Musiktheorie in Beverly Hills – Das Joint-Meeting von AMS und SMT in Los Angeles im November 2006

Jan Philipp Sprick

Vom 2. bis 5. November 2006 versammelten sich anlässlich des gemeinsam mit der American Musicological Society (AMS) in Los Angeles veranstalteten Jahrestreffens der Society of Music Theory (SMT) über 1800 Vertreterinnen und Vertreter der amerikanischen Musiktheorie und Musikwissenschaft.[1] Konferenzen von SMT und AMS sehen stets eine Reihe von Sektionen vor, die Vorträge von Vertreterinnen und Vertretern beider Gesellschaften enthalten. Die Tatsache, dass es bei diesen joint sessions nicht immer leicht ist, einen Vortrag einer bestimmten Disziplin zuzuordnen, zeigt, dass die Musiktheorie in den USA zunehmend auch interdisziplinäre Fragestellungen in den Blick nimmt.

Begonnen sei mit der näheren Darstellung zweier Vorträge.[2] Auf der Suche nach den Ursprüngen moderner analytischer Verfahren in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg diskutierte Judy Lochhead (Stony Brook University) die Schriften von Komponisten wie Henri Pousseur und Pierre Boulez, sowie von Roger Sessions und Milton Babbitt. Ausgehend von der These, dass »modernist composers« in der Mitte des 20. Jahrhunderts verstärkt versuchten, ihre kompositorischen Aktivitäten analytisch und theoretisch zu begründen, zeigte Lochheads vergleichende Perspektive, dass während der Nachkriegszeit nicht nur in Europa, sondern auch in den USA – insbesondere im Umkreis des Music Departments in Princeton – wichtige Beiträge zum Diskurs über aktuelle musikalische Entwicklungen geleistet wurden. Diese Diskussionen wiederum sind ein wesentlicher Ausgangspunkt für die Entwicklung der amerikanischen »Music Theory« zu einer eigenständigen akademischen Disziplin.

L. Poundie Burstein (City University of New York) rekurrierte in seinem Vortrag »The trimodular block, the three-part exposition, and the classical transition section« auf ein neues, in den USA bereits breit rezipiertes Buch über die klassische Sonatenform: Warren Darcys und James Hepokoskis in Umfang und Anspruch beeindruckendes Werk Elements of Sonata Theory.[3] Im Zentrum stand dabei die Frage nach der angemessenen Bezeichnung von Sonatenexpositionen, die zwei kadentielle Zäsuren (»cadential breaks«) aufweisen. Den Prägungen »two-part-subordinate theme« (Caplin) und »trimodular block« (Darcy/Hepokoski) stellte Burstein den Terminus »three-part exposition« entgegen, der solche Expositionen als eigenständige Formen aufzufassen erlaubt. Für den deutschen Kontext ist von Interesse, daß Darcy und Hepokoski eine neue Bewertung der klassischen Sonatensatzform vorschlagen. Sie gehen stärker als beispielsweise William Caplin[4] prozessorientiert vor und entwickeln – wie bereits der Untertitel »Norms, Types, and Deformations in the Late-Eighteenth-Century Sonata« suggeriert – eine individuelle, komplexe und gelegentlich zur Kasuistik tendierende Sichtweise. Ob sich dieser Ansatz in der Zukunft durchsetzen und Caplins gerade für Unterrichtszwecke gut einsetzbares Buch verdrängen kann, wird sich zeigen.

Mathematische Musiktheorie, eine der wichtigsten Subdisziplinen gegenwärtiger amerikanischer Musiktheorie, wurde auf einer ›Poster-Session‹ präsentiert, wie man sie von naturwissenschaftlichen Veranstaltungen her kennt. Den Schwerpunkt der Session bildete die Vorstellung des von John Roeder (University of British Columbia)[5] geleiteten Projektes »Animating the ›Inside‹: How Musical Spaces Shape Transformational Signification«. Die Visualisierungen zeitgenössischer Kompositionen, die Roeder und seine Mitarbeiter auf der Grundlage der transformational theory mit Hilfe komplexer Computerprogramme erarbeitet hatten, wurden auf Postern und Bildschirmen präsentiert; gleichzeitig erklangen die entsprechenden Stücke. Komplexe Mathematik wurde so auf anschauliche Weise für die Musikanalyse fruchtbar gemacht.

»History of Theory: Past, Present, Future«

Eine der interessantesten Veranstaltungen der Konferenz war die »AMS/SMT Joint Special Session« zum Thema »History of Music Theory: Past, Present, Future«.[6] Auf dem Podium saßen mit Christle Collins Judd (Bowdoin College), Scott Burnham (Princeton University), Thomas Christensen (University of Chicago), Alexander Rehding (Harvard University), Bryan Hyer (University of Wisconsin-Madison) und David Cohen (Columbia University) die maßgeblichen Vertreter dieses in den USA trotz starker musikwissenschaftlicher Anteile eher dem Bereich der Music Theory zugerechneten Forschungszweigs. Jeder und jede Anwesende ging in einem Kurzvortrag auf die gegenwärtige Situation des Faches ein und stellte im Anschluss einen Seminarplan mit dazugehöriger Leseliste vor. Thomas Christensen forderte in seinem Beitrag eine stärkere Berücksichtigung der Institutionengeschichte – eine Forderung, die Carl Dahlhaus bereits 1984 ausgesprochen hatte – und regte darüber hinaus an, sich zukünftig verstärkt auf biographische Aspekte und nationale wie transnationale ›Schulenbildung‹ zu konzentrieren.

All dies sind gewiss wichtige Aspekte, doch könnte man sich eine Öffnung auch in Richtungen vorstellen, die seitens des Panels nicht thematisiert wurden: Wünschenswert wäre etwa eine verstärkt wissenschaftsgeschichtliche Orientierung, ohne die sich an der von einigen Mitgliedern des Panels beklagten Isolation der History of Theory in den USA nichts Wesentliches ändern wird. Der zweite so gut wie gar nicht thematisierte Bereich betrifft das Verhältnis der Geschichte der Musiktheorie zur musikalischen Analyse und zu pädagogischen Konzepten in der musiktheoretischen Ausbildung. Anders als in Deutschland, wo die theoriegeschichtliche Forschung immer wieder auch zu neuen analytischen Ansätzen und Innovationen im Bereich des Tonsatz-Unterrichtes geführt hat – man denke nur an die Wiederentdeckung der Partimento-Lehrtradition – bleibt die nordamerikanische History of Theory nahezu ohne Auswirkungen auf diesen Bereich.

Die eingangs erwähnten, im Panel präsentierten Seminarpläne für die graduate seminars in der Geschichte der Musiktheorie setzen durchweg ein Lesepensum voraus, das um ein vielfaches höher liegt als in einem vergleichbaren Kurs einer deutschen Universität oder Musikhochschule. Die umfassende, meist überblicksartige Anlage dieser Seminare sieht immer auch einen beträchtlichen Anteil an Primärquellen vor. Dennoch unterscheiden sich die Konzeptionen der einzelnen Seminare stark voneinander: So finden sich chronologische Überblicke neben spezifischen historischen Thematiken oder poststrukturalistischen Lektüren der Primärtexte. Auffällig ist, dass deutschsprachige Texte so gut wie nicht vorkommen – und dies sowohl bei den Primärquellen als auch (und vor allem) bei den Sekundärtexten. Zwar wird Carl Dahlhaus stellvertretend für die deutschsprachige Forschung zur Geschichte der Musiktheorie häufig erwähnt, doch findet eine inhaltliche Auseinandersetzung – auch im Hinblick auf die vielen durchaus kritikwürdigen Punkte bei Dahlhaus – kaum statt. Die Dahlhaus-Rezeption in den USA beschränkt sich in erster Linie auf die übersetzten historiographischen Schriften oder das Buch zur Musik des 19. Jahrhunderts.[7] Hingegen sind die meisten Schriften Dahlhaus’ zur Geschichte der Musiktheorie nicht übersetzt und daher nur schwer zugänglich.[8] Gleiches gilt für die anderen Teilbände der Geschichte der Musiktheorie. Nach Aussage der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Panels könne man von Studierenden nur in Ausnahmefällen verlangen, deutschsprachige Texte zu lesen. Über den Einfluss deutscher Fachliteratur auf die Lehre an amerikanischen Universitäten sollte man sich mithin keine Illusionen machen. Die Veröffentlichung ausgewählter Artikel der ZGMTH in englischer Übersetzung könnte dazu beitragen, aktuelle Entwicklungen der deutschsprachigen Musiktheorie stärker ins Blickfeld der amerikanischen Fachkollegen zu rücken.

»Mozart – Modes of Analysis«

Die SMT-Plenary-Session war – im Mozart-Jahr wenig verwunderlich – der Mozart-Analyse gewidmet. Das Konzept des von Janet Schmalfeldt (Tufts University) souverän moderierten Panels sah vor, drei unterschiedliche Arten der Analyse auf Mozart anzuwenden. Die Teilnehmer des Panels waren Kofi Agawu (Harvard University), Robert O. Gjerdingen (Northwestern University) und James Webster (Cornell University).

Agawu thematisierte in seinem Vortrag die momentan in den USA breit diskutierte Topos-Forschung. Er ging von der These aus, dass Mozarts Musik im Prinzip nur aus kleinen Einheiten bestehe, die jeweils durch »disruption« gekennzeichnet seien. Im zweiten Teil des Vortrages stellte er eine Analysemethode vor, die sich als eine an Schenker geschulte Reduktion auf einen Außenstimmensatz beschreiben lässt. Die sich daraus ergebenden modellhaft-kontrapunktischen Strukturen ordnete Agawu nach bestimmten Kriterien unterschiedlichen formalen Situationen zu.

Robert O. Gjerdingen präsentierte eine auf Mozart fokussierte Zusammenfassung seines im August dieses Jahres erscheinenden Buches Music in the Galant Style.[9] Gjerdingen sucht Mozarts Musik stärker als bisher in der italienischen Musik- und vor allem Lehrtradition anzusiedeln, indem er eine Fülle überzeugend auf Mozart angewandter Satzmodelle in einen Zusammenhang mit der italienischen Partimento-Tradition stellt. Sein tendenziell überpointierter Ansatz verharrt auf einer deskriptiven Ebene, hat aber das Verdienst, eine historisch fundierte Variante der in Deutschland schon seit längerem praktizierten modellorientierten Analyse in den USA bekannt zu machen. Eine wichtige Differenz zwischen den Ansätzen Agawus und Gjerdingens ergibt sich auf einer anderen Ebene: Während Agawu eindeutig aus einer gegenwärtigen Perspektive heraus argumentiert, vertritt Gjerdingen einen streng historischen Ansatz. Er möchte nicht nur ein funktionierendes analytisches Werkzeug bereitstellen, sondern auch zeigen, wie Mozart das Komponieren gelernt haben könnte, eine Frage, die einen Skeptiker wie Agawu im Grunde nicht interessiert. Interessanterweise verwenden sowohl Agawu als auch Gjerdingen eine ›light‹-Version des schenkerianischen Reduktionsverfahrens, ohne sich freilich explizit auf Schenker zu beziehen.

Von Agawus und Gjerdingens analytischen Ansätzen unterschied sich James Websters Lesart des zweiten Figaro-Finales durch einen viel weitergehenden Bezug auf Schenker. Websters Ziel ist die »multivalente Analyse« – ein Verfahren, das unterschiedliche Analyse-Ebenen miteinander verbindet und unter Einbeziehung der Vokalmusik – in diesem Fall der Oper – neue Erkenntnisse für die Analyse von Instrumentalmusik beisteuern soll.

Ehrungen

Die Vergabe der SMT-Publication-Awards[10] schließlich zeigte erneut die große Bandbreite der musiktheoretischen Forschung in den USA. Der Outstanding Publication Award ging posthum an den früh verstorbenen englischen Musiktheoretiker Anthony Pople für seinen Artikel »Using Complex Set Theory for Tonal Analysis: An Introduction to the Tonalities Project«, publiziert in Music Analysis (Vol. 23). In diesem Projekt geht es um eine Analysemethode für die Musik um 1900. Poples Konzept von Tonalität beruht auf dem Zusammenwirken von Akkord und Skala und berücksichtigt neueste Erkenntnisse des computational modelling. Den Emerging Scholar Award erhielt David Carson Berry für seinen Artikel »The Meaning(s) of ›Without‹: An Exploration of Liszt’s Bagatelle ohne Tonart« (19th-Century Music, Vol. 27/3). Der Wallace Berry Award für die beste Buchpublikation ging an Anna Maria Busse Berger für Medieval Music and the Art of Memory (Berkeley 2005). Darüber hinaus hat das Publication Committee zwei der größten Musiktheoretiker des 20. Jahrhunderts mit einer SMT Special Merit Citation geehrt: zum einen David Lewin für sein Buch Studies in Music with Text (Oxford 2005), zum anderen The Collected Essays of Milton Babbitt (Princeton 2003). Der Kinkeldey Award der AMS für die beste Buchpublikation ging an Richard Taruskin für seine beeindruckende Oxford History of Western Music (Oxford 2005). Darüber hinaus gibt es noch zwei für die deutsche Musikwissenschaft relevante Nachrichten: Hermann Danuser wurde als neues Corresponding Member der AMS berufen, und der lange in Harvard lehrende deutsche Musikwissenschaftler Reinhold Brinkmann wurde zum Honorary Member der AMS ernannt.

Was kann die deutsche Musiktheorie von den amerikanischen annual meetings lernen? Vorbildhaft ist vor allem die rege Kommunikation der Mitglieder, sei es in institutionellen Zusammenhängen oder spontan. Eine wichtige Institution für derartige Kommunikationsprozesse ist beispielsweise das breakfast meeting der regional and affiliated societies, bei dem über die Arbeit der jeweiligen Gesellschaften in den einzelnen Regionen berichtet wird. Hier wird das hohe Maß an Professionalität und an regionaler Ausdifferenzierung der SMT deutlich: So veranstaltet beispielsweise die Texas Society for Music Theory in diesem Jahr bereits ihr 29. Treffen!

Eine neue und innovative Einrichtung der SMT sind die sogenannten Graduate Student Workshops, die jeweils während des Kongresses stattfinden: Der workshop leader in Los Angeles war der an der City University of New York (CUNY) lehrende Theoretiker Joseph Straus, der einen Workshop zum Thema »Voice Leading in Atonal Music« durchführte. In eine ähnliche Richtung zielen die meetings der sogenannten Interest Groups oder Committees, die sowohl eigene Panels einreichen als auch sich während der Mittagszeit zu thematischen Gruppendiskussionen treffen können. Für diese Zusammenkünfte werden im Vorfeld der Konferenz Texte oder Noten an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschickt, so dass die Diskussionen auf einem hohen Niveau stattfinden können. So diskutierte die Philosophy Interest Group in Los Angeles über das Thema repetition, und das Performance and Analysis Committee veranstaltete anlässlich des Mozart-Jahres ein Lecture-Recital mit dem Pianisten Robert Levin und dem Geiger Jaap Schroeder.

Anmerkungen

1

Siehe für unterschiedliche Berichte über das Treffen in Los Angeles auch die Ausgabe des Newsletters der SMT vom Februar 2007 im Internet: http://www.societymusictheory.org/smt/html/journals-discussion/newsletter/SMT.NL.30.1.pdf

2

Überflüssig zu erwähnen, dass ein Kongress, der bis zu acht parallele Sektionen umfasst, von einer Einzelperson nicht vollständig dargestellt werden kann.

3

Hepokoski / Darcy 2006.

4

Caplin 1998.

5

Die Website des Projektes ist aufrufbar unter: www.theory.music.ubc.ca/~trx (Zugriff am 5.6.2007).

6

Der Erfolg der Subdisziplin »History of Theory« nahm in den späten 1970er Jahren mit der Übersetzung vieler Primärquellen ins Englische seinen Ausgang und kulminierte in der von Thomas Christensen herausgegebenen Cambridge History of Western Music Theory (2002). Dieses Buch hat bereits jetzt den Status eines Standardwerkes erreicht.

7

In diesem Zusammenhang sei auch auf den ausführlichen und informativen Text von James Hepokoski zum »Dahlhaus Project« hingewiesen (Hepokoski 1991).

8

Eine Ausnahme ist Dahlhaus’ Habilitationsschrift Versuch über die Entstehung der harmonischen Tonalität, die in einer Übersetzung von Robert O. Gjerdingen vorliegt (Dahlhaus 1990).

9

Gjerdingen 2007.

10

Ausführliche Beschreibungen der einzelnen Publikationen und die vollständigen bibliographischen Angaben finden sich im Internet unter: http://www.societymusictheory.org/index.php?pid=194

Literatur

Caplin, William (1998), Classical Form, Oxford: Oxford University Press.

Christensen, Thomas (Hg.) (2002), Cambridge History of Western Music Theory, Cambridge: Cambridge University Press.

Dahlhaus, Carl (1990), Studies on the Origin of Harmonic Tonality, Princeton: Princeton University Press.

Gjerdingen, Robert O. (2007), Music in the Galant Style, Oxford: Oxford University Press.

Hepokoski, James (1991), »The Dahlhaus Project and Its Extra-Musicological Sources«, 19th-Century Music 14/3, 221–246.

––– / Warren Darcy (2006), Elements of Sonata Theory. Norms, Types, and Deformations in the Late-Eighteenth-Century Sonata, Oxford/New York: Oxford University Press.