GMTH

›Klang‹. Wundertüte oder Stiefkind der Musiktheorie

16. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)

30.9.–2.10.2016

Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

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Markus Roth


Mit der Formulierung »›Klang‹ – Wundertüte oder Stiefkind der Musiktheorie« hatte die Fachgruppe Musiktheorie der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (hmtmh) den 16. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH) unter ein so offenes wie originelles Leitthema gestellt und durch den ungewöhnlichen, an den Jargon populärwissenschaftlicher Diskurse anknüpfenden Untertitel gleich für zusätzliche Verwirrung gesorgt. Sofern dahinter die Absicht stand, für ein möglichst schillerndes, an Musik des 20. und 21. Jahrhunderts orientiertes Programm zu sorgen, erwies sich die Wahl des Themas durch die Kongressleitung um Volker Helbing als regelrechter Glücksgriff. Zu erleben waren in Hannover vier Grundsatzreferate sowie an die 80 individuelle Beiträge zu insgesamt acht thematischen Sektionen mitsamt angeschlossener Panels, Workshops und Buchpräsentationen – ein beredtes Zeugnis für die Vitalität und Vielseitigkeit des Fachdiskurses, wenngleich Hartmut Fladt im Rahmen des Schlussplenums halb scherzhaft bemängelte, die im Kongress-Untertitel angesprochene, höchst produktive »Wundertüten-Metaphorik« sei im Verlauf der drei Kongresstage gar nicht konsequent zu Ende gedacht worden.

Aus der Auswahl der keynote-speaker, unter denen sich immerhin kein einziger angestammter Vertreter des Fachs Musiktheorie befand, sprach der Wunsch nach anregenden Außenansichten. Die Hoffnung auf provokative ›Impulsreferate‹ erfüllte sich allerdings nur bedingt. Aus bewusst fachfremder Warte zementierte Christian Grüny (Witten) in seinem Grundsatzreferat zu Sektion I (»Terminologisches, Theoriegeschichtliches, Philosophisches«) zunächst den etwas vergröbernden Befund, dass die Dimension des Klangs in einer Musiktheorie traditionellen Zuschnitts »systematisch ausgeschlossen« bleibe, da sie sich dem Joch der begrifflichen Rationalisierung weitgehend entziehe; es bedürfe, so Grüny, eines »grundlegend anderen Typus von Theorie«, um dieses Manko zu beheben. Erwies sich Grünys Theorie-Begriff als merkwürdig starr und letztlich allzu eng, um ihn in aktuellen fachinternen Bezügen produktiv weiterdenken zu können, so überraschte sein Nachredner, der Komponist Fabien Lévy (Detmold), zunächst mit seiner beharrlichen Skepsis gegenüber der sprachlichen Erfassung komplexer klanglicher Phänomene, galt seine Keynote zur Sektion IV (»Instrumentation, Orchestration, Registrierung«) doch gerade der Arbeit am (und dem Vertrauen in den) Begriff: Unter dem Label »funktionale Orchestration« umriss Lévy die kategorialen und terminologischen Fundamente seiner eigenen, von der Ausbildung am Pariser Conservatoire nachhaltig geprägten Unterrichtspraxis und belegte ihre Potenziale mit dem Hinweis auf reizvolle Literaturbeispiele, die einen Bogen von Haydn bis zur eigenen Kompositionspraxis schlugen. Etwas enttäuschend nahm sich am zweiten Kongressvormittag der Beitrag von Oliver Schneller (Rochester) aus, der in seiner Keynote zu Sektion II (»Klang als Gegenstand des Komponierens«) zwar einen facettenreichen Streifzug durch die Geschichte der frühen elektronischen Musik unternahm, Fragen der Theoriebildung in neuerer Komposition und Klangkunst aber weitgehend ausklammerte. Dabei hätte viele im Plenum genauer interessiert, wie dem Klang dortselbst »sein Mysterium im gleichem Maße genommen [wird], wie er an Faszination durch eine präzise parametrisierte strukturelle Beschreibbarkeit gewinnt« – so die Formulierung in Schnellers Abstract. Sollten bei dem einen oder anderen Kongressteilnehmer inzwischen Zweifel am altehrwürdigen Keynote-Format aufgekommen sein, so gelang es der Ehrendoktorin der hmtmh, Helga de la Motte (Berlin), diese überzeugend zu zerstreuen. De la Motte fokussierte zunächst die kompositionsgeschichtlichen Umwälzungen um 1910, die zweifellos ein gesteigertes Interesse an zuvor als ›peripher‹ erachteten Toneigenschaften und damit eine Umwertung zentraler Tonsatzparameter mit sich brachten; im Anschluss gelang es ihr auf erhellende Weise, analytische Streiflichter u.a. zu Debussy, Varèse, Cowell und Rudhyar mit kenntnisreichen und inspirierenden Anmerkungen zu Aspekten klangorientierter systematischer Forschung zu verknüpfen.

Es mag aus der Perspektive ihrer Nachbardisziplinen tatsächlich (immer noch) so wirken, als beschäftige sich die deutschsprachige Musiktheorie im Schatten der ›großen Theorien‹ mit klanglichen Phänomenen nur am Rande; und es mag auch kein Zufall sein, dass im Verlauf des Kongresses mehrfach (und offensichtlich unabhängig voneinander) auf Claude Debussys programmatisches Klavier-Prélude »(… Brouillards)« verwiesen wurde, das wie kaum ein anderes Stück von der Unbestimmtheit, von diffusen Zuständen klanglicher Erscheinungen handelt. Klang – ein Stiefkind der Theorie? In den Nachmittags-Sektionen des Hannoveraner Kongresses konnte man ganz andere Eindrücke gewinnen: ›Im Kleinen‹ – so zumindest nach Eindruck des Berichterstatters und der von ihm befragten KongressteilnehmerInnen – wird das vermeintliche Stiefkind bereits vielerorts als »zentrale, unvermeidbare Kategorie von Musik« (Volker Helbing) begriffen. So nutzten Pierre Funck und Norbert Fröhlich (Trossingen) in ihrem gut besuchten Workshop zur Praxis historischer Stimmungen die Möglichkeiten der leistungsstarken Software PianoTEQ 5, um die fundamentale Bedeutung der klanglichen Dimension in Alter Musik unmittelbar sinnlich erfahrbar und für die Analyse eindrücklicher Beispiele von Purcell bis Schubert fruchtbar zu machen. In ähnlicher Weise thematisierten zahlreiche Beiträge in Sektion IV die historischen Aspekte der klanglichen Dimension, und Roberta Vidic (Hamburg) beschäftigte sich in ihrem instruktiven Lecture-Recital auf einer Erard-Harfe aus dem Jahr 1833 mit Wechselwirkungen zwischen innovativer Bauweise und Satztechnik anhand des zeitgenössischen Fantasie-Repertoires. Von wegen ›Stiefkind‹!

Zu viel geschah in teilweise vier gleichzeitig stattfindenden Sektionen, als dass ein einzelner Berichterstatter darüber Protokoll führen könnte. Eine erfreuliche Vielzahl von Beiträgen war Aspekten klangorientierter Analyse neuer Musik am Beispiel von Werken von Crumb, Ligeti, Grisey, Lachenmann und Oehring gewidmet; aber auch die Sektion »Sound in der Pop- und Rockmusik sowie im Film« bot interessante Einblicke in den aktuellen Stand der Popularmusikforschung und -analyse, wobei Hubertus Dreyers luzide Analyse von David Bowies letztem Song Lazarus in besonderer Erinnerung blieb. Die Frage, mit welchen Werkzeugen die Musiktheorie auf die oben umrissenen Herausforderungen reagieren kann, stellt sich in Kontexten populärer Musikproduktion natürlich auf besonders drängende Weise, da ›Klang‹ als technisches Produkt sich weitgehend schriftlicher Fixierung entzieht. Daher steht zu hoffen, dass der nächstjährige Jahreskongress der GMTH, der in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Popularmusikforschung (GfPM) Mitte November 2017 in Graz stattfinden wird, die in Hannover gesetzten Impulse aufgreifen und weitertragen wird.

Mit Freude ist die immer selbstverständlichere Partizipation des wissenschaftlichen Nachwuchses auf den GMTH-Jahreskongressen zu konstatieren, die sich in Hannover vor allem in Panels zu den Themenfeldern »Experimentelle Musik«, »Aktuelles Komponieren zwischen Bild, Klang, Raum und Wahrnehmung« und »Techniken klanglicher Verwandlungen in Wiener Orchesterliedern des Fin de Siècle« engagierte. Im Rahmen der Mitgliederversammlung wurde Immanuel Ott (Mainz) zum neuen Präsidenten der GMTH gewählt; für seine nach vier Amtsjahren scheidende Vorgängerin Gesine Schröder (Wien/Leipzig) gab es noch am späten Samstagabend minutenlangen und ehrenvollen Applaus. Zum halbrunderneuerten Vorstand der Gesellschaft gehören künftig – neben Hans Niklas Kuhn und Christian Utz, die beide in Vorstandsämtern bestätigt wurden – die vier Neulinge Sigrun Heinzelmann (Salzburg, Vizepräsidentin), Julia Deppert-Lang (Trossingen/Berlin, Webadministratorin), Anne-Sophie Lahrmann (Osnabrück/Mainz) und Jonathan Stark (Wien). Peter Mutter (Luzern) erhielt einen 3. Preis im Rahmen des diesjährigen künstlerischen Wettbewerbs.

Als persönliches Highlight des Hannoveraner Kongresses erlebte der Berichterstatter die Aufführung von Morton Feldmans Ensemblestück Madame Press died last week at ninety (1970) in Frank Märkels Klaviertranskription, die dieser im Rahmen des Konzerts am Freitagabend selbst vortrug. Im selben Programm erklangen Helmut Lachenmanns 2. Streichquartett (»Reigen seliger Geister«, 1989), Tristan Murails Quintett Treize couleurs du soleil couchant (1978) sowie Anton Weberns Symphonie op. 21, kompetent dargeboten von Studierenden der hmtmh und Das Neue Ensemble Hannover. Die gastgebende Fachgruppe sorgte für einen stets reibungslosen und angenehmen Kongressablauf.