GMTH

Fortbildung »Musiktheorie unterrichten: Schule – Musikschule – Hochschule«

Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden

11.–12.11.2016

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David Witsch


Wie oft klagt die Hochschullehre darüber, dass die Studierenden mit immer geringeren musiktheoretischen und musikhistorischen Kenntnissen an die Hochschulen kommen, insbesondere im Bereich der allgemeinen Grundlagen. Gleichzeitig bemüht man sich aber bislang auch nur unzureichend um eine wirkliche Verbesserung der Situation, ist es doch einfacher, das Problem den weiterführenden Schulen und Musikschulen zuzuschreiben, oftmals auch aus Selbstschutz vor einer allzu kritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Elementarwissen sowie dessen ansprechender und zeitgemäßer Vermittlung. Musiktheoretische Fachdidaktik für SchulmusikerInnen und InstrumentalpädagogInnen findet sich folglich kaum in den Studiengängen wieder, wo also soll der so dringend benötigte qualifizierte Unterricht im tonsetzerischen und hörerzieherischen Bereich herkommen, wenn nicht die zukünftigen Lehrenden der für die Misere verantwortlich gemachten Lehrinstitutionen entsprechend ausgebildet werden?

Genau hier setzte die Fortbildung »Musiktheorie unterrichten: Schule – Musikschule – Hochschule« der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden an, wohl einem Impuls aus der Studierendenschaft folgend. An zwei Tagen, dem 11. und 12. November 2016, ging man dort den Fragen nach, wie musiktheoretische Inhalte in den Musikunterricht eingebunden werden können und wie Interesse daran geweckt und aufrechterhalten werden kann. Dazu waren Edith Metzner (Musiktheorie) und Johannes M. Walter (Musikpädagogik) – beide derzeit an der Hochschule für Musik Karlsruhe tätig – eingeladen worden, einen kurzen Einblick zu exemplarischen Themen ihrer interdisziplinären Allgemeinen Musiklehre zu geben, welche sie seit mehreren Jahren dort zusammen anbieten. Edith Metzner beleuchtet dabei stets die musiktheoretische Seite eines Themas, während Johannes M. Walter anschließend auf musikpädagogische Strategien eingeht, welche vorwiegend aus seiner eigenen Praxis als Gymnasiallehrer stammen und damit sowohl konkret als auch erprobt sind.

Der guten Organisation von und angenehmen Kommunikation mit Juliane Brandes (Dresden) ist es zu verdanken, dass sich die wenigen, dafür aber von umso weiter weg angereisten, externen TeilnehmerInnen gleich willkommen fühlten und die Gesamtveranstaltung weitgehend reibungslos ablief. Lediglich der Beginn gestaltete sich etwas holprig, da ausgerechnet gleich der Eröffnungsvortrag von Wolfgang Lessing (Dresden) den Unberechenbarkeiten der Deutschen Bahn zum Opfer und damit ausfiel. Dennoch entwickelte sich schnell ein intensives Gespräch zwischen den zahlreichen Teilnehmenden – größtenteils Lehramtsstudierende am Haus – und Vortragenden, wodurch die Veranstaltung so viel Fahrt gewann, dass von den für den ersten Teil geplanten Inhalten lediglich den Intervallen genügend Zeit gewidmet werden konnte, während die übrigen (Schlüsse und Satzmodelle) stark komprimiert werden mussten. Ausgehend von einem aus den Schwingungsverhältnissen einer Saite gewonnenen pythagoreischen Ansatz wurde der Bogen zu Heinrich Christoph Kochs auf Intervallverhältnisse bezogenen Paragraphen im Versuch einer Anleitung zur Komposition geschlagen, welche neben der mathematischen Ebene auch die ästhetische mit einbeziehen. Hier konzentrierte sich die Diskussion insbesondere auf die übliche Frage nach geeigneten Bezeichnungen für die Wahrnehmung der Intervallklänge und entsprechenden Klangkategorien, wobei auch die Ambivalenz der Quarte thematisiert wurde. Elementare Vermittlungsübungen aus dem Bereich der Hörerziehung standen am Ende des Blocks. Diese erforderten weitestgehend den Gebrauch der Stimme, ohne dabei jedoch – dankenswerterweise – übermäßig auf die immer noch übliche Methodik des Abgleichs mit Liedanfängen zu rekurrieren.

Die weiteren Themen konnten angesichts der bereits erwähnten zeitlichen Disposition nur kurz gestreift und damit lediglich von einer Seite betrachtet werden. Anhand eines kurzen Menuetts von Mozart ließ sich eine Systematik zur Beschreibung von Schlüssen herleiten, die auf Joseph Riepels Grundregeln zur Tonordnung insgemein basierte. Den Tag abschließend präsentierte Johannes M. Walter exemplarische Möglichkeiten der Vermittlung von Satzmodellen, indem ewa durch eigene Textierungen der SchülerInnen polyphone Strukturen und metrische Verhältnisse praktisch erfahrbar gemacht werden.

Im zweiten Teil war mit der Sonatensatzform nur ein Thema vorgesehen, sodass auch hier wieder eine umfassendere Auseinandersetzung möglich war. Dem theoretischen Teil lag dabei erneut Kochs Schrift zugrunde, anhand derer allgemeine Prinzipien der formalen Gliederung und Modulationsordnung klassischer Sonaten dargestellt wurden, ehe deren konkrete Umsetzung (oder eben auch Nicht-Umsetzung) in der kompositorischen Praxis mehrerer Sonatenhauptsätze diskutiert wurde. Zentraler Inhalt war dabei stets auch der Paradigmenwechsel vom (universellen) barocken Affekt zur (nun persönlichen) klassischen Empfindung, ferner die Weiterführung von der Einheit der Empfindung als ästhetisches Ideal zum Kontrastdenken des 19. Jahrhunderts bei der thematischen Anlage innerhalb der Gattung Sonate. Konkrete Anwendung für den Unterricht boten einerseits die Werkanalysen mit wechselndem inhaltlichen Fokus, andererseits aber auch wieder ein Blick auf die Hörerziehung, mithilfe derer Strukturen zunächst in vereinfachter Form vermittelt und dann schrittweise zur originalen Vorlage erweitert werden konnten.

Den Abschluss bildete der von Freitag auf Samstag verlegte Impulsvortrag von Wolfgang Lessing. Darin stellte Lessing Grundlagen der Solmisation vor und berichtete über deren Umsetzung im Klassenunterricht, verbunden mit wichtigen Hinweisen zur Psychologie, wodurch er Wege des Verstehens sichtbar werden lassen konnte. Im Anschluss daran wurden diese Grundlagen durch gemeinsames Singen mit den ZuhörerInnen, DozentInnen und Studierenden angewendet.

Insgesamt zeigte sich, dass die Grenzen zwischen den Institutionen Schule, Musikschule und Hochschule, zumindest was die didaktischen Ansätze, die zu behandelnden Themen und deren Literatur anbelangt, fließend sind und sich vieles an allen drei Institutionstypen einsetzen lässt – natürlich stets den Erfordernissen der Zielgruppe angepasst. Sollte die Musikhochschule Dresden in der Lage sein, dieses noch junge Format aufrechtzuerhalten und auszubauen, wird es sich sicherlich als ein Schritt in die richtige Richtung und als allgemein gewinnbringend erweisen.