GMTH

Musiktheorie in der Schule – Schulen der Musiktheorie

10. Weimarer Tagung zu Musiktheorie und Hörerziehung

26.–28.2.2016

Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, Zentrum für Musiktheorie in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy Leipzig und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Tagungsprogramm


Florian Kleissle


Die traditionell pädagogisch ausgerichtete und mit nur einer Sektion bewusst übersichtlich gehaltene Tagung legte dieses Jahr ihren Schwerpunkt auf die Ausgewogenheit von Beiträgen zu hochschulspezifischen Themen und zur Vermittlung von Musiktheorie an (Spezial-)Gymnasien und an Musikschulen. Daraus ergab sich ein breites Spektrum an Referenten, Diskutanten und Zuhörern, das über die Vorträge hinaus zu ›interpädagogischen‹ Gesprächen einlud.

Nach der offiziellen Begrüßung durch den Hauptorganisator der Tagung Jörn Arnecke (Weimar) und den Grußworten von Eckart Lange (Präsident des Thüringer Landesmusikrats), Gesine Schröder (Präsidentin der GMTH) und Mitorganisator Jens Marggraf (Halle), gab die Darbietung von Jacques Iberts Le petit âne blanc (arrangiert von der Weimarer Orchesterleitungsstudentin Ustina Dubitsky) den musikalischen Auftakt.

Im Anschluss daran eröffnete Gesine Schröder (Leipzig/Wien) die Reihe der Vorträge mit einer Diskussion der Neo-Riemannian Theory (NRT) und deren Verknüpfung zur Leipziger Schule. Dabei stellte sie die im Vortrag anhand eines musikalischen Beispiels (Franz Liszts Sololied Die stille Wasserrose nach Emanuel Geibel) zu prüfende Hypothese voran, die NRT gebe strukturelle Einsichten, welche durch die von Hermann Grabner und Wilhelm Maler vorgenommenen Vereinfachungen der Riemann’schen Theorie nicht mehr vermittelt würden. Im Folgenden skizzierte Schröder den formalen Aufbau der NRT nach Richard Cohn und veranschaulichte im Detail die Beziehungen zu den (Leipziger) Quellen (Moritz Hauptmann, Arthur von Oettingen, Carl Friedrich Weitzmann und Hugo Riemann sowie Sigfrid Karg-Elert) und Vordenkern bzw. zu parallelen Entwicklungen. Im Fazit hob sie den Wert einiger im allgemeinen Hochschulkanon inzwischen verlorengegangener Bestandteile der Leipziger Musiktheorie hervor und zeigte anhand von Liszts Wasserrose, wie hier – insbesondere mittels Weitzmanns Ausführungen zum übermäßigen Dreiklang und verminderten Septakkord – sowohl eine genauere Charakterisierung der musikalischen Strukturen vorgenommen als auch eine Hypothese aufgestellt werden könne, wie Liszt die Protagonisten musikalisch interpretiere.

Im darauffolgenden Vortrag gab Jens Marggraf einen Einblick in das Leben und – mit dem Lehrbuch der Harmonik – in das komplexe Denken des enorm vielseitig tätigen Humperdinck-Schülers Hans Kayser (1891–1964). Neben der schwer zugänglichen Dialektik Kaysers verdeutlichte Marggraf u.a. mit dessen Herleitung der Untertonreihe mittels einer proportionalen Verlängerung der Monochord-Saite und einer von Kayser daraus abgeleiteten Gesetzmäßigkeit alles Seienden den Anspruch einer Universallehre, deren Schwächen sich jedoch im Weiteren anhand aufgezeigter Ungenauigkeiten und dem Abgleiten ins Mystisch-Spekulative offenbarten. Marggraf resümierte seine kritischen Ausführungen mit dem Verorten von Kaysers Argumentationsweise als »wildem Denken« (Claude Lévi-Strauss) und schloss mit dessen Einflussnahme auf Zeitgenossen, namentlich auf Paul Hindemith und seine Oper Die Harmonie der Welt, sowie auf die spätere Forschung, etwa seines Schülers Rudolf Haase, der 1967 das Institut für Musiktheorie und harmonikale Grundlagenforschung in Wien eröffnete.

Ralf Kubicek (Weimar) sprach anschließend über sein Konzept im Umgang mit Funktionstheorie im Kontext des Pflichtfach-Harmonielehre-Unterrichts: Er erläuterte zunächst Argumente und Versuche zum Nachweis und zur Wahrnehmung der subharmonischen Reihe (deren ›Ergebnis‹ Moll sich zudem von den Partialtönen 10, 12 und 15 ableiten ließe). Aus der pythagoräisch berechneten Intonation der Dur-Skalentöne 3, 6 und 7 schloss Kubicek, dass die Terzen von Durklängen als »Leitetöne« und reziprok jene von Moll als »Gleitetöne« – mit einer dementsprechend aufzulösenden Paenultimafunktion im Kadenzraum – zu betrachten seien. Mithilfe mehrerer Kadenzbeispiele aus der Romantik (Bruckner, Schumann, Chopin) legte er zudem die sich daraus ergebende Definition von Parallel- und Gegenparallelklängen nebst ihrem Verhältnis zu den Hauptklängen dar. Abschließend ging es ihm um das Verständnis von Charakterdissonanzen und Konkordanzen und dem daraus resultierenden Umgang mit Alteration (abermals an Beispielen wie Chopins Prélude op. 28/20 und Schumanns Nachtlied op. 96/1 gezeigt).

Im letzten Beitrag des Tages berichteten Juliane Brandes (Dresden) und Elisabeth Theisohn (Freiburg) über ihr schulisches Projekt zu kreativer Bewegungsentwicklung aus der akustischen Wahrnehmung klassischer Musik – am Beispiel von J.S. Bachs Musikalischem Opfer (1. Ricercar) und Beethovens Erster Symphonie (1. Satz). Oberstufenschüler sollten dabei gemeinsam und im Dialog ihre lediglich durchs Hören vermittelte Empfindung in einen Bewegungsablauf als Choreographie umsetzen, welche anschließend unter Einbezug der Noten diskutiert wurde. Hieraus ergab sich die Möglichkeit individuelle Prioritäten der Klangauffassung mit der Vermittlung von grundlegendem Formverständnis zu verbinden. Ein dazugehöriger Workshop startete das Programm des folgenden Tages.

Den zweiten Workshop, Partimento – schulbildend in der Verbindung von Theorie und Praxis, gab Ludwig Holtmeier (Freiburg). Er ließ einen Weimarer Studenten am Klavier zunächst nach dessen Wissen einen Generalbass aus den Übungen Emanuel Aloys Försters (nach dem Beiheft zur Harmonielehre Wiener Klassik, hrsg. von Wolfgang Budday, 2002) spielen und erläuterte anschließend für bestimmte Stellen einige Regeln des Partimento, mithilfe derer der Satz sodann zu einer hörbar größeren Authentizität gelangte. Er bezog sich hierbei neben Förster auf Giovanni Paisiello, Niccolò Antonio Zingarelli und Georg Andreas Sorge.

In seinem Vortrag Hilfe – ich muss Liedbegleiten ging es Andreas Kuch (Weimar) vorrangig um zwei sich ergänzende Punkte: die effektive Beschäftigung mit einzelnen Bestandteilen des Liedbegleitens im Hinblick auf die dadurch zu beeinflussende motivationale Haltung des Ausführenden. Nach Klärung, welche Funktion eine Liedbegleitung zu erfüllen habe und dass hauptsächlich die Faktoren Timing, Artikulation und Dynamik dafür eine Rolle spielten, widmete sich Kuch zwei unterschiedlichen Übesituationen: dem Einstudieren eines neuen Liedes/Songs, für das er ein detailliertes Bausteinprinzip entwarf, und dem problembezogenen Üben, das er (mit dem Bausteinprinzip kombiniert) in drei Schwierigkeitsgrade untergliederte, für welche er wiederum differenzierte Übe-Hinweise aufzeigte.

Über den Einsatz neuer Medien im schulischen Musikunterricht – im Speziellen über sog. ›Apps‹ – sprachen Bob Minette und Tillmann Steinhöfel (beide Weimar). Dazu präsentierten sie vorweg übereinstimmende Forschungsergebnisse aus Fallstudien zur Steigerung des Lernerfolgs mithilfe neuer Medien und postulierten dasselbe für den Bereich der Apps. Im Weiteren konzentrierte sich der Vortrag auf die Möglichkeiten für das iPad (Kategorien: Instrumente wie z.B. GarageBand, Soundprism, Launchpad, Beatwave und Nanologue, Lernprogramme wie z.B. Orchester, Beethoven 9, Four Seasons und Liszt Sonata, Notationssoftware wie z.B. Notion) und befasste sich anschließend mit Beispielen aus der Praxis. Die Referenten machten deutlich, dass die Vorteile durch Vereinfachung und insbesondere durch den spielerischen Umgang mit der komplexen Materie mögliche Gefahren (Kosten, Gewöhnung der Kinder an bestimmte Labels, Missbrauch der Geräte) überwögen.

Matthias Franke (Mainz/Wuppertal, † 2016) referierte in seinem letzten öffentlichen Vortrag über die Vermittlung von Musiktheorie im Instrumentalunterricht. Gleich zu Beginn betonte er, dass dies am nachhaltigsten über die Instrumentallehrer erreicht werden würde. Anschließend zeigte er exemplarisch an Violinduett Nr. 5 aus dem Anhang der französischen Ausgabe von Leopold Mozarts Versuch einer gründlichen Violinschule (1770), wie musikalische Strukturen herausgegriffen und in vielfältiger Weise weitergeführt, variiert und transponiert – und damit für den Schüler spielerisch erfassbar gemacht werden können. Das sich daran anschließende Streitgespräch zum Thema Musiktheorie ohne Schule – Schule ohne Musiktheorie? mit u.a. Jörn Arnecke, Kathrin Auerbach (Erfurt/Heldrungen), Ludwig Holtmeier, Kai Martin (Weimar), Elisabeth Theison und Johannes K. Hildebrandt (Landesmusikrat Thüringen) wird in der Ausgabe 13/1 (2016) der ZGMTH erscheinen.

Den letzten Tag eröffnete Stephan Lewandowski (Weimar) mit seinem Vortrag zur Anwendung der Pitch-class set theory (PCST) im vorhochschulischen Unterricht. Nach einem kurzen historischen Abriss und einer kleinen Einführung in die PCST (nach Allen Forte) zeigte er anhand des Klavierstücks op. 11/1 von Arnold Schönberg, wie sieben- bis elfjährige Schüler allein durch das Hören zu einer Einteilung der Musik im Sinne einer segmentation gelangten und diese im Notentext grafisch festhielten. Desweiteren veranschaulichte er, wie unter Verwendung von intervall classes und intervall vectors erfolgreich elementare Gehörbildung geübt werden kann.

In den abschließenden zwei Beiträgen ging es um Praxiserfahrungen bei der Vermittlung von Musiktheorie innerhalb des gymnasialen Musikunterrichts: Gerold Herzog (Musikgymnasium Schloss Belvedere Weimar) stellte verschiedene Methoden vor (u.a. durch spielerischen Wettstreit), das Verständnis von Begriffen und Inhalten zu trainieren. Dirk Haas (Gymnasium Rutheneum Gera) erläuterte die Lehrinhalte der Spezialklassen Musik (insbesondere für das erste Halbjahr der 12. Klasse) und präsentierte daraus entstandene künstlerische Arbeiten der Schüler.

Für ihre freundliche und entspannte Atmosphäre inzwischen bekannt geworden, ging die Weimarer Tagung auch in diesem Jahr mit einem für Anregungen und Kritik vorgesehenen Schlussplenum zu Ende, in welchem die TeilnehmerInnen keinerlei Veränderungsvorschläge bzw. -wünsche äußerten – ein sicherlich auch dem reibungslosen organisatorischen Ablauf geschuldetes Ergebnis. Im nächstem Jahr wird die Tagung erstmals in Leipzig stattfinden, in der Folge an jeweils wechselnden Orten der kooperierenden Institutionen veranstaltet werden und zukünftig folgerichtig unter dem Titel »Mitteldeutsche Tagung« das verstärkte Ausmaß der Kooperation zwischen den Weimarer und Leipziger Musikhochschulen und der Universität Halle-Wittenberg dokumentieren.