Editorial

Ursprünglich war diese Sonderausgabe der ZGMTH als Bericht über das von den Herausgebern konzipierte Symposion »Hugo Riemann in Leipzig. Eine Bilanz und Perspektiven nach 100 Jahren« geplant, das am 2. Oktober 2008 im Rahmen des Internationalen Kongresses der Gesellschaft für Musikforschung an der Universität Leipzig stattfand.[1] Die dort gehaltenen Referate und die abschließende Podiumsdiskussion berührten in erster Linie fachgeschichtliche und institutionelle Fragestellungen, führten in der Folgezeit aber zu einer Reihe von Anschlussdiskussionen, die es sinnvoll erscheinen ließen, das Themenspektrum der Publikation zugunsten einer breiteren Reflexion über das Verhältnis von Musiktheorie und Musikwissenschaft zu erweitern. Daraus entstand schließlich die nunmehr vorliegende Ausgabe mit dem Titel »Musiktheorie | Musikwissenschaft. Geschichte – Methoden – Perspektiven«.

Die Musiktheorie steht in fachwissenschaftlicher Hinsicht wie keine andere Disziplin der Musikforschung zwischen den historischen, systematischen und ethnologischen Teildisziplinen und hinsichtlich ihres primären Betätigungsfeldes, des Unterrichts an Musikhochschulen, zwischen Wissenschaft, Pädagogik und künstlerischer Praxis. In letzter Zeit entwickelt sich die deutschsprachige Musiktheorie mit der Ausbildung eines wissenschaftlich anschlussfähigen Profils zunehmend in eine Richtung, die im Hinblick auf das Verhältnis von Musiktheorie und Musikwissenschaft in den USA seit über 30 Jahren Normalität ist. Angesichts vielfältiger Überschneidungen mit der Musikwissenschaft und deren Teilgebieten scheint es an der Zeit, die gegenseitige Wahrnehmung zu schärfen und die Kommunikation zu verbessern.

Die Konzeption der vorliegenden Sonderausgabe ergab sich aus Fragen nach den erkenntnistheoretischen Grundlagen beider Disziplinen und nach dem wissenschaftstheoretischen Status ihrer Forschungsmethoden. Den Herausgebern kam es darauf an, Beiträge von Personen zusammenzubringen, die sich durch ihr Forschungsinteresse, ihre Ausbildung oder institutionelle Anbindung in den Grenzbereichen beider Disziplinen bewegen. Dadurch, dass auch Autoren aus dem englischsprachigen Ausland gewonnen werden konnten, wird bewusst über den deutschsprachigen Kontext hinausgegangen, denn nicht nur zum interdisziplinären, sondern auch zum internationalen Gedankenaustausch soll mit dieser Sonderausgabe angeregt werden.

Sämtliche Beiträge fragen explizit oder implizit nach der Spezifik des Theoriebegriffs der Musiktheorie wie auch nach der Möglichkeit, das Fach stärker als bisher für musikethnologische, musikpädagogische, phänomenologische und wissenschaftsgeschichtliche Fragestellungen zu öffnen.

Einleitend beleuchten die Beiträge von Benjamin Steege und Aaron Girard aus einer wissenschaftsgeschichtlichen Perspektive das öffentliche Wirken von Hermann von Helmholtz und die Entwicklung des Music Departments der Princeton University als wichtige Stationen in der neueren Geschichte der Musiktheorie.

Albrecht Schneider, Hermann Danuser und Verena Weidner nähern sich aus unterschiedlicher Perspektive dem Verhältnis der Musiktheorie zur historischen und systematischen Musikwissenschaft sowie zur Musikpädagogik. Während Schneiders Beitrag mit der musikalischen Grundlagenforschung eine Tradition musiktheoretischen Denkens in den Blick nimmt, die im Zuge der verstärkten Orientierung auf die Analyse individueller Werke immer stärker in den Hintergrund gedrängt wurde, problematisiert Hermann Danuser das alle musikologischen Teilgebiete umfassende Œuvre Hugo Riemanns vor dem Hintergrund der ästhetischen Moderne. Verena Weidner untersucht aus systemtheoretischer Perspektive die ›Resonanzprobleme‹ zwischen Musiktheorie und Musikpädagogik und stellt damit der Musiktheorie eine Disziplin gegenüber, die sich vom Status einer musikologischen Teildisziplin schon vor langer Zeit erfolgreich emanzipieren konnte und gleichwohl – aufgrund ihrer zentralen Stellung in der Lehrerbildung – enge fachliche und institutionelle Überschneidungen sowohl mit der Musiktheorie als auch mit der Musikwissenschaft aufweist.

Die im gegenwärtigen deutschsprachigen musiktheoretischen Diskurs verbreitete historische Orientierung nimmt Jan Philipp Sprick zum Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Verhältnis von Musiktheorie und historischer Musikwissenschaft. Der Methodologie der Analyse und damit demjenigen Bereich, der sowohl von der Musikwissenschaft als auch von der Musiktheorie als ein zentrales Betätigungs- und Forschungsfeld gesehen wird, widmet sich Oliver Schwab-Felisch im Kontext einer exemplarischen Analyse eines Haydn-Menuetts. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach Möglichkeit und Notwendigkeit der Kombination heterogener Analysemethoden.

Die Beiträge von Christopher Hasty und Tobias Janz reflektieren die Herausforderungen, die durch die klangliche Realisierung von Musik an die Musiktheorie gestellt werden. Während Hasty den Versuch unternimmt, musikalische ›Experience‹ theoretisch zu fassen und vor dem Hintergrund von Zeit und Prozess das kreative Potenzial musikalischer Erfahrung herauszuarbeiten, fragt Janz nach Anwendungsgebieten einer phänomenologischen Musiktheorie im Bereich der Qualia und des Performativen.

Die Texte von Adam Krims und Tobias Robert Klein schließlich stehen für das interdisziplinäre Potenzial musiktheoretischer Fragestellungen. Für eine Analyse der Verbindungen stilistischer Entwicklungen in der historischen Aufführungspraxis wählt Adam Krims einen kontextorientierten Ansatz, dem ein entsprechend weiter – für die britische Musikforschung aber nicht ungewöhnlicher – Theoriebegriff zugrunde liegt. Krims’ Bezugswissenschaft ist die im Hinblick auf Musik noch junge Disziplin der ›Urban Studies‹. Am Beispiel eines satirischen Songs aus Accra/Ghana diskutiert Tobias Robert Klein grundsätzliche Fragen nach der Notwendigkeit der Verbindung kultureller, historischer und (natur)wissenschaftlicher Kompetenzen zur Überwindung der von ihm konstatierten fehlenden Verbindung zwischen kontextorientierter Ethnomusikologie und textbasierter Musiktheorie.

Dass es bei einem derartigen Projekt nicht um Vollständigkeit gehen kann und manch aufschlussreiche Querverbindung zwischen einzelnen Beiträgen eher zufällig als intendiert ist, liegt in der Natur der Sache. Gleichwohl werden hier vielversprechende Forschungsansätze zusammengeführt, die die Vermittlung zwischen Systematik und Geschichtlichkeit, zwischen physikalischer Akustik und Phänomenologie oder zwischen Ethnologie und Strukturanalyse musiktheoretisch fruchtbar zu machen versuchen. Damit verfolgt diese Sonderausgabe ein doppeltes Ziel: Geht es auf der einen Seite um die Klärung inhaltlicher und methodischer Differenzen zwischen den einzelnen Disziplinen, so auf der anderen Seite um ein Plädoyer für deren methodisch reflektierte Überwindung dort, wo es geboten scheint.

Tobias Janz, Jan Philipp Sprick

Anmerkungen

1

Wir danken der Fritz-Thyssen-Stiftung für Wissenschaftsförderung an dieser Stelle noch einmal für die großzügige Unterstützung des Symposions.