GMTH

International Musicology Congress (Congresul Internaţional de Muzicologie) Timişoara/Temeswar (Rumänien)

Societatea Internaţională de Studii Muzicale (International Society For Musical Studies), Timişoara

28.–30.10.2016

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Tagungsprogramm


Robert Christoph Bauer


Zum dritten Mal fand in diesem Jahr ein von der rumänischen Societatea Internaţională de Studii Muzicale ausgerichteter musikologischer Kongress in der Metropole Timişoara/Temeswar im Westen Rumäniens statt. Obwohl es sich somit noch keineswegs um eine Traditionsveranstaltung handelt, war ein internationales wissenschaftliches Publikum anwesend, das im Wesentlichen aus osteuropäischen Ländern angereist war. Der wissenschaftliche Beirat unter dem Vorsitz von Nice Fracile (Universität Novi Sad, Serbien) umfasste neben rumänischen KollegInnen auch VertreterInnen aus der rumänischsprachigen Republik Moldau, Deutschland/Österreich, Russland und der Ukraine. Die Organisation des Kongresses oblag Veronica Demenescu von der Musik-Fakultät der West-Universität Timişoara. Dank der Unterstützung seitens der Stadt- und Bezirksverwaltung von Timişoara sowie privater SponsorInnen verfügte der Kongress über finanzielle Ressourcen, die für osteuropäische Verhältnisse bemerkenswert erschienen. So wurden u.a. Unterbringung und Verpflegung der geladenen KongressteilnehmerInnen gewährleistet; außerdem stand mit dem Konferenzsaal der Academia Română ein moderner, technisch gut ausgestatteter Veranstaltungsraum zur Verfügung.

Die Beschränkung auf einen einzigen Saal ermöglichte einerseits einen guten Austausch unter den TeilnehmerInnen, andererseits existierten somit keine Parallel-Sektionen. Da kein übergeordnetes Kongressmotto festgelegt war, ergab sich eine entsprechend große thematische Bandbreite in folgenden nacheinander abgehaltenen Sektionen innerhalb von eineinhalb Tagen: »Traditional Music« (ethnomusikologische Forschungen zur rumänischen Volksmusik), »Romanian Music after World War II«, »Ancient Music«, »New Research in Musicology« (thematisch und methodisch stark durchmischt) sowie eine »Free Section«.

Es erscheint plausibel, dass gerade in einem Land wie Rumänien, das eine vergleichsweise junge, international eher wenig beachtete und stark von Nationalromantik und dem Streben nach Integration volksmusikalischer Elemente gekennzeichnete Musiktradition aufweist, ein besonderer Akzent auf die eigene, nationale Musikkultur gelegt wird. Dennoch blieben die beiden ›rumänischen‹ Sektionen thematisch klar voneinander getrennt, da sich keiner der Vorträge schwerpunktmäßig mit der kompositorischen Rezeption und Weiterverarbeitung traditioneller Musik beschäftigte. Die Präsentationen der zweiten Sektion (»Romanian Music after World War II«) waren thematisch unterschiedlich und eröffneten insbesondere für Gäste aus dem westlichen Ausland durchaus entdeckenswertes Neuland: Vertreten waren sowohl musikhistorische Forschungen, etwa zu bisher unbekannten Manuskripten des Komponisten Paul Constantinescu (Sandra Hîrlav-Maistorovici, Târgovişte) oder zu den rumänischen Studenten der Leipziger Kompositionsklasse Max Regers (Florinela Popa, Bukarest), als auch werkanalytische Betrachtungen. Aus musiktheoretischer Perspektive erwähnenswert sind vor allem die Präsentationen von Iulia Cibisescu-Duran (Cluj-Napoca/Klausenburg) zu Architektur und Syntax in Sigismund Toduţăs Zweiter Violinsonate (1981) sowie von Olguţa Lupu (Bukarest), die in ihrem Vortrag die satztechnischen Wechselwirkungen von Modalität und Serialismus in den Werken Anatol Vierus untersuchte. Hier zeigte sich exemplarisch, wie das Erbe Arnold Schönbergs auch weit in die Ceauşescu-Zeit hinein in Rumänien wirksam geblieben und eine Synthese mit einem möglicherweise aus der Volksmusik entlehnten modalen Denken eingegangen war.

Bemerkenswert wenige Teilnehmer referierten in der Alte-Musik-Sektion. Dabei bildete Magda Bucius (Bukarest) Vortrag zur ›kosmischen Balance‹ des Dreiklangs bei dem Mystiker Jakob Böhme einen starken thematischen Gegenpol zu den Ausführungen Irina Bogas (Bukarest) über die Préludes non mesurés von Louis Couperin.

Der Sektion »New Research in Musicology« waren die meisten Präsentationen zugeordnet; sie fungierte daher im Prinzip als eine Art ›freie Sektion‹, obwohl eine solche auch noch darüber hinaus existierte. Auch hier fanden sich einige werkanalytische Vorträge vorwiegend zu neuerer Musik, die weitgehend ohne Zuhilfenahme von Sekundärliteratur den Notentext unter die Lupe nahmen. Thematisch nah verwandt waren hierbei die Ausführungen von Gesine Schröder (Wien/Leipzig) und Robert Christoph Bauer (Leipzig/Graz), die sich mit Technik und Ästhetik im Spätwerk György Ligetis auseinandersetzten. Aus der Perspektive des ausübenden Musikers untersuchte Sergiu Cârstea (Timişoara) den timbralen Dialog zwischen Solo-Trompete und Orchester im Hymnus Phantasticus des rumänischen Komponisten Dan Dediu (*1967). Während Konstantin Zenkin (Moskau) mit der Vorstellung seines neu erschienenen Buches zu Aleksei Losev einen Beitrag zur musikwissenschaftlichen Rezeption dieses bedeutenden russischen Philosophen und Kulturwissenschaftlers lieferte, beschäftigte sich Iurii Chekan (Kiew) mit den Zusammenhängen »imperialer Ideologie« des zaristischen Russland und der Figur Michail Glinka. Dass hier wohl auch ein aktueller politischer Bezug intendiert war, lag auf der Hand.

In der freien Sektion waren vorwiegend Vorträge angesiedelt, die in thematisch-methodischer Hinsicht über die Disziplinen Musikologie bzw. Musiktheorie im engeren Sinne hinausgingen. Zu erwähnen wären beispielsweise eine Präsentation des aktuellen Banater Orgelfestes (Felician Roşca, Timişoara), Untersuchungen zur Funktion musikalischer Spiele im Englischunterricht (Diana Sârb, Cluj-Napoca) oder zur Rolle elektronischer Applikationen im Musiktheoriestudium (Victor Velter und Veronica Demenescu, Timişoara). Aufgrund vorangegangener Zeitüberziehungen musste im Übrigen die Präsentation einiger der im Programm angekündigten und bereits im vorläufigen Kongressband veröffentlichten Texte entfallen.

Weitgehend positiv fiel das Fazit der Mitglieder des wissenschaftlichen Beirates aus; so wurde vor allem die Qualität der Beiträge sowie Austragungsort, Organisation und Finanzierung des Kongresses gelobt. Daneben tauchten allerdings auch einige fast einhellig geäußerte Kritikpunkte und Verbesserungswünsche auf. Diese betrafen vor allem das Fehlen eines straffen Zeitrasters – sicherlich war dies einerseits ein Element, das zu einer angenehm familiären Atmosphäre beitrug, andererseits führten die teils extremen zeitlichen Überdehnungen mancher KollegInnen nicht nur zum erwähnten Ausfall der geplanten Vorträge vor allem jüngerer lokaler WissenschaftlerInnen, sondern auch zur Streichung der Diskussionen im Anschluss an die einzelnen Vorträge. Große Einigkeit herrschte indes darüber, dass das Element von Austausch und Diskussion ganz wesentlich für einen fruchtbringenden Kongress ist. Infolgedessen wurden verschiedene Modelle zur zeitlichen Begrenzung der Präsentationen diskutiert; die weitreichendste der hierzu geäußerten Ideen war sicherlich der Vorschlag, auf eine umfassende Vorstellung des im Vorfeld bereits schriftlich vorgelegten Textes weitgehend zu verzichten und die zur Verfügung stehende Zeit vor allem dem Austausch von Fragen und Anregungen zu widmen. Insbesondere ein solches Modell würde natürlich nahelegen, erst im Anschluss an den Kongress eine endgültige Fassung der Texte zu veröffentlichen, die die Diskussionsergebnisse mit einarbeiten würde. Des Weiteren wurde das Problem der Übersetzung erörtert. Aufgrund der großen Offenheit der Abschlussdiskussion und der konstruktiven Gesprächsatmosphäre ist im Übrigen davon auszugehen, dass das Format des Kongresses bereits beim nächsten Mal effektiver ausfallen wird. Es kann daher sicherlich damit gerechnet werden, dass bei gleichbleibend guter Finanzsituationen der Temeswarer Kongress sich als einer der wichtigen musikologischen Kongresse Südosteuropas etablieren und auch für TeilnehmerInnen aus dem westlichen Ausland in steigendem Maße interessant werden wird.