Grußwort

Johannes Menke

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude und Ehre, Sie zu diesem Festakt begrüßen zu dürfen! Die Gesellschaft für Musiktheorie wird 10 Jahre alt, das ist kein hohes Alter – im Falle einer Hochzeit würden wir von der ›Rosenhochzeit‹ sprechen – aber es ist ein Jubiläum, das sich lohnt, begangen zu werden und das zu einem Rückblick einlädt.

Vor 10 Jahren war die Situation unseres Faches noch eine ganz andere. Musiktheorie wurde an Hochschulen und Konservatorien in unterschiedlichen Lokaltraditionen betrieben und war an Universitäten – wie heute meist immer noch – ein nur propädeutisches Fach. Ein fachlicher Austausch fand – abgesehen von der 1986 gegründeten Zeitschrift Musiktheorie – kaum statt. Gleichwohl war schon seit den 1970er Jahren weltweit ein gewisser Aufschwung des Faches Musiktheorie zu beobachten. Ich möchte das anhand zweier Entwicklungen verdeutlichen: Der Gründung musiktheoretischer Gesellschaften und der Reflexion der Fachgeschichte.

1977 wurde in der Vereinigten Staaten die Society for Music Theory gegründet. Im selben Jahr wurde in Deutschland die von Frieder Zaminer herausgegebene und nach wie vor einzigartige Reihe Geschichte der Musiktheorie initiiert. Die erste European Music Analysis Conference, kurz EuroMAC, 1989 in Colmar war Anlass für die Gründung der französischen Société Française d’Analyse Musicale sowie der italienischen Gruppo Analisi e Teoria Musicale. Es folgte 1999 die holländische Vereniging voor Muziektheorie sowie 2002 die englische Society for Music Analysis. Im selben Jahr erschien das angelsächsische Standardwerk The Cambridge History of Western Music Theory. Man muss die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Musiktheorie im Jahr 2000 in diesem internationalen Kontext sehen. Dies mindert nicht die visionäre Weitsicht und den Mut, der in dieser Gründung lag. Es war sicherlich eine richtige und überfällige Entscheidung, das nationale Attribut 2004 fallenzulassen, um die Gesellschaft für Musiktheorie als Vertretung der deutschsprachigen Musiktheorie zu etablieren.

Die GMTH wuchs und gedieh rasch. Inzwischen zählt sie ziemlich genau 300 Mitglieder aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, den europäischen Nachbarländern und Übersee. Dieser Erfolg ist den umsichtigen Entscheidungen und dem Einsatz all derjenigen zu verdanken, die sich für die GMTH engagierten und engagieren. Stellvertretend für alle Vorstandsmitglieder, Herausgeber, Kongressleiter, Hochschulvertreter, Autoren, Kongressteilnehmer und Mitglieder möchte ich hier die Namen meiner beiden geschätzten Vorgänger Michael Polth und Stefan Rohringer nennen, die mit viel persönlichem Engagement und Hingabe an die Sache Strukturen geschaffen haben, auf denen wir heute stehen und weiter aufbauen können. Dass beide ihre Arbeit weiterhin fortsetzen, freut mich ganz besonders.

Ich möchte die Gelegenheit nicht dazu nutzen, in einer Art Nabelschau alle Aktivitäten unserer Gesellschaft aufzuzählen. Ich möchte aber zumindest auf zwei Dinge hinweisen, die mir besonders wichtig sind: Erstens: Dank des unermüdlichen Einsatzes unserer Herausgeber haben wir mit der Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie, kurz ZGMTH, ein im deutschsprachigen Raum einzigartiges Publikationsorgan, sowohl online als auch im Druck, wie es unserem Fach angemessen ist. Dies ist für das Selbstverständnis aber auch für die fachpolitische Position der Musiktheorie unerlässlich. Zweitens: Die GMTH hat sehr viele junge Mitglieder, gut die Hälfte der in diesem Jahr Beigetretenen sind unter 30 Jahre alt. Ich denke, es ist für uns alle eine ganz wichtige Aufgabe, diesen Nachwuchs so gut wie möglich zu fördern.

Wir, der Vorstand der GMTH, haben zusammen mit der Kongressleitung lange überlegt, wie wir das Jubiläum begehen wollen. Die Entscheidung, wer im Rahmen des Festaktes sprechen soll, ist uns nicht leicht gefallen. Viele hätten etwas Wichtiges zu sagen! Wir haben schließlich entschieden, dass zwei Dinge im Zentrum der Reden stehen sollen: zum einen die Gründung der GMTH vor 10 Jahren und zum anderen die Veränderungen, die durch diese Gründung herbeigeführt worden sind. Daher sprechen drei ›Gründerväter‹ der GMTH, die lange im Vorstand und als Herausgeber tätig waren bzw. sind: Oliver Schwab-Felisch, der unsere Zeitschrift maßgeblich begründet hat, Michael Polth, unser erster Präsident, sowie Ludwig Holtmeier, Veranstalter des Gründungskongresses der GMTH in Dresden 2001 und des ersten EuroMAC auf deutschem Boden 2007 in Freiburg. Um die Veränderungen, welche die GMTH in der Musiktheorie bewirkt hat, zu reflektieren, haben wir ferner drei renommierte Vertreter unseres Faches um einen Beitrag gebeten, die am Ende ihrer Lehrtätigkeit auf mehrere Jahrzehnte Fachgeschichte zurückblicken können. Sie haben die GMTH von Anfang unterstützt und waren immer dabei: Clemens Kühn, Professor an der Hochschule für Musik Dresden, Hartmut Fladt, Professor an der Universität der Künste Berlin und Markus Jans, Professor an der Schola Cantorum Basiliensis.

Mindestens ebenso schwierig wie die Auswahl der Redner war die Festlegung der Reihenfolge! Die Entscheidung, die Redner nach ihrem Geburtsjahr antreten zu lassen, erschien objektiv und nachvollziehbar; man verzeihe die kleine Indiskretion!

Mir bleibt nun, uns einen facettenreichen und bunten Festakt zu wünschen und unserer Gesellschaft zuzurufen: Vivat, crescat, floreat!