Editorial

Carl Dahlhaus (1928–1989) war einer der bedeutendsten Musikwissenschaftler der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts und zugleich einer der führenden deutschsprachigen Intellektuellen seiner Zeit. Seine Forschungsarbeit hat nicht nur innerhalb seiner eigenen Disziplin Forschungsstände revolutioniert und Forschungsgegenstände neu geschaffen, sondern strahlte auch auf benachbarte Diskurse aus. Gerade die anhaltende Wandlung und Weitung des Selbstverständnisses der institutionellen Musiktheorie an Kunsthochschulen geht zu einem erheblichen Teil auf Dahlhaus’ Impulse zurück.

Anlässlich seines 20. Todestages fand vom 10. bis 13. Juni 2008 am Staatlichen Institut für Musikforschung in Berlin ein Kongress zum Thema »Carl Dahlhaus und die Musikwissenschaft. Werk, Wirkung, Aktualität« statt. Dass Dahlhaus aber recht eigentlich als Musiktheoretiker begann und mit Beiträgen zur Klassischen Vokalpolyphonie die Bühne der Scientific Community betrat, bildete den Anlass für den spezifischeren Fokus des Symposiums »Carl Dahlhaus und die Musiktheorie«, das am 8. und 9. Juni 2012 an der Hochschule für Musik und Theater München folgte.

Nur zwei Texte in der vorliegenden Sonderausgabe der ZGMTH sind nicht unmittelbar aus den in München gehaltenen Beiträgen hervorgegangen: »Die Entstehung der Entstehung« basiert auf einem Vortrag, den Thomas Christensen auf dem 15. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie am 3. Oktober 2015 an der Universität der Künste Berlin im Rahmen der Panel Session »Dahlhaus: ›History of Music Theory‹ 30 Years Later« gehalten hat und ergänzt Christensens originalen Münchner Beitrag. Ferner hat Stefan Rohringer seinen Vortrag »Zur Schenkerrezeption bei Dahlhaus« durch den ersten Teil seiner »Prolegomena zu einer Systematik der syntaktischen Formen ›Satz‹ und ›Periode‹« ersetzt, der sich Dahlhaus’ Rezeption der Schönbergschule widmet. (Der ursprüngliche Beitrag, der sich im Wesentlichen auf Dahlhaus’ 1959 in Die Musikforschung publizierte Rezension des Freien Satzes beschränken musste, wird in eine umfangreichere Untersuchung eingehen.)

Die Feststellung, dass ein Gelehrter wie Carl Dahlhaus, der sich zu kaum einem Aspekt der Musikwissenschaft und Musiktheorie nicht geäußert hat, nachfolgenden Autoren zahlreiche Anknüpfungspunkte bietet, die seiner Forschung auch heute, fast 30 Jahre nach seinem Tod, immer noch höchste Aktualität verleihen, ist eine Plattitüde. Wohl aber darf es als ein Spezifikum des Dahlhaus’schen Œuvres gelten, dass es zum überwiegenden Teil aus Einzelabhandlungen besteht (auch Dahlhaus’ Bücher verraten ihren Ursprung in zahlreichen prägnanten Artikeln, sofern es sich nicht ohnehin mehr oder weniger um Kompilationen handelt). Dahlhaus’ Methode, unterschiedliche Positionen (und ihre Protagonisten), – häufig auch nur implizit – einander gegenüberzustellen, hat ihre originäre literarische Form im vergleichsweise knappen Aufsatz gefunden, der es weit eher erlaubt, auf ein ausdrückliches Schlussfazit zu verzichten, als dies in umfänglicheren Abhandlungen der Fall wäre. (Dahlhaus zieht es vor, seine Sicht der Dinge kommentierend und ggf. polemisierend einzustreuen.) Regelmäßig entlässt er den Leser in eine gedankliche Aporie. Nicht Lösungen bereitzustellen, scheint seine Absicht, sondern ein Panorama zuvor nicht vermuteter Komplexität auszubreiten.

Auf diese Eigenart von Dahlhaus’ Œuvre reagieren nachfolgende Autoren bis zum heutigen Tage mit unterschiedlichen Strategien, und es erklärt, warum (auch) die vorliegende Sonderausgabe eine Reihe höchst heterogener Beiträge versammelt. Die einen schreiben die Dahlhaus’sche Stillage mit ihren dialektischen Gegenbewegungen auf der Grundlage neuerer Forschung fort. Andere versuchen, die bewusst belassenen ›Leerstellen‹ zu füllen. (Dabei kann die Kryptik einzelner Aussagen für die eigene Sache in Anspruch genommen werden, ohne dass es unbedingt erforderlich wäre, Dahlhaus’ Positionen zunächst zu ›fixieren‹.) Und wieder andere misstrauen dem Dialektiker Dahlhaus und beabsichtigen, den ›eigentlichen‹ Subtext seiner Ausführungen aufzuspüren – meist in der kritischen Absicht, Dahlhaus’ Narrationen in Kompositions- und Theoriegeschichte alternative Erzählungen an die Seite zu stellen. Alle diese Strategien versammelt auch die vorliegende Sonderausgabe, wobei die einzelnen Beiträge durchaus nicht einem einzigen Vorgehen verpflichtet sein müssen.

Den wissenschaftlichen Beiträgen vorangestellt sind zwei Texte, die sich der persönlichen Begegnung mit Carl Dahlhaus verdanken. Clemens Kühn schildert seine von fachlichem Respekt und persönlicher Sympathie bestimmten Erinnerungen an seinen Lehrer. Thomas Christensen, dessen Haltung zunächst wesentlich durch den nordamerikanischen Wissenschaftspositivismus geprägt gewesen war, berichtet von dem starken Eindruck, den »Dahlhaus und die Poetik des Zweifels« auf ihn als jungen Forscher anlässlich eines Studienaufenthaltes in Berlin machten.

Den eigentlichen Reigen der kritischen Dahlhaus-Lektüre eröffnet Jan Philipp Sprick. Am Beispiel von »Dahlhaus᾿ Historiographie der Musiktheorie im 19. Jahrhundert« macht Sprick Beobachtungen zu Dahlhaus᾿ spezifischen Methoden und Darstellungsweisen, aus denen weniger ein »Arbeitshandbuch« als vielmehr ein umfassender Problemaufriss hervorgegangen sei. Thomas Christensen erläutert in »Die Entstehung der Entstehung« den Kontext der Untersuchungen über die Entstehung der harmonischen Tonalität und zeigt, inwiefern sich Dahlhaus’ Tonalitätsverständnis von dem der damaligen Musikwissenschaft und Musiktheorie abgrenzte. Hier setzt auch Michael Polth an. Sein Beitrag »Tonalität als geschichtliches System. ›Dogmatische Denkform‹ und historischer Nachweis« fokussiert das Spannungsverhältnis zwischen dem Verstehen des Systems Tonalität als einer aktiven Fähigkeit einerseits und dem Verstehen seiner historischen Entwicklung andererseits.

Dass die von Dahlhaus erschlossenen Forschungsfelder heute durchaus in kritischer Distanz mit veränderten Methoden und weiterentwickelten Fragestellungen bearbeitet werden, zeigt sich insbesondere in Folker Froebes Beitrag »Intervallsatz und Geschichte«. Froebe hinterfragt Dahlhaus’ Überlegungen zum Wandel vom Intervall- zum Akkordsatz und dessen Bedeutung für die Entstehung der harmonischen Tonalität.

Thomas Noll wiederum, Vertreter der mathematischen Musiktheorie, nimmt Dahlhaus’ musiktheoretische Beiträge zum Anlass, Verbindungen zwischen älteren und jüngeren Traditionen systematischen Denkens in der Musiktheorie herauszuarbeiten (»Die Vernunft in der Tradition: Neue mathematische Untersuchungen zu den alten Begriffen der Diatonizität«). Ebenfalls der systematischen Musiktheorie ist Ulrich Kaisers Beitrag »Vom Satzmodell zum Modell« zuzurechnen, der seinen Bezugspunkt in Dahlhaus’ Überlegungen zu ›Satztypen und -formeln‹ hat. Kaiser entwickelt einen Modellbegriff, »der die Anforderungen empirischer Forschung im Bereich der musikalischen Analyse erfüllt«, und zeigt den Wert dieses Modelldesigns für eine wissenschaftliche Forschung im Sinne Niklas Luhmanns auf.

Mit »Carl Dahlhaus und die Schönbergschule« stellt Stefan Rohringer den ersten Teil seiner »Prolegomena zu einer Systematik der syntaktischen Formen ›Satz‹ und ›Periode‹« vor. Rohringer verdeutlicht die ungeheure Wirkungsmacht, die Dahlhaus’ selektive Rezeption der Formenlehre-Tradition über den deutschsprachigen Raum hinaus entfaltet hat.

Werke zweier Komponisten, denen sich auch Dahlhaus in seinen Schriften besonders zuwendet, bilden den Gegenstand der beiden abschließenden Beiträge. Ariane Jeßulat zeigt, inwiefern Dahlhaus den prekären Terminus ›unendliche Melodie‹ dazu nutzt, die interaktive Wagner- und Bach-Rezeption Ernst Kurths diskret fortzuführen (»›Unendliche Melodie‹. Aufbereitung einer Chiffre zu einer Kategorie der Wagner-Analyse«). Volker Helbing zeichnet den allmählichen Wandel nach, den Arnold Schönbergs Formel von der »Emanzipation der Dissonanz« vor dem Hintergrund kompositionsgeschichtlicher, kulturgeschichtlicher und historiographischer Entwicklungen bei Dahlhaus durchläuft. Die sich daraus ergebenden musiktheoretischen Fragen werden abschließend anhand einer Analyse von Schönbergs op. 15/14 problematisiert (»Schönberg, Dahlhaus und die Emanzipation der Dissonanz – Anmerkungen zu op. 15/14«).

Stefan Rohringer