeiner Historiker und als Chronologe bezieht selbstverständlich auch musikhistorische Betrachtungen mit ein, die Andreas Mayer (Berlin) vor allem in dessen Weltgeschichte, dem Opus chronologicum, einem Prachtband von 1200 Seiten, untersuchte. Die Chronologie war eine auch durch den Protestantismus etablierte Denkform, und Calvisius war ein großer Verehrer Joseph Scaligers, der mit seinen chronologischen Werken hochberühmt wurde.

Das Opus chronologicum von Calvisius wurde bis 1685 weitergeführt; welche Einträge allein von Calvisius sind, ist nicht abschließend geklärt. Calvisius orientierte sich unter anderem an Boetius, Guido von Arezzo, Gioseffo Zarlino, Franchinus Gafurius und Henricus Glareanus und etablierte das Bild vom stetigen Fortschritt der Musik. Die musikhistorischen Informationen sind komplex und widersprüchlich; daß Calvisius historisches Wissen auf den Fund historischer Instrumente bezieht[3], kann beispielsweise nicht bestätigt werden.

Thomas Christensen (Chicago) analysierte bezüglich der musikalischen Chronologie besonders die im zweiten Teil der Exercitationes musicae duae enthaltene Exercitatio altera (Leipzig 1600) und zeigte auf, daß sich Calvisius’ Wissen als Musiker und Chronologe ergänzte. Im chronologischen Arbeiten offenbart sich das pythagoreische Muster in der Weltgeschichte, während die in der Exercitatio altera enthaltene Musikgeschichte keine unkritische Sammlung von Legenden ist, sondern sich als chronologisch geordnete, fortschrittliche Gesamtdarstellung der Musikhistorie erweist. Die chronologischen Berechnungen sind empirische Beiträge, d.h. astronomische Daten, die Calvisius selbst berechnet und gesammelt hat und die im Ergebnis sehr widersprüchlich und spekulativ sind.

Den Abschluß des ersten Tages bildete das bereits erwähnte feierliche Geburtstagskonzert, das von Martin Krumbiegel (Leipzig), Maurice van Lieshout (Den Haag) und Studierenden der Fachrichtung Alte Musik der HMT sowie dem Vocalconsort Leipzig und dem Ensemble Vokalpolyphonie gestaltet wurde und in der Thomaskirche stattfand. Hier bekamen die Teilnehmer die Gelegenheit, einige in den Vorträgen besprochene Werke – darunter Beispiele der dreistimmigen Tonsätze aus der Melopoeia, einige Kantionalsätze aus der Harmonia cantionum ecclesiasticarum aowie die Motette Praeter rerum seriem von Josquin und Calvisius’ Parodia derselben – auch einmal zu hören.

Die Josquin-Parodia war Thema des ersten Vortrages am letzten Tag des zweitägigen Symposiums in einer Reihe von Vorträgen, die sich einmal mit der Rezeption älterer Komponisten und Theoretiker durch Calvisius, zum anderen mit der Rezeption von Calvisius selbst in den nachfolgenden Generationen befaßte.

Klaus-Jürgen Sachs (Erlangen) verglich die im Florilegium selectissimarum cantionum (Leipzig 1603) enthaltene Parodiemotette mit der (Original-)Komposition von Josquin sowie mit Parodien anderer Komponisten über dasselbe Werk und verwies auf die sehr verschiedene Stilanlage beider Tonsätze – die Josquin-Motette wirkt im Vergleich origineller und vielfältiger –, wobei sich Calvisius bewußt von der Vorlage absetzt, indem er ihr durch regelmäßige Kadenzsetzung nach jedem Verswechsel eine ›modernere‹ Struktur verleiht, auf eine c.f.-Durchführung verzichtet, den Duktus verändert, weniger Langnoten verwendet und eine rhythmische Homogenisierung herbeiführt, wodurch seine Komposition einen abgerundeten, geschlossenen Charakter gewinnt.

Der folgende Vortrag von Angelika Moths (Basel) befaßte sich mit der Bedeutung des musikalischen Beispiels bei Calvisius und zeitgenössischen Theoretikern, wobei besonders die teilweise ungeklärte Herkunft der in den Theorien enthaltenen Musikbeispiele im Mittelpunkt stand. Michael Quinn (London) verwies auf Matthesons Rezeption der Melopoeia in seinen Schriften Das neu-eröffnete Orchestre (Hamburg 1713) und Das forschende Orchestre (Hamburg 1721) besonders bezüglich der Intervalleinteilung mit dem Streitfall der Quarte, die Calvisius zu den perfekten Konsonanzen zählte, was Mattheson jedoch entschieden ablehnte.

Heinz von Loesch (Berlin) stellte die Verdienste von Calvisius um die Kompositionslehre in den Mittelpunkt seines Vortrages. Dazu gehören eine ausführliche Klausellehre und die erstmalige Beantwortung von Fragen der Textunterlegung, der Dissonanzbehandlung und Fugentechnik in einem allein schon unüblich großen Umfang von 204 Seiten; alles Theoreme, die bekannt erscheinen und erst vor dem Hintergrund der Defizite von Calvisius’ Vorvätern im frühen 16. Jahrhundert wie Franchinus Gafurius oder Johannes Galiculus ihre Bedeutung und ihren hohen Stellenwert erhalten, wie nachfolgend an zahlreichen Direktvergleichen z.B. anhand der Differenzierung und Erklärung von Termini wie ›Fuge‹ oder ›Synkopendissonanz‹ bei Calvisius und seinen Vorgängern aufgezeigt wurde.

So ist der Begriff der Fuge vor Calvisius weder ansatzweise erklärt, noch gibt es eine Differenzierung von Kanon und Imitatio; Calvisius dagegen unterscheidet erstmals beide Formen sowie die intervallgetreue und nicht intervallgetreue Imitation.

Insgesamt gab es im Verlauf des Symposiums einige Mehrfachbearbeitungen, etwa bezüglich der Klausellehre und des improvisierten Kontrapunktes, die sich jedoch sinnvoll durch die sehr differenzierten Ansätze ergänzten. Im Bereich Musikhistoriographie, Musiktheorie und Tonsatz wurden viele interessante Gebiete abgedeckt oder erschlossen und lassen die für 2008 geplante Veröffentlichung der Beiträge des Symposiums mit Spannung erwarten.

Anmerkungen

1

Wolfgang Caspar Printz, Historische Beschreibung der edelen Sing- und Kling-Kunst, Dresden 1690, XII. Capitel, 132, § 10.

2

Hildesheim/New York: Olms 1973.

3

So bei K. Benndorf, Sethus Calvisius als Musiktheoretiker, Leipzig 1894.