Editorial

Die im vorliegenden Band versammelten Varia vermitteln einen lebendigen Eindruck von der Vielfalt des aktuellen musiktheoretischen Fachdiskurses. Ein Ensemble aus vier Fachartikeln, von denen einer eine Quellenedition enthält, und vier umfänglichen Rezensionen widmet sich musiktheoretischen Themen teils mit systematischem, teils mit historischem Schwerpunkt. Die dabei zur Sprache kommende Musik spannt einen Bogen über vier Jahrhunderte Musik- und Theoriegeschichte, der von intervallischen ›Complessi‹ bei Palestrina bis zur ›New Complexity‹ Brian Ferneyhoughs reicht. Hinzu tritt ein Bericht über den 15. Jahreskongress der GMTH 2015 in Berlin.

Roberta Vidic bietet auf der Grundlage akribischer Quellenstudien einen Einblick in die Harmonielehre des Padre Francesco Calegari (1656–1742), der seine systematischen Konzeptionen Anfang des 18. Jahrhunderts parallel zu Jean-Philippe Rameau, aber von diesem unabhängig, entwickelte. Im Zentrum des Beitrags stehen Beobachtungen zu Calegaris Abschrift und Einrichtung des Palestrina-Offertoriums Ad te levavi (heute aufbewahrt in der Autographen-Sammlung der Sing-Akademie zu Berlin). Roberta Vidics hieran anknüpfende theoriehistorische und -systematische Ausführungen wurden 2015 im Aufsatzwettbewerb der GMTH mit einem Preis ausgezeichnet.

Der Beitrag von Christoph Prendl präsentiert die erstmalige Edition einer Johann Joseph Fux zugeschriebenen Generalbasslehre, versehen mit einer detaillierten Einführung. Darin wird die Quelle in ihren historischen Kontext eingeordnet und so die in der Forschung traditionell anzutreffende Einschätzung relativiert und differenziert, wonach die Generalbasslehre im pädagogisch-theoretischen Konzept Fux’ eine gegenüber dem Kontrapunkt generell untergeordnete Position eingenommen habe. Der Artikel stellt mögliche Verbindungen zur Neapolitanischen Schule und zur zeitgenössischen Partimento-Praxis her, vergleicht in der Quelle behandelte Satzmodelle mit Ausschnitten aus Fux’schen Kompositionen und untersucht Verbindungen zu anderen zeitgenössischen Traktaten (Johann Baptist Samber, Matthäus Gugl).

Dem Aspekt der Zeitgestaltung widmet sich Ullrich Scheideler in seiner Untersuchung ausgewählter Lieder ohne Worte von Felix Mendelssohn Bartholdy. Vor dem Hintergrund traditioneller, im 18. und 19. Jahrhundert standardisierter Strategien der musikalischen Syntax und Formbildung führt Scheideler aus, wie Abschnittsgrenzen sich in Mendelssohns Kompositionen gewissermaßen ›verflüssigen‹ und so eine »Dynamisierung der Form« ermöglichen. Die dadurch eingeschränkte Vorhersehbarkeit des musikalischen Verlaufs, speziell seiner zeitlichen Dimension, wird in Scheidelers Darstellung als wesentlicher Aspekt und ›technisches‹ Korrelat zum romantischen Konzept des ›poetischen Tons‹ erkennbar.

Im Schnittfeld von Kompositions- und Theoriehistorie ist der Beitrag von Michael Koch angesiedelt. Analyse und ideengeschichtliche Kontextualisierung einer 1914 entstandenen Klavieretüde des russischen Komponisten Nikolai Roslawez zeichnen das Bild einer kompositorischen Avantgarde, die ihre theoretischen Prämissen und Errungenschaften nicht in Form verbaler Programme formuliert, sondern mithilfe von »Kompositionen demonstrativen Charakters«, sozusagen in unmittelbarer »ästhetischer Praxis«, modellhaft vorführt. In kompositorischer Hinsicht wird ein an Alexander Skrjabin geschultes Konzept ›proto-serieller‹ Tonhöhenorganisation nachvollziehbar. Auch dieser Forschungsbeitrag wurde im Rahmen des Aufsatzwettbewerbs der GMTH 2015 mit einem Preis bedacht.

Eine weitere, überragende Persönlichkeit der kompositorischen Moderne steht im Mittelpunkt der Rezension von Hans Peter Reutter, die zwei aktuelle Publikationen der Strawinsky-Forschung einer vergleichenden Betrachtung unterzieht. Deutlich wird dabei die Bandbreite möglicher Zielsetzungen innerhalb eines Forschungsbereichs, der derzeit hauptsächlich im US-amerikanischen Umfeld angesiedelt ist: Während in Gretchen Horlachers Buch Building Blocks: Repetition and Continuity in the Music of Stravinsky (2011) das Hauptgewicht auf der Entwicklung des analytischen Methodenrepertoires liegt, gilt das Interesse von Maureen Carr in After the Rite: Stravinsky’s Path to Neoclassicism (2014) der materialreichen Darstellung stilistischer Tendenzen an einem neuralgischen Punkt der kompositorischen Entwicklung Strawinskys.

Das bereits in Ullrich Scheidelers Artikel zu Mendelssohn Bartholdys Klaviermusik akzentuierte Thema musikalischer Zeitgestaltung ist zentral auch für Melanie Wald-Fuhrmanns Rezension des Buchs On Repeat: How Music Plays the Mind (2014) von Elizabeth Margulis. Das Phänomen der Wiederholung und das daraus gewonnene ästhetische Vergnügen werden darin zu Gegenständen eingehender Untersuchung, nicht nur unter musiktheoretischen Aspekten im engeren Sinn, sondern u.a. auch aus ethnologischer, philosophischer, psychologischer und kognitionswissenschaftlicher Perspektive. Einmal mehr erweist sich der hohe Gewinn einer Vernetzung musiktheoretischer Herangehensweisen mit Forschungsansätzen und -erkenntnissen von Nachbardisziplinen, wie sie in diesem Buch nach Auskunft der Rezensentin auf besonders hohem Niveau geleistet wird.

Ein Plädoyer für die Erweiterung musikanalytischer Fragestellungen über traditionelle strukturanalytische Interessen hinaus stellt Christian Utz’ Besprechung der umfangreichen Monographie Beyond the Score: Music as Performance (2013) von Nicholas Cook dar. In diesem Buch legt einer der wichtigsten Vertreter des ›performative turn‹, der in jüngerer Zeit vor allem im englischsprachigen Raum Impulse zu einer Reform musikanalytischer Prämissen gesetzt hat, so etwas wie sein ›summum opus‹ vor, in das die Ergebnisse aus zahlreichen Forschungsprojekten eingegangen sind. Mit Spannung darf erwartet werden, welche Auswirkungen auf das Fach Musiktheorie die Auffassung zeitigen wird, wonach sich Musik zum Objekt der Analyse nicht nur als verschriftlichter ›Text‹, sondern gerade auch in ihrer Eigenschaft als klingende, dabei vergängliche »real-time activity« eignet.

Auch Ulrich Kaisers Besprechung des Buchs Musikalische Analyse: Begriffe, Geschichten, Methoden (2014) thematisiert implizit die Zukunft des Fachs Musiktheorie. Das ambitionierte, höchst verdienstvolle Unternehmen dieser Publikation, die Vielfalt des musikanalytischen Methodenrepertoires unter ausbildungsrelevanten Aspekten zu sichten und für die hochschulische Lehr- und Lernpraxis zu erschließen, wird von Kaiser einer kritischen Beurteilung unterzogen, die auch die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Musiktheorie im Rahmen des akademischen Fächerkanons berücksichtigt. Zur Diskussion gestellt wird dabei nicht zuletzt die mit dem Fach Musiktheorie genuin verbundene Frage nach seiner Positionierung im Spannungsfeld zwischen didaktischer Orientierung und wissenschaftlichem Anspruch.

Beobachtungen des Autorenteams Elena Chernova, Katharina Thalmann und Benjamin Vogels zum 15. Jahreskongress der GMTH in Berlin runden den Band ab. Hierbei hat die Rubrik ›Berichte‹ ihren vorerst letzten Auftritt im Rahmen der ZGMTH: Aktuelle Veranstaltungsberichte finden sich in Zukunft auf der eigens dafür eingerichteten Website http://www.gmth.de/berichte.aspx.

Kilian Sprau, Felix Wörner