Editorial

Seit einigen Jahren ist in den Geistes- und Kunstwissenschaften unter der Rubrik ›Digital Humanities‹ eine Entwicklung zu beobachten, welche die traditionellen Arbeits- und Denkweisen dieser Disziplinen ergänzen, möglicherweise aber auch nachhaltig verändern wird. Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts leistete der Computer bei der Lösung geisteswissenschaftlicher Vorhaben Unterstützung. So plante Pater Roberto Busa im Jahr 1947 eine Lemmatisierung des Gesamtwerks von Thomas von Aquin und veranschlagte für das Projekt zunächst eine Arbeitszeit von über 40 Jahren. Um den umfangreichen Textkorpus schneller zu erfassen, suchte er die Zusammenarbeit mit dem Begründer von IBM, Thomas J. Watson. Unter Zuhilfenahme seinerzeit modernster Computertechnologie entstand der Index Thomisticus schließlich innerhalb von nur sieben Jahren (statt der projektierten 40).

Mit dieser erfolgreich erstellten Konkordanz schien der Traum vieler Geisteswissenschaftler*innen, mit Hilfe künstlicher Intelligenz große Datenmengen sammeln und bearbeiten zu können, Realität zu werden. In der Folgezeit wurde versucht, die Erfassung und statistische Auswertung von Textkorpora auf der Basis der Lemmatisierung durch die Berücksichtigung grammatikalischer und stilistischer Merkmale zu verfeinern. Doch erst der moderne PC und die Durchsetzung des World Wide Web löste die bis dato immer noch sehr aufwändigen und vereinzelten Projekte der Korpuslinguistik aus ihrer Isolation. Mit der Text Encoding Initiative (TEI) und im Bereich Musik der Music Encoding Initiative (MEI)[1] wurden seit Ende des 20. Jahrhunderts zudem einheitliche Standards für die Codierung von Daten entwickelt; erst mit diesem Schritt waren eine einheitliche Infrastruktur und damit Voraussetzungen geschaffen, Datensammlungen eindeutig lesbar, transferierbar und für die gesamte Forschungsgemeinschaft nutzbar zu machen. Die sich ergebenden neuen Forschungsperspektiven, die zunächst unter dem Begriff ›humanities computing‹ zusammengefasst wurden, verstand man bald als Paradigmenwechsel in den Geistes- und Kunstwissenschaften; seit etwa 2004 hat sich der Neologismus ›Digital Humanities‹ als Sammelbegriff für die Vielzahl der sich abzeichnenden Perspektiven durchgesetzt. Zeitgleich lässt sich eine Institutionalisierung der Praktiken der ›Digital Humanities‹ durch die Einrichtung von internationalen Organisationen, Forschungsverbünden, interdisziplinären Forschungszentren und universitären Studiengängen beobachten.[2]

Der Einfluss der noch jungen und sich rapide entwickelnden ›Digital Humanities‹ beschränkt sich inzwischen nicht nur auf einzelne Forschungsfelder wie die Korpusanalyse, auf digitale Editionstechniken oder auf die Präsentation von Forschungsergebnissen. Von verschiedener Seite wird den ›Digital Humanities‹ vielmehr das Potenzial zugesprochen, die gesamten Arbeitsprozesse und Methoden der klassischen humanistischen Fächer einschließlich ihrer etablierten Inhalte und Lehrformen so nachhaltig zu verändern, dass deren Profil insgesamt zur Diskussion zu stehen scheint. So hat Todd Presner im Anschluss an sein Digital Humanities Manifesto 2.0[3] hervorgehoben, dass der Einfluss der ›Digital Humanities‹ völlig neue Fragestellungen und Wissensformen hervorbringt: »Digital Humanities 2.0 introduces entirely new disciplinary paradigms, convergent fields, hybrid methodologies, and even new publication models that are often not derived from or limited to print culture.«[4] Insbesondere die Vision, disziplinäre Grenzen zu verschieben, mit neuem kreativem Anspruch und Flexibilität auf Problemstellungen zu reagieren, durch kollaborative Projekte bedeutende Synergieeffekte zu erzielen und beispielsweise neue Perspektiven durch die Möglichkeit der Bearbeitung großer Datenmengen im Sinne eines ›distant reading‹ zu erschließen, macht die ungeheure Dynamik und das Potenzial der aktuellen Entwicklung aus, die auch mit dem Schlagwort ›computational turn‹[5] bezeichnet worden ist.[6]

Die Bereiche Datensammlung, Datenverarbeitung und -auswertung sowie Editionswesen und die Repräsentation von Forschungsergebnissen sind diejenigen Felder, auf denen der Einfluss der ›Digital Humanities‹ in der Musikwissenschaft und -theorie aktuell am stärksten spürbar wird.[7] Welche Perspektiven sich aus den Möglichkeiten der ›Digital Humanities‹ für die Musikwissenschaft ergeben, wurde im Herbst 2016 auf der an der Universität Tübingen ausgerichteten »International Winter School Musicology – Digitalisierung in der Musikwissenschaft« diskutiert.[8] Mit dem vorliegenden Heft möchte die ZGMTH auch in der deutschsprachigen Musiktheorie Diskussionen anregen und die Frage stellen, welche Chancen die ›Digital Humanities‹ unserem Fachgebiet eröffnen können. Dabei haben die Herausgeber die Ausgabe weder im Sinne eines Kompendiums konzipiert noch als Sammlung von Überlegungen zu möglichen zukünftigen Projekten. Ziel war vielmehr, anhand einiger thematisch gebundener Beiträge, Forschungsberichte und Besprechungen laufender Projekte, ausgewählte Aspekte der Korpusforschung, der Erschließung von Material und der Lehre in den Blick zu nehmen, die eine aktuelle Standortbestimmung unterstützen.

Zwei Hauptartikel beschäftigen sich mit den Möglichkeiten der Korpusanalyse in der Musiktheorie. In ihrem Beitrag »Wie wissenschaftlich muss Musiktheorie sein? Chancen und Herausforderungen musikalischer Korpusforschung« diskutieren Markus Neuwirth und Martin Rohrmeier grundsätzliche methodische Fragen von traditioneller Repertoireforschung einerseits und aktueller Korpusforschung andererseits. Sie plädieren dafür, im musiktheoretischen Diskurs die Chancen quantitativer Ansätze nicht ungenutzt zu lassen und diese in bestehende Untersuchungsansätze stärker einzubeziehen. Dass Korpusforschung in der Tat neue Perspektiven zu eröffnen vermag, zeigt der Beitrag »Kulturelle Diversität in der empirischen Rhythmusforschung: Drei Analysen eines Audio-Korpus von Percussion-Ensemblemusik aus Mali« des Autorenteams Rainer Polak, Nori Jacoby und Justin London. In drei auf unterschiedliche Aspekte bezogenen Studien demonstrieren die Autoren, dass westliche Musikforscher*innen bei Untersuchungen über Rhythmus in außereuropäischer Musik oft nach wie vor in eurozentrischer Weise Paradigmen des eigenen kulturellen Umfelds zugrunde legen. Im Bereich der empirischen Rhythmusforschung führen die vorgestellten Korpusanalysen von Audio-Aufnahmen aus Mali zu einer punktuellen Korrektur dieser Voreingenommenheit.

Inwiefern die ›Digital Humanities‹ auch auf die Formen von Präsentation, fachlichem Austausch und Lehre Einfluss nehmen, thematisieren zwei kürzere Beiträge von Nicole Biamonte und Benjamin Vogels. Biamonte, die aktuelle Herausgeberin der Zeitschrift Music Theory Online der Society for Music Theory, informiert darüber, welche Darstellungsmöglichkeiten musiktheoretischer und analytischer Inhalte in Music Theory Online erprobt wurden und welche Projekte die Herausgeber*innen für die nähere Zukunft verfolgen. Ihre Beschreibung macht nicht nur die Lust unserer US-amerikanischen Kolleg*innen am Experimentieren deutlich, sondern zeigt auch, wie einschneidend sich die Präsentationsformen im Zeitalter der ›Digital Humanities‹ bereits geändert haben und weiter verändern werden. Vogels diskutiert in seinem Beitrag »Soziale Medien in der Lehre der Musiktheorie«, wie die Nutzung von ›Social Media‹ musiktheoretische Lehre etwa in Hinblick auf die Interaktionen zwischen Dozierenden und Studierenden verändern kann und welche Herausforderungen für Lehrende und Lernende dabei entstehen.

Zwei weitere Beiträge kommentieren Projekte, die ohne die Möglichkeiten der ›Digital Humanities‹ nicht denkbar wären. Franz Körndle bespricht in seinem Beitrag »Fourteenth-Century French Notation, DIAMM Moodle at the Faculty of Music, University of Oxford« die vor einigen Jahren von Elizabeth Eva Leach entwickelte digitale Einführung in die Mensuralnotation. Ein weiteres ambitioniertes Projekt, das auf den Möglichkeiten der ›Digital Humanities‹ aufbaut, ist das an der Stanford University beheimatete und von Jesse Rodin, Craig Stuart Sapp und Claire Bokulich betreute »Josquin Research Project«. Paul Kolb stellt nicht nur die Grundzüge dieses Vorhabens, das digitale Edition und Korpus-Analyse verbindet, dar, sondern weist auch auf denkbare Erweiterungsmöglichkeiten dieses laufenden Projekts hin.

Die vorliegende Ausgabe wird durch drei weitere, nicht direkt auf das Thema der Veröffentlichung bezogene Beiträge, ergänzt. Im Hauptteil präsentiert Thomas Noll unter dem Titel »Handschins ›Toncharakter‹. Plädoyer für einen neuen Anlauf« Überlegungen, wie Handschins Toncharakter-Konzept auf aktuelle Forschungen zu ›Skalenstufen-Qualia‹ oder ›tonalen Qualia‹, wie sie von David Huron im Bereich der kognitiven Musiktheorie und von Steven Rings im Bereich der transformational theory geleistet worden sind, bezogen werden können. Unter Rückgriff auf die Ergebnisse beider Richtungen stellt Noll eine inhaltliche Aktualisierung und Ausdifferenzierung der Überlegungen Handschins zur Diskussion.

Obwohl in der Rubrik ›Rezensionen‹ veröffentlicht, kann Hermann Danusers Besprechung von Alfred Nowaks jüngst erschienenem Buch Musikalische Logik. Prinzipien und Modelle musikalischen Denkens in ihren geschichtlichen Kontexten (2015) als ein eigenständiger Beitrag zum Forschungsdiskurs bezeichnet werden. Danusers Würdigung von Nowaks Opus magnum zeichnet unter dem Titel »Apollinische Fundamente« nicht nur die Überlegungen Nowaks differenziert nach, sondern skizziert aus eigener Forschungsperspektive punktuell alternative Sichtweisen und konkurrierende Interpretationsmöglichkeiten.

Außerdem haben die Herausgeber*innen die Dokumentation einer Podiumsdiskussion zum Thema »Musiktheorie ohne Schule – Schule ohne Musiktheorie«, die im Rahmen der 10. Weimarer Tagung »Musiktheorie und Hörerziehung« (2016) stattfand, in die Ausgabe aufgenommen. Unter der Leitung von Jörg Arnecke, dem wir herzlich für die Anfertigung der schriftlichen Übertragung danken, diskutierten an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar Kathrin Auerbach, Johannes K. Hildebrandt, Ludwig Holtmeier, Kai Martin und Elisabeth Theisohn.

Kilian Sprau, Felix Wörner

Anmerkungen

1

Music Encoding Initiative. http://music-encoding.org (30.6.2017)

2

Zu einer kurzen Geschichte der ›Digital Humanities‹ vgl. Jannidis/Kohle/Rehbein 2017, 3–11. Die wichtigsten nationalen und transnationalen Forschungsverbünde sind in der internationalen Dachorganisation The Alliances of Digital Humanities Organizations zusammengefasst.

3

Schnapp/Presner 2009.

4

Presner 2010, 6.

5

Vgl. Berry 2011.

6

Vgl. Burdick/Drucker/Lunenfeld/Presner/Schnapp 2012. In seinen Überlegungen zu den Formen des Wissens im Zeitalter der Digital Humanities führt Presner aus: »I consider ›Digital Humanities‹ to be an umbrella term for a wide array of practices for creating, applying, interpreting, interrogating, and hacking both new and old information technologies. These practices—whether conservative, subversive, or somewhere in between—are not limited to conventional humanities departments and disciplines, but affect every humanistic field at the university and transform the ways in which humanistic knowledge reaches and engages with communities outside the university. Digital Humanities projects are, by definition, collaborative, engaging humanists, technologists, librarians, social scientists, artists, architects, information scientists, and computer scientists in conceptualizing and solving problems, which often tend to be high-impact, socially-engaged, and of broad scope and duration. At the same time, Digital Humanities is an outgrowth and expansion of the traditional scope of the humanities, not a replacement for or rejection of humanistic inquiry. I firmly believe that the role of the humanist is more critical at this historic moment than ever before, as our cultural legacy as a species migrates to digital formats and our relation to knowledge, cultural material, technology, and society is radically re-conceptualized.« (Presner 2010).

7

Zu den Herausforderungen, die sich aus dem schnellen Wachstum des Forschungsfelds ergeben, zählt, mit den rasanten Entwicklungen Schritt zu halten. Webseiten wie beispielsweise Digital Resources for Musicology (http://drm.ccarh.org; 30.6.2017) ergänzen mit ihrer Sammlung digitaler Open-Access-Ressourcen klassische Bibliothekskataloge und werden ähnlich wie Wikipedia unter Beteiligung der Nutzer ständig ausgebaut und aktualisiert. Führende Zeitschriften wie das Journal of the American Musicological Society haben inzwischen eine Rubrik »Digital und Multimedia Scholarship« eingerichtet.

8

Das Programm der Veranstaltung ist abrufbar unter http://www.uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/altertums-und-kunstwissenschaften/mwi/aktuell/aktuelle-veranstaltungen-gastvortraegekonzerte-und-fuehrungen/winterschool-2016.html (30.6.2017); ein Tagungsbericht (Plaksin 2017) erschien auf der Webseite der Gesellschaft für Musikforschung: https://www.musikforschung.de/index.php/aktuelles/tagungen-kongresse/tagungsberichte/tagungsberichte-2016/1356-tuebingen-18-bis-19-11-2016 (30.6.2017).

Literatur

Berry, David M. (2011), »The Computational Turn. Thinking About the Digital Humanities«, Culture Machine 12. http://www.culturemachine.net/index.php/cm/article/view/440/470 (30.6.2017)

Burdick, Anne / Johanne Drucker / Peter Lunenfeld / Todd Presner / Jeffrey Schnapp (2012), Digital_Humanities, Cambridge (MA): MIT Press.

Digital Resources for Musicology. http://drm.ccarh.org (30.6.2017)

Eberhard Karls Universität Tübingen, International Winterschool Digital Musicology – Digitalisierung in der Musikwissenschaft, Musikwissenschaftliches Institut, 18.–19. November 2016, Veranstaltungsprogramm. http://www.uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/altertums-und-kunstwissenschaften/mwi/aktuell/aktuelle-veranstaltungen-gastvortraegekonzerte-und-fuehrungen/winterschool-2016.html (30.6.2017)

Jannidis, Fotis / Hubertus Kohle / Malte Rehbein (Hg.) (2017), Digital Humanities. Eine Einführung, Stuttgart: Metzler.

Music Encoding Initiative (MEI). http://music-encoding.org (30.6.2017)

Plaksin, Anna (2017), International Winterschool Digital Musicology – Digitalisierung in der Musikwissenschaft, Tübingen, 18. bis 19. November 2016 [Tagungsbericht]. https://www.musikforschung.de/index.php/aktuelles/tagungen-kongresse/tagungsberichte/tagungsberichte-2016/1356-tuebingen-18-bis-19-11-2016 (30.6.2017)

Presner, Todd (2010), »Digital Humanities 2.0. A Report on Knowledge«. http://cnx.org/contents/J0K7N3xH@6/Digital-Humanities-20-A-Report (30.6.2017)

Schnapp, Jeffrey / Todd Presner, The Digital Humanities Manifesto 2.0. http://humanitiesblast.com/manifesto/Manifesto_V2.pdf (30.6.2017)