Editorial

Eine Theorie der musikalischen Form und Syntax mittlerer Reichweite, deren Begriffe zugleich hinreichend allgemein und hinreichend empirisch gefasst sind, um sowohl das Bedürfnis nach systematischer oder methodischer Strenge als auch nach empirischer Pertinenz zu erfüllen, hätte zwischen basalen Aspekten von Harmonik, Metrik und motivischer Gruppierung einerseits und andererseits der Vielzahl, mit der diese Aspekte innerhalb der Kompositionen interagieren bzw. interagieren können, zu vermitteln.

Nach Art eines Kantischen Schematismus, der das Allgemeine in eine bereits spezifische, wenn auch noch für exakte Festlegungen offene Vor-Anordnung bringt, wäre ihr Gegenstand die Beschreibungen überschaubarer Größen, in denen die formkonstituierenden Prinzipien bereits zu einem konkreten Ineinandergreifen ›geronnen‹ sind.

Die vier Artikel dieser Ausgabe widmen sich auf unterschiedliche Weise den Anforderungen dieses Gebiets:

Erschien die Analyse nach ›historischen Satzmodellen‹ zunächst als kritische Position gegenüber der traditionellen Harmonielehre, deren Hang zur Vereinzelung harmonischer Fortschreitungen fragwürdig geworden war, so richtete sie sich schon bald auch gegen die in der ›Formenlehre‹ gebräuchlichen Beschreibungsmuster systematischer und/oder historischer Provenienz. Ihren fortgeschrittensten Ausdruck findet diese Position derzeit in den Begriffen und Verfahren der Schema Theory, die aus einer Verbindung von Partimento-Tradition und Kognitionspsychologie hervorgegangen ist und mittlerweile auch in den deutschsprachigen Diskurs Eingang gefunden hat.

Vom 17. bis 20. September 2014 fand in Leuven (Belgien) die VIII. European Music Analysis Conference statt. Die Artikel von Folker Froebe und Stefan Rohringer sind aus Beiträgen der Sektion ›Musical Schemata and Historically Informed Listening‹ hervorgegangen. Anhand verschiedener Beispiele untersucht Folker Froebe, inwieweit das Konzept kognitiv verankerter Schemata und die schenkerianische Schichtenlehre einander zu erhellen oder ineinander zu greifen vermögen. Besonderes Interesse verdankt seine Untersuchung dem Umstand, dass Schema Theory und schenkerianische Schichtenlehre gemeinhin als Antipoden im musiktheoretischen Diskurs wahrgenommen werden. Hier setzt auch der Beitrag von Stefan Rohringer an. Seiner Auffassung nach ist der entscheidende Unterschied zwischen Schema Theory und Schenkeranalytik nicht durch die Dichotomien historisch vs. systematisch oder empirisch vs. idealistisch gegeben, sondern durch den differierenden Systemcharakter, der im Zuge der Analyse den untersuchten Werken präsupponiert wird und auf unterschiedliche ästhetische Positionen verweist.

Auch bei Michael Polth geht es um die Schwierigkeit, wie die als eigentlich formbildend verstandenen Aspekte zur Theorie gebracht werden können. Er bemüht hierbei eine post-schenkerianische Strategie, die durch das Verfolgen dessen, was im Text als ›metrischer Pfad‹ bezeichnet wird, ein hierarchisches Struktur-Gefüge zugleich als eine dynamisch konstituierte Einheit erfahrbar werden lässt.

Ariane Jeßulat schließlich geht in ihrem Beitrag dem insbesondere für die romantische Formensprache etablierten Topos der ›organischen Form‹ nach. Ihre These ist, dass die sich bereits in historischer Zeit ereignende Abkehr von der Betrachtung kontrapunktischer Techniken, die im Ruf standen, spontanen Einfällen und natürlichen Prozessen zuwiderzulaufen, den Blick auf eine Art von Formgeschehen verdeckt, dessen Prozessualität sich der herkömmlichen Metaphorik von ›organischer Form‹ entzieht, obwohl es als musikalischer Funktionszusammenhang vollkommen intakt ist.

Die vier Artikel werden um vier Rezensionen ergänzt: Immanuel Ott bespricht Johannes Menkes Kontrapunk I: Die Musik der Renaissance (2015), ein weiterer Band in der von Felix Diergarten und Manuel Gervink herausgegebenen Reihe Grundlagen der Musik. In einer Doppelrezension wendet sich Ullrich Scheideler zwei Dissertationen zur Instrumentalmusik Joseph Haydns zu: Thomas Enseleins Der Kontrapunkt im Instrumentalwerk von Joseph Haydn (2008) und Christhard Zimpels Der kadenzielle Prozess in den Durchführungen. Untersuchung der Kopfsätze von Joseph Haydns Streichquartetten (2010). Hans Niklas Kuhn stellt den von Dániel Péter Biró und Harald Krebs besorgten Sammelband The string quartets of Béla Bartók: tradition and legacy in analytical perspective (2014) vor und Jan Philipp Sprick nimmt seine Rezension des von Felix Wörner, Ullrich Scheideler und Philip Rupprecht herausgegebenen Symposiumsberichts Tonality 1900 – 1950. Concept and Practice (2012) zum Anlass, Überlegungen zur unterschiedlichen inhaltlichen Ausrichtung von Musiktheorie und Musikwissenschaft dies- und jenseits des Atlantiks anzuschließen.

Michael Polth, Stefan Rohringer