Editorial

Scheinbare Selbstverständlichkeiten klingen meist banal, aber es ist wichtig, sie sich gelegentlich zu vergegenwärtigen, weil man ihre Konsequenzen oft genug aus den Augen verliert: Musiktheorie umschließt Forschung und Lehre. Sie ist eine künstlerisch-wissenschaftliche Disziplin und zugleich Unterrichtsfach. Das Unterrichten allerdings ist unser tägliches Brot. Unter Theoretikern spiegelt sich das jedoch kaum: Ihr Austausch findet durchweg auf fachlicher Ebene statt, nicht in pädagogischen Fragen. Oliver Schwab-Felisch ist darum nachdrücklich für seine Anregung zu danken, hier ›Musiktheorie lehren‹ zum Thema zu machen.

Auf zwei Wegen sucht das vorliegende Heft Annäherungen. Der erste Teil enthält eine entsprechende Umfrage an den deutschen Musikhochschulen; ihr schließt sich mein Versuch an, wesentliche Ergebnisse herauszuziehen und übersichtlich darzustellen Die Umfrage liegt einige Zeit zurück, weil für das vorliegende Heft zunächst ein früherer Erscheinungstermin vorgesehen war; den beteiligten Hochschulen wurde aber zum jetzigen Zeitpunkt die Möglichkeit angeboten, ihre Stellungnahmen aus dem Jahr 2008 zu aktualisieren.

Der zweite Block bringt vier Aufsätze. Sie haben direkt oder mittelbar mit der Lehre zu tun: Johannes Menke stellt sich mit seinen Überlegungen zu einem »Kanon in der Musiktheorie« einer ebenso zentralen wie offenbar unerwartet brisanten Frage. Konstanze Franke geht mit »Gedanken zu einer anderen Modulationslehre« einem heiklen Lehrgegenstand nach. Stephan Lewandowski (»›Fallende Quintanstiege‹ – Ein Modellversuch«) und Anno Schreier (»›Kollision‹ und ›Verschiebung‹ – Satztechnische Modelle in Liedern Robert Schumanns«) treffen durch ihre Ausrichtung auf satztechnische Modelle einen wichtigen Strang gegenwärtiger Lehre.

Eine in Vorworten gängige Redewendung, die Veröffentlichung könne das Thema »natürlich niemals erschöpfend behandeln, weil…«, greife ich hier voller Überzeugung auf: Dieses Heft ist ein Anfang, keine abschließende Verkündigung. Wäre es nicht geboten, ›Musiktheorie lehren‹ einmal zu einem Kongress-Thema der GMTH zu machen?

Clemens Kühn