GMTH

Call for Papers

Beitragseinreichung abgeschlossen (Frist: 15.6.2017)

Auch als pdf-Version verfügbar.

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Populäre Musik und ihre Theorien

Begegnungen - Perspektivwechsel - Transfers

Die Auseinandersetzung der Musikforschung mit populärer Musik hat die Rolle der Musiktheorie im Kontext der Popularmusikforschung nachhaltig hinterfragt. Im englischsprachigen Raum gibt es seit den 1970er Jahren – gestärkt durch die 1998 gegründete Popular Music Interest Group innerhalb der Society for Music Theory (SMT) – einen vielfältigen Diskurs zur Theorie und Analyse populärer Musik; dennoch wird bisweilen auch hier noch ein »lack of […] intellectual interface between music theory and the rest of the popular music studies community« (Lacasse 2015) diagnostiziert. Im deutschsprachigen Raum werden theoretisch-analytische Akzente bis heute in der Popularmusikforschung vergleichsweise selten gesetzt und musiktheoretische Arbeiten widmen sich nur vereinzelt populären Musiken.

Dabei sind sowohl Popularmusikforschung als auch Musiktheorie sich immer stärker ausdifferenzierende Disziplinen, deren mögliche Synergien unübersehbar sind. Dazu zählen ein gemeinsames Interesse an der Verbindung struktur-analytischer Erkenntnisse mit Hör- und Aufführungsdimensionen, die Erkenntnis der Modellhaftigkeit vieler Popular- und ›Kunstmusik‹-Stile sowie das Desiderat, Wechselwirkungen zwischen Schemata, Strukturmodellen und Klang zu untersuchen. Nicht zuletzt können Impulse aus Jazztheorie und Jazzforschung diese Synergien ausbauen, etwa bei der Fundierung einer Satz- und Formtheorie populärer Musik.

In dem ersten gemeinsamen Kongress der Gesellschaft für Popularmusikforschung (GfPM) und der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH) soll solchen Synergien nachgegangen werden, wobei in vielfältiger Weise an frühere Veranstaltungen beider Gesellschaften angeknüpft werden kann. Die jahrzehntelange Geschichte des Instituts für Jazzforschung an der Kunstuniversität Graz und der erste in Graz durchgeführte GMTH-Kongress zum Thema »Musiktheorie als interdisziplinäres Fach« (2008) bieten weitere Bezugspunkte. Diese Begegnung von GfPM und GMTH soll über bestehende Repertoiregrenzen hinaus einen breiteren Korpus zur Diskussion stellen und zu neuen Formen interdisziplinärer Kooperation motivieren.

Der Kongress verfolgt diese Ziele in vier thematischen Sektionen und einer freien Sektion:

Sektion 1: Analyzing Popular Music

Keynote: Nicole Biamonte (McGill University Montreal)

Die Grundfrage einer »Analysierbarkeit« populärer Musik und damit zusammenhängende Fragen einer angemessenen Methodik können kaum als geklärt betrachtet werden. Dazu zählen u.a. die Spannungen zwischen der Arbeit mit verschriftlichten Materialien (meist Transkriptionen) und mit Klang- und/oder Videodokumenten, zwischen produktions- und rezeptionsorientierten Perspektiven sowie zwischen musikalischem Text und soziologischem Kontext. Zum Teil umstritten bleiben auch terminologische Fragen, die Vergleichbarkeit von Modellen über Genregrenzen und historische Epochen hinweg sowie die grundsätzliche Frage, was Analyse im breiteren Feld der Erforschung populärer Musik leisten kann.

Mögliche Themenfelder:

  • das Verhältnis zwischen Analyse und Performativität
  • das Verhältnis zwischen Genre, Form und Satztechnik
  • Methoden der sound- und rezeptionsorientierten Analyse
  • analytische Ansätze zu Stimme und Gesang
  • das Verhältnis zwischen musiktheoretischer und soziologischer Analyse
  • Nutzen von Software und Big Data für die Analyse populärer Musik

Sektion 2: Improvisation und Theorie: Konvergenz und Divergenz

Keynote: Martin Pfleiderer (Hochschule für Musik ›Franz Liszt‹ Weimar)

Improvisierte Musik stellte von jeher besondere Herausforderungen an Theorie und Analyse. Dass es in diesem Bereich breite Schnittmengen zwischen populären und der ›Kunstwelt‹ zugeordneten Praktiken und Genres gibt, ist ebenso bekannt. Zum einen sind hier historische Kompositionskonzepte zu nennen, die – wie etwa die Partimentopraxis – eng auf fortgeschrittenen Kenntnissen modellgeleiteter Improvisation basierten, zum anderen Entwicklungen in der Musikgeschichte, die immer wieder die Praxis der Verschriftlichung hin zu improvisiert-performativen Dimensionen durchbrachen. Eine Herausforderung scheint vor allem zu sein, die nicht unumstrittene Methode der Transkription mit historisch informierten, medientheoretischen und rezeptionsästhetischen Konzepten zu koppeln, um die Eigentümlichkeit improvisierter Musikpraktiken zu erfassen.

Mögliche Themenfelder:

  • Theorie- und Analysemodelle der Jazzimprovisation
  • barocke und klassische Kadenzimprovisation
  • fantasieartige Präludien und Interludien in Solo-Recitals
  • ›aleatorische‹ vs. ›improvisierte‹ Konzepte in der neuen Musik
  • ›freie Improvisation‹ und/vs. Free Jazz
  • Jazzimprovisation als Modell in anderen Musikformen von Klassik bis Pop
  • Performing Improvisation – woher wissen wir, ob etwas ›wirklich‹ improvisiert ist?

Sektion 3: Verkehrswege afroamerikanischer Musik

Keynote: Catherine Tackley (University of Liverpool)

Diese Sektion thematisiert Übermittlungs- und Rezeptionszusammenhänge afroamerikanischer Musiken sowie deren Wechselwirkungen mit musikalischen Strukturen. ›Verkehr‹ wird dabei vorranging verstanden im Sinne von musikalischen Überlieferungen (z.B. song families), die als Folge der – nicht immer freiwilligen – Reisen und kommerziellen Distribution von Musik wie MusikerInnen beschrieben werden können. Das globale Verkehren afroamerikanischer Musiken in unterschiedliche Rezeptionskontexte führte beispielsweise zum – sozusagen ›verkehrten‹ – Verständnis des Blues als vorgeblich authentischer Trauermusik oder zu rassistisch-sexualisierten Lesarten – sozusagen ›verkehrender‹ – afroamerikanischer Körper. Afroamerikanische Musiken sind mittlerweile weit verbreitet, gleichwohl noch immer in Musiktheorie und Popularmusikforschung unterrepräsentiert.

Mögliche Themenfelder:

  • Gibt es eine – andere? – Musiktheorie afroamerikanischer Musik?
  • repetitive Form in afroamerikanischer Musik als analytische Herausforderung (z.B. Funk, HipHop, House)
  • Welche Verkehrswege sind historisch, aber auch gegenwärtig zwischen Jazz und anderen afro-amerikanischen Musikformen sowie populärer Musik zu identifizieren?
  • Welche Begegnungen, Transfers und Perspektivwechsel sind mit angrenzenden Disziplinen wie bspw. den Postcolonial Studies zu entdecken oder zu entwickeln?
  • kulturgeschichtliche Aspekte der Rezeption afroamerikanischer Musik in Europa

Sektion 4: Transfers zwischen Populärer Musik und ›Kunstmusik‹ in Geschichte und Gegenwart

Keynote: Hartmut Fladt (Universität der Künste Berlin)

Übernahmen und Transfers von strukturellen Elementen zwischen Jazz, Pop und ›Kunstmusik‹ sind kein Phänomen, das auf das 20. und 21. Jahrhundert begrenzt ist. Die seit dem Mittelalter verfolgbaren Stränge wechselseitiger Rezeption von Techniken und Ästhetiken verdichten sich im 20. Jahrhundert. Es existiert – zum Teil, aber nicht ausschließlich über gemeinsame Referenzsysteme wie ›Tonalität‹ oder ›Modalität‹ – ein breites Repertoire von musikalischen Praktiken (musikalische Modelle, harmonische oder melodische Wendungen, Klangfarben und Instrumentaltechniken, Stimmfärbungen, Aufführungspraktiken etc.), mittels derer permanent Genregrenzen überschritten werden; ja, viele historische wie zeitgenössische Genres bilden sich auf Grundlage solcher Mischungen überhaupt erst heraus.

Mögliche Themenfelder:

  • rhythmisch-metrische oder harmonische Modelle aus ›populärer Musik‹ im Komponieren des 14. bis 18. Jahrhunderts
  • Tanzmusik als Modell
  • ›volksliedhafte‹ Periodik in der klassischen Phrasensyntax
  • Salonmusik, populäre Bearbeitungen und Komposition im 19. Jahrhundert
  • Jazz-, Pop- und Rockrezeption in der ›Kunstmusik‹ vs. ›Klassikrezeption‹ im Jazz, Pop und Rock
  • elektronische Komposition und elektronische Tanzmusik
  • Sampling und Zitat-Techniken in neuer Musik und populärer Musik

Sektion 5: Freie Beiträge

Keine Vorgaben



Formate

Einzelvorträge = 30 Min. Vortrag + 30 Min. Diskussion oder 20 Min. Vortrag + 10 Min. Diskussion. Das bevorzugte Format muss bei Einreichung des Abstracts angegeben werden; eine Zuteilung zum gewünschten Format kann nicht garantiert werden.
Panels = 90 Min. oder 120 Min. (konzipiert als Folge von Vorträgen variabler Länge mit oder ohne Podiumsdiskussion). Ein Panel wird nur im Falle einer positiven Bewertung aller beteiligten Abstracts für das Kongressprogramm ausgewählt.
Buchpräsentationen = 30 Min. inkl. Diskussion (Rahmenprogramm)
Workshops (Rahmenprogramm) – nach Absprache; Vorschläge bitte direkt an die Kongressleitung


Einreichung

Einzelvorträge
—Abstracts (max. 2.000 Zeichen inkl. Leerzeichen)
—biographische Angaben zur Autorin/zum Autor des Abstracts (max. 1.000 Zeichen inkl. Leerzeichen)

Panels
—zusammenfassende inhaltliche Darstellung mit Titeln aller Beiträge und Zeitplan [vom Leiter/von der Leiterin des Panels einzureichen] (max. 2.000 Zeichen inkl. Leerzeichen)
—biographische Angaben des Leiters/der Leiterin des Panels (max. 1000 Zeichen inkl. Leerzeichen)
—Abstracts jedes einzelnen Beitrags der Sektion (pro Beitrag max. 2.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) [separat von der Autorin/dem Autor des Abstracts mit Verweis auf das Panel einzureichen]
—biographische Angaben jeder Autorin/jedes Autors (je max. 1000 Zeichen) [separat von der Autorin/dem Autor des Abstracts mit Verweis auf das Panel einzureichen]

Wer als Leiter/Leiterin eines Panels andere zur Teilnahme an seinem Panel einladen möchte, kann dies – möglichst frühzeitig – über die newsletter der GMTH und der GfPM tun.

Konferenzsprachen und Sprachen der Abstracts sind Deutsch und Englisch.

Rückfragen zu Einreichungen richten Sie bitte an Thomas Wozonig
unter der E-Mail-Adresse: gfpm-gmth-2017@kug.ac.at

Kongresswebseite: http://www.kug.ac.at/gfpm-gmth-2017

Die Auswahl der Beiträge erfolgt durch eine internationale Jury mittels eines anonymisierten Verfahrens (double-blind peer review). Eine Verständigung erfolgt bis spätestens 15. Juli 2017.

Gesellschaft für Musiktheorie: http://www.gmth.de
Gesellschaft für Popularmusikforschung: http://popularmusikforschung.de