veröffentlicht / first published: 24/07/2015
zuletzt geändert / last updated: 19/02/2016

Editorial

Vor genau dreißig Jahren erschien in der Zeitschrift Die Musikforschung (Heft 3, Juli–September) der vielbeachtete Artikel »Zur Theorie der Instrumentation« von Carl Dahlhaus. Mit dem ersten Satz eröffnete der Autor eine Problemanalyse, die bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren hat: »Wagners Forderung, dass man die Instrumentation berücksichtigen müsse, um der modernen Harmonik des 19. Jahrhunderts – seiner eigenen also – gerecht zu werden, ist niemals eingelöst worden. Eine Harmonielehre, die zugleich eine Instrumentationslehre wäre, existiert nicht einmal in Ansätzen, weil die Tendenz zur Abstraktion, durch die sich die Harmonielehre als Theorie im emphatischen Sinne bewähren möchte, eine Verknüpfung mit anderen Disziplinen verhindert oder zumindest erschwert.« (Dahlhaus 1985, 161) Dahlhaus selbst unterbreitete in seinem Beitrag Vorschläge, wie der hohe Stellenwert, den die Instrumentation kompositorisch und ästhetisch seit Wagner erlangt hat, auch eine angemessene musiktheoretische Würdigung erfahren könnte. Aus der Zeit danach hat Tobias Janz in seiner Schrift Klangdramaturgie die bislang umfangreichste Studie dazu vorgelegt, wie die Bedeutung der Klangfarbe in den Musikdramen Wagners eine adäquate Berücksichtigung finden kann. Vier der fünf Artikel dieser Ausgabe gehen Fragestellungen zum Thema Instrumentation nach und knüpfen dabei teilweise an die Überlegungen von Dahlhaus und Janz an. Johannes Kohlmann zeigt an Beispielen aus Wagners Musikdrama Tristan und Isolde, wie bestimmte Techniken der Instrumentation Einfluss auf die harmonische Bedeutung von Zusammenklängen nehmen. Michael Polth führt Beispiele an, die die partielle Abhängigkeit der harmonischen Funktionen von der Instrumentation bereits in Kompositionen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts belegen. Manolis Vlitakis erläutert in einer detaillierten Studie, wie Mozart im Menuett der Sinfonie g-Moll KV 550 subtile Abstimmungen zwischen Formbau, Syntax und Instrumentation vornimmt. Jörn Arnecke schließlich widmet sich der Methodik der Instrumentation. Er berichtet von einem Instrumentationskurs, in dem die Studierenden eine (für das Fach) charakteristische Spannung erleben zwischen der Notwendigkeit, beim Instrumentieren nach handwerklichen Regeln zu handeln, und dem Ziel des Kurses, bei der Instrumentation eigenen Klangvorstellungen zu folgen. Dem Artikel über das Menuett aus der Sinfonie KV 550 an die Seite gestellt ist eine Analyse von Tihomir Popovic, in der er den antikisierenden Stil der zweiten Arie der Donna Elvira (aus dem Don Giovanni von W.A. Mozart) »im sozialen und dramaturgischen Kontext« deutet.

In der Rubrik Wettbewerb werden die Gewinner des GMTH-Aufsatzwettbewerbs aus dem Jahre 2014 vorgestellt. Sören Sönksen analysiert »bizzare« harmonische Wendungen in den Klaviersonaten C.Ph.E. Bachs, und Hannes Oberrauter berichtet ausführlich über den Formprozess in Vladimir Tarnopolskis Komposition Foucault’s Pendulum.

Weiterhin finden sich in dieser Ausgabe drei Berichte über die jüngsten musiktheoretischen Veranstaltungen: den Jahreskongress der GMTH in Genf (Stefan Fuchs, Hannes Oberrauter, Peter Tiefengraber und Benedikt Wagner), der SMT in Milwaukee/Wisconsin (Jan Philipp Sprick) und der MusicTalks in Luzern (Katharina Thalmann) sowie vier Rezension: Irena Holzer stellt die Notationskunde von Manfred Hermann Schmid vor, Birger Petersen berichtet über Jan Philipp Spricks Dissertation Die Sequenz in der deutschen Musiktheorie um 1900, Ullrich Scheideler hat sich mit der Dissertation von Felix Diergarten befasst (›Jedem Ohre klingend‹. Formprinzipien in Haydns Sinfonieexpositionen), und Tobias Janz rezensiert das Buch Erinnerte Musik. Der Ring des Nibelungen als Gedächtnistheater von Ariane Jeßulat.

Michael Polth