Grußwort

Die GMTH trat bei ihrer Gründung im Sommer 2000 mit dem Ziel an, einen umfassenden und dauerhaften Dialog zwischen den Fachvertretern der Musiktheorie innerhalb Deutschlands und über die Grenzen unseres Landes hinaus zu initiieren. Der Dialog sollte alle Dimensionen betreffen, mit denen das Fach zu tun hat: die Musiktheorie als wissenschaftliche Disziplin, die Lehre, die Stellung des Fachs an den Hochschulen, die Organisation des Fachs und die bevorstehende Umstellung auf BA/MA, das Verhältnis zu andern verwandten Fächern wie Musikwissenschaft und Musikpädagogik.

Nur durch einen umfassenden Dialog schien es uns möglich, die Musiktheorie in Deutschland auf lange Sicht zunächst fachlich und dann auch politisch zu stärken.

Zwei Foren waren als Ort des Austauschs von vornherein angedacht: die Kongresse und die Zeitschrift. Nach den Kongressen in Dresden 2001 und München 2002 wurde im Jahre 2003 die Zeitschrift als zweites Forum eröffnet. Aus vier Gründen scheint der Austausch wichtig:

1. In der Musiktheorie hatte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ein Lehrkanon für Harmonielehre und Kontrapunkt herausgebildet, der mit einer gewissen Eigendynamik – und weitgehend abgekoppelt von der kompositorischen Praxis – besagte, was satztechnisch richtig ist, und man konnte sich leicht einbilden, mit einem begrenzten Repertoire von Satzregeln im sicheren Besitz wahrer Kenntnisse zu sein (zumindest konnte man als Lehrer so handeln). Inzwischen sind – durch die Berührung mit der historischen Musikwissenschaft und durch die wachsende Bedeutung der Werkanalyse – derartige Gewißheiten – sollte es sie je gegeben haben – dahin. Heutzutage lebt das Fach nicht von der althergebrachten Substanz der satztechnischen Regeln, sondern davon, daß es sich neue Felder und bekannte Felder auf neue Art erschließt. Diese Expansion der Fachinhalte wird durch den Austausch unter den Fachvertretern unterhalten und bedarf eben dafür einer Plattform.

2. Obwohl die Musiktheorie seit ihren ehrwürdigen Anfängen mit der Schriftlichkeit wesentlich verbunden war, weil zu ihren Aufgaben die Reflexion gehörte, kam ihr seit dem 19. Jahrhundert diese Schriftlichkeit zunehmend abhanden oder beschränkte sich auf vermittelnde Texte, d.h. auf Lehrbücher. Die genuin fachliche Auseinandersetzung überließ die Musiktheorie hingegen mehr und mehr der Musikwissenschaft. Auch wenn seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in einigen Zweigen der Musiktheorie ein umgekehrter Prozeß zu beobachten ist, so gilt doch, daß die Musiktheorie der Tendenz nach didaktisch verarbeitet, was sie sachlich von der Musikwissenschaft empfängt. Der Verlust einer genuin fachlichen Auseinandersetzung geht zwangsläufig mit einem Verlust der fachlichen Substanz einher. Für zentrale Fragen wie die, was eigentlich unter einer harmonischen Funktion zu verstehen sei, was ein metrischer Schwerpunkt im 17., 18. oder 19. Jahrhundert gewesen ist usw., fühlen sich Musiktheoretiker heute kaum noch zuständig. An didaktisch begründeten Ausreden, mit denen man sich vor den Fragen drücken kann, herrscht dabei kein Mangel: „So genau müssen wir die Sache nicht verstehen, im Unterricht kommt so etwas gar nicht vor.“ Man kann allerdings mit guten Gründen der Meinung sein, daß bei demjenigen, bei dem die Vermittlung liegt, auch die Sachkompetenz liegen muß. Die Aufarbeitung der Sachfragen kann jedoch nicht ein Einzelner, sondern nur das Fach gemeinschaftlich erbringen.

3. Professionalität im Fach Musiktheorie setzt heute Professionalität in der Vermittlung voraus. Längst hat die Musikpädagogik gezeigt, daß sich ein erfolgreicher Unterricht nicht aus der Struktur des Lerngegenstandes ergibt, daß also ein kompetenter Musiktheoretiker nicht wegen seiner Fachkenntnisse alleine schon unterrichten kann. Die Auseinandersetzung mit der Musikpädagogik und ihren Interessen ist für die Musiktheorie zentral.

4. Musiktheoretische Zeitschriften bilden bei unseren europäischen Nachbarn seit Jahren oder Jahrzehnten eine Institution, die sich bewährt hat. Sie fördert dort nicht nur den Austausch zwischen den Mitgliedern, sondern stellt die Diskussion auch einem internationalen Publikum zur Verfügung. Auch die Zeitschrift der GMTH wurde – vor allem wegen ihrer Präsenz im Internet – von den Kollegen im Ausland als ein Beitrag zur internationalen Diskussion angesehen.

Den Mitarbeitern der Zeitschrift, allen voran dem Chefredakteur Hubert Moßburger, aber auch den Autoren möchte ich an dieser Stelle für ihre Arbeit herzlich danken und wünsche ihnen, daß diese auf eine lebhafte Resonanz stößt. Allen Lesern hingegen wünsche ich eine anregende Lektüre.

Michael Polth