veröffentlicht / first published: 24/07/2015
zuletzt geändert / last updated: 19/02/2016

Manuscript Pages Related to the Gesangleiter from Joseph Riepel’s Baßschlüssel[1]

Stefan Eckert

NB. 41 Oktavbögen mit NB gezeichnet

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[Beispiel 1]

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[Beispiel 2]

Disc. Wenn man hier bey No. 1 währendem Streichen sich von jemanden auf der Violine hinten am Stege (oder dem sogenannten Sattel) eine Tobacksdose legen läßt, so hört man zum ersten untere ein tiefes h, zum zweyten ein tiefes c, und zum dritten ein tiefes g mitbrummen, so wie es nehmlich die darunter gesetzten Baßnoten andeuten. Es gibt also daß erste Viertel, sage der große Doppelgriff einen Sexquinten-Accord an, wenn anders alle Violinen die nehmliche Tugend besitzen wie die unsrigen. Wenn man hingegen bey No. 2 das obere C anstreicht, und das untere C (wie die Viertelnoten mit den Zwick-Vorschlägen anzeigen) währendem Streichen gesetzet, so vernimmt man zum oberen C einen Einklang […][2], und aber von dem tiefen C nichts. So man auf der Violine mit gewöhnlich-großen Bogenstrichen, und leisen Auflage der Fingern, einen jungen Flötenton und insbesondere auch, die man mit dem Bogen längst der A- oder D-Saite quer hinstreicht, das Canarien-Pfeiflein (Flageolet) nachahmt, so klingt dieß meist höher als solcher Flötenton.

Ich habe es dennoch gewagt Herrn Hansmichel um die Gründe so unterschiedenen Erklärungen zu bitten, [42] und er hatte die Gütte, mich Kraft seiner insbesonderen [Einsicht][3] zu versichern, daß die Ursache des Grundbasses bey Nº 1 in der Tobacksdose, der Einklang bey Nº 2 in den [geziemenden][4] Fingern, und der Unterschied der zwey Flageolets in dem Bogenstrich, und es folgte die Natur überall mit. Worauf er sich wieder zu[m] formiren [der] Rationalzahlen wandte.[5] Auch hier konnte ich nicht umhin, ihn zu fragen, wie es die merkliche Wirkung der dreyfachen Vibration, oder zitternde Bewegung, auf einer und der nehmlichen Saite seines Monochords deutlich beschreibe.

Von Tiefsinn überfallen wirft er, da er auf meine Frage gar nicht geantwortet mag haben, gleichsam schlummernd auf: Wir haben nur eine Tonart, nehmlich mit Terz major; maßen die Natur auf dem Monochord keine andere angibt.

Præc. Das war ein gewaltiger Schlummer! Auf solche Weise hätten die Dorier, Phrygier, und Aolier ganz und gar keine Tonart gehabt; da doch eine Tonart mit Terz minor heute noch (und zwar oft ohne einzige Tonwendung) eben so viel vorkommt fast als die mit Terz major.

Disc. Und wir hätten ja so nur eine Tonart mit Terz major, drum mit bloßen Dreyklängen des Monochords würde man wenig oder nichts ausrichten.

Præc. Ich glaube, es hat von Alters her ganz andrere Instrumente gegeben, den Umfang der Harmonie anzustimmen. Genug …

[43] Disc. Der Herr Capellmeister Monsberg sagt, das auf dem arabischen Instrument Rebaba [sic] [6], wohl es sich unter dem Nahmen Brumeisen oder Maultrommel bekannt ist, sich alle Intervalle äußern, wenn man mit verschiedenen sage den Zähnen und Lippen nur piano untersuchst.

Præc. Genug, das sich die Natur unserem Gehöre doch in so weit offenbart: welcher Musik es keine Tonart Terz minor erkennet, das ist geißtvoll genug.

Disc. Ich muß dir hierbey gerad wol recht eröffnen: Die Herrn Hansmichel, Vallenthaler und Urbstädter pflegen sich auf heimlich mit einem neuen System oder Baßsatzen zu unterhalten, also welches System aus Büchern wenngleich [es] erst etlich und zwanzig Jahre bekannt ist.

Præc. Ich weiß, es hat auch in unserem Teutschland ein großer und um die Musik verdienstvollen Meister davon geschrieben, vermutlich aber nocht nicht Zeit und Gelegenheit gehabt, den dadurch zu solchen Nutzen zu erklären, oder ich bin unfähig, seine bisherigen Erklärungen einzusehn. Sie, die Herrn Systematicker brauchen meines Wissens nur 3. Noten um die gantze Baßleiter zu erläutern, z. Ex in der Tonart C: [44]

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[Beispiel 3]

Disc. Das sind ja eben die 3. Intervalla zum [Schnurren]basse[7], wovon vermittelst hiervon bemerkter Doppelgriffe auf der Violine …

Præc. Dieße muß man sich als 3. leere Saiten vorstellen. Nun ist bekannt, daß sich leere Saiten auf dem Monochord selbst dem Grundton noch eine Quinte und Terz hören läßt. Ich will sie zwar nicht so zerstreut, wie sie auf dem Monochord lauten, sondern eng beysamem bringen, z. Ex.

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[Beispiel 4]

Zwischen der Tiefe und Höhe ist bekanntermassen hier keine Unterschied. Es versteht sich also, daß diejenigen Noten, so du hier zum deutlichen Unterschied als untere Noten siehst, überall schon im Grundton stecken, dafür werden sie auf (vom Grundton) abstammende Noten genannt. Es sind aber nicht alle hier angewandten als abstammende nothwendig die Baßleiter auszufüllen, sondern es werden deren nur 4 davon dazu gebraucht, wohl in gegenwärtiger C-Leiter e, a, h, d sind, oder durch die willkürliche Versetzung der Ordnung zuliebe d, e, a, h, z. Ex. [45]

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[Beispiel 5]

beym H, nehme ich, indem es ebenfalls willkürlich ist, nicht die obere sondern, daß mittlere d, so hast du endlich bey (N) die ganze Leiter in Ordnung vor Augen. Das obere C bey ☩ is nur um die Leiter von dem unteren C, sage von einem Grundton bis zum andern zu ergänzen.

Disc. Abstammend sind also der Secund-Terz-Sext und großer Septime Sprung; es mögen Noten und Taktarten sein wie sie wollen, z. Ex.

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[Beispiel 6]

Welch wesentlicher Unterschied ist aber zwischen Abstammenden und Grundnoten?

Præc. Es werden die Abstammenden eines theils nur die Mittelstimmen gleich gerechnet, weil, wenn man sie mit den Grundnoten begleitet, fast ein ordentlicher Gesang damit formirt kann werden, wie im hierig letzten Beyspiel bey (O) weiter anzumerken ist.

Disc. Das ist folglich; denn mit den Grundnoten läßt sich nicht minder ein Gesang formiren und von den Abstammenden begleiten; so zu sagen, das die Grundnoten zu Abstammenden und die Abstammenden zu Grundnoten werden, z. Ex.

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[Beispiel 7]

[46] Diesen Augenglick erinnern mich die Grundnoten samt ihrer Abstammenden an etwas. Ich setze sie noch einmal her:

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[Beispiel 8]

Ich nehme bey P die Grundnote C weg, und setze anstatt dessen oben eine Terz h dazu, so zeigt mir der dadurch enstehende Accord, wie bey S zu sehen, die Tonart E Terz minor an, und vermittelst dieser Versetzung läßt mir Q die Tonart A bey T sehen, und R die Tonart h bey U. Wäre dies nicht auch ein neues System?

Præc. Diese Einbildung ist so lässig als Vergeblich. Ich halte sie somit den übrigen Systemen, weiter der Mühe werth, die alle tausend Mischklänge zu erklären.

Wie weit eine weibliche von einer männlichen Tonart abstammt, ist dir aus dem 2ten Cap: u.s.f. bekannt.

Disc. Nun so erkläre mir nur den Nutzen, welchern man aus dem Unterschied der 3. Grund- und 4 Abstammenden Noten zur Composition verlanget.

Præc. Ich weiß keinen. Vielweniger hat sich jemals ein großer Meister darum bekümmert.

[47] Disc. Jetzt gestehe ich dir erst, daß sich der Herr Vallenthaler ungemein ergötzete, wenn er von einem Hasse, Jommelli, Graun, Galuppi, Leo, Pergolese, u.s.m. Meisterstücke zu hören bekommt, die er durchführt um die abstammenden von den Grundnoten zu unterstreichen. Ein sicherer Systematiker in Opolisburg hat einem Liebhaber gar versprochen, ihm das Componieren in wenig Wochen beyzubringen. Dieser braucht es zwar nicht, jener hätte es aber sicher nötig gehabt. Dein Großthun hätte bey mir selbst bald einiges zutrauen erweckt. Er sagte unter anderm, daß die nur bloß auf Grundnoten bestehenden Bässe Pracht und Alterthum anzeigten, und es liebte sich den Gesang darüber am bequemsten Terz- oder Sextweise setzen, als wovon er mir auf einem seinigen kleinen Trio folgend Gleichniß komponiert:

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[Beispiel 9]

Præc. Dießer Bass lautet vorzüglich sehr alt; und es sind die alten Bäße mein Tages nicht zu unterhalten. Anbei ich fühle bey diesen Beyspielen nur nichts Prächtiges.

[48] Disc. Mir gefällt weder der äußere Gesang noch der Baß. Ich weiß wohl, daß man sich mit dem Basse insgemein nach dem Gesang – aber manchmals doch auch mit dem Gesang nach dem Baß richtet; sie müssen sich nehmlich beide immer miteinander verstehen. Wenigstens könnte der hier systematische Baß an und für sich singbar seyn, wenn gleich keiner mehr als Grundnoten dazu genommen werden, z. Ex.

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[Beispiel 10]

Præc. Es lassen sich hierinnen keine unwandelbaren Regeln entwerfen. Was für ein Unterchied ist nicht zwischen folgenden zwey Beyspielen:

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[Beispiel 11]

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[Beispiel 12]

No. 1 ist gut; ich nehme also nun die Versetzung, nehmlich No. 2, weil da der Baß gar nicht grundmäßig lautet, sondern vielmehr die Bässe [d]es äußeren Gesangs einnimmt, oder höchstens eine Mittelstimme gleicht*. Jedoch kenne ich einen ziemlich weit

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*Ich will zwar nicht richten. Mir ist nur der überflüssige Gebrauch davon zuwider. Denn manchmal dafür erstlich solche Noten [benutzt][8].

[49] berühmten Componisten der dergleichen junge Bässe liebt, und in seinen Nutzen immer mit darunter anzubringen sucht. Er schreibt folglich nichts bloß für diejenigen, so keinen Gefallen daran haben. Hast du nun genug, so wollen wir nehmlich weiter gehen.

* * *

Disc. Nun, wie wolltest drum du einem Anfänger ungefehr rathen, den Baß zum Gesang zu setzen?

Præec. Manchen ist nicht den Anfang gemacht, habe ich dir mein bedencken eröffnet als wir das erste Capitel vorgenommen. Du weißt, daß ich zur Composition keinen Meister hatte; hingegen von Jugend an immer Musiken zu hören bekam. Ich formirte mir bald damals, verschiedene Baßweisen, diese nahm [ich] für maßhaft und gleichsam für bekannt an, um dadurch einigermassen hinter die Schliche bewährter Praktiker zu kommen; ich hatte auch manchmal wirklich das Glück es rasch zu errathen.

Disc. Ein solchen Baßleiter wird ja von den Lateinern eben ein Systema genannt; und sie sinnen auch jeder für sich bezügliche definitiones dazu aus.

Præc. Du mit deinem Systema! Du merkst ja, daß wir auch mit Untersuchungen, Anmerkungen, solchem u.s.f. zur genüg unterhalten können.

[50] Disc. Also zum Werck! Im vorigen Capitel habe ich die Generalbaßleitern ein wenig kennen lernen. Die hiervorige des Hrrn. Hansmichels mit Abstammenden und Grundnoten kann man vielleicht eine Begleitungsbaßleiter heissen …

Præc. Und jetzt kömmt noch die Gesangleiter dazu. Es stehen aber alle drey dergestalt in Verwandtschaft, daß eine ohne Gegenhaltung der andern sich nicht weit hinaus wagt.

Disc. Ich werde ohnehin bald glauben, daß die Musik überhaupt ein ganzer Zusammenhang sey. Daher eröffne mir diese Gedanken über die Baßleiter, ich setze sie mit Gewalt noch einmal her:

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[Beispiel 13]

Præc. In dieser Tonart ist die Note C folglich eine Grundnote, weil der Gesang insgemein damit angefangen und geendigt wird. Hierauf unterbricht sie die Note G, weil sie zu einer vollkommenen Cadenz notwendig ist. Die Note F besorgt die Amen-Cadenz so wie im 5ten Cap. S. 56 die fünferley Cadenzen zu sehen sind. Dafern dieser zufälligen [einzighaften][9] halte ich in den Leitern von unter bis oben aber Noten für Grundbaßmässig massen noch noch verschiedenen Umständen bald dieser bald jener sprungweise selbst, so daß nur das Gehör unterscheiden und mässen kann; und um so weniger dencke ich jemals an eine abstammende Note.

[51] Inzwischen weiß ich nicht, ob man Noten des Tenors, wenn er bißweilen die Stelle des Baßes vertritt, Grundbaßmässig erinnern kann. Ich habe zwar meist gar folgenden Discantbaß gehört.

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[Beispiel 14]

Die erste Violine füllte aus, und die zweyte hatte diesen jugendlichen Baß mit dem Organisten. Es lautet sehr artig und formal. Aber die vollstimmigen Beyspiel. Jetzt kommt es auf ein aufmerksames Ohr an. Du weißt, daß 1) der Einklang, 2) die Octave, 3) die Quinte, 4) die Terz, 5) die Sext Consonancen sind.

NB Hier mag mancher die Intervallen lieber doch also vom Gesang hinab als vom Baß hinauf zählen. Nun muß jede wesentliche Note des Gesangs zum wenigstens von einer aus diesen fünf Consonanzen begleitet werden, drum es wäre gräulich wenn vermittelst des Baßes Dissonanzen zu hören stünden, z. Ex.

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[Beispiel 15]

[52] Hiervon sind aber die erlaubten Dissonanz-Bindungen, Dissonanz-Vorschlägen, die verwechselten und durchgehenden Noten und harmonischen Variationen nicht zu rechnen; denn dieße werden mit guter Vorbedacht gesetzt, gefiedelt, oder gesungen, und hierauf allezeiten in Consonanzen oder wesentlichen Noten gelöset.

Disc. Daß weiß der Peterl selbst. Und von den Schlüßen die währendem Gesang im Basse etwa vorkommen, ist für dießmal nichts zu erinnern. Also können die besagten fünf Consonanzen (außer Anfang und Ende) nach belieben wahlweise gesetzt werden und hiermit weiß man den ganzen Vortheil zum Basse! Hier doch, ich will und muß sichtbar Beispiele haben. Lieber will ich dem Herrn Hansmichel zu gefallen, den allen Baß hersetzen, z.Ex.

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[Beispiel 16]

Hier fangen Tenor und Baß im Einklang an, herauf folgt… aber halt, ich nehme zur Gesangleiter den Violinschlüssel zugleich hübsch in die Höhe und mehrentheils sichtbar, z. Ex.

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[Beispiel 17]

Notes

1

British Library (Anton Bachschmidt) [Add. 31034] fol. 71a-76b, pp. 41–52. A note concerning the transcription: Any words in square brackets are words that are either difficult to read or missing in the manuscript, any ellipsis in square brackets indicates that I left out words from the manuscript. In each case, I explain the exact cause in a footnote. I have preserved all idiosyncratic spellings and punctuation and underlined words as they appear in the manuscript. Also, since the page numbers appear prominently on the center top of every page, I have also given them a prominent position.

2

The three words after “Einklang” read “glück sind auflagen,” which does not seem to make much sense in this context.

3

“Einsicht” is not completely readable.

4

“geziemenden” is not completely readable.

5

Neither “zum” nor “der” are in the manuscript, but they help to clarify the sentence, which reads: “Worauf er sich wieder zu formiren Rationalzahlen wandte.”

6

While John Wright’s article Grove article, “Jew's harp,” provides a number of “(Lat. crembalum; Fr. guimbarde, trompe de Béarn; Ger. Brummeisen, Maultrommel; It. ribeba, scaccia pensieri; Sp. trompa),” Rebaba is not one of them; in addition, he clearly indicates that it is not an Arabic instrument. However, “in Iraq the Gypsies, or kawlīyya, perform on the drum and shawm (ṭabl wa zurna) in addition to the spike fiddle (rebāba)” (Wilkinson, “Gypsy music”). Though this is not the Brummeisen or Maultrommel to which Riepel is referring.

7

The first part of the word is not completely readable.

8

“benutzt” is not completely readable.

9

“einzighaften” is not completely readable.

Sources

Wiener, Oliver. 2003. ‘Ein ganzes Duzend Manuductionen’ – Joseph Riepels Desintegration der Gradus ad Parnassum von Johann Joseph Fux. (= Jahresgabe 26 der Johann-Joseph-Fux-Gesellschaft), Graz.

Wilkinson, Irén Kertész. “Gypsy music.” Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press. http://www.oxfordmusiconline.com/subscriber/article/grove/music/41427

Wolf, Eugene K. 1981. The Symphonies of Johann Stamitz: A Study in the Formation of the Classical Style, Hague and Boston: Maninus Nijhoff.

Wright, John. “Jew’s harp.” Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press. http://www.oxfordmusiconline.com/subscriber/article/grove/music/14300

——. 1786. Baßschlüssel, das ist, Anleitung für Anfänger und Liebhaber der Setzkunst, die schöne Gedanken haben und zu Papier bringen, aber nur klagen, daß die keinen Baß dazu zu setzen wissen, Regensburg: Johann Kaspar Schubarth.

——. 1996. Sechstes Capitel vom Contrapunct. Edited by Thomas Emmerig. Joseph Riepel, Sämtliche Schriften zur Musiktheorie. Vol. I, Wien: Böhlau, 527–634.